Organ für die Interessen des werktätigen Volkes der Provinz Oberhcffen und der Nachbargcbicte.
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Nr. 202
Gießen, Mittwoch, den 2. September 1914
9. Jahrgang
Vier Wochen Weltkrieg.
ftm heißen August des Jahres 10l4 haben die Bewohner unseres Erdballs mehr erlebt als sonst in einem Mcnschcnaltcr. Kriege wurden erklärt, die Europa vom Ural bis zu den Pyrenäen, von der Nordsee bis zurAdria in ein einziges Kampsfcld verwandelten; ans allen Meeren herrscht der Kaperkricg, ans dem glühenden Boden Afrikas wird gekämpft und im fernen Ostasicn. Schlachten werden geschlagen, die sich über Hunderte von Kilometern erstreckten und Millionenheere ins Gefecht brachten. Städte wurden verbrannt, und auf allen Seiten türmten sich die Leichcnhügel.
Die Größe dieses Weltkrieges übersteigt fast das menschliche Fassungsvermögen. Gegen Deutschland und Oesterreich sieht eine Koalition von Mächteit. deren Herrschaftsgebiet eine Bevölkerung von rund 700 Millionen umfaßt! In einem Kampfe von solchen kaum noch vorstellbaren Ausmaßen lassen sich die Möglichkeiten seiner ferneren Entwicklung gar nicht übersehen, ft«, es ist schon schwer, sich von dem bisher erreichten Stand der Dinge ein klares Bild zu niachcn, da in jedem Augenblick Verschiebungen von ungeheurer Bedeutung cintreten können.
Auf dem w c st I i ch c » Kriegschauptav shuropas haben in den ersten vier Wochen die größten glückverheißenden Entscheidungen stattgcfunden. Mit unwiderstehlicher Wucht sind die deutschen Truppen über Belgien bis weit nach Frankreich vorgcdrnngcn, dessen Millionenheerc durch wiederholte Niederlagen geschwächt und in Verteidigungsstellung gedrängt sind, Jetzt richtet sich Frankreich darauf ein, den Verteidigungskrieg in die Länge zu ziehen, möglichst große deutsche Masse» im Westen fcstzuhalten — und indessen blickt cS gespannt nach dem Bundesgenossen im Oste», dessen Angriff die deutsche Wehrmacht zwingen soll, die westliche Beute fahren zu lasse», um das eigene Land gegen die östlichen Bcute- macher zu verteidigen.
Inzwischen ist es gelungen, von den beiden russischen Armeen, die augensckwiulich auf Königsberg zustrcbten, eine völlig zu schlagen und fast vernichtet über die Grenze znrückzuwerfcn. Auch an der polnisch-galizischcn Grenze haben sich durch die Schlacht bei Krasnik die Verhältnisse für die Verbündeten günstig gestaltet. So hat auch im Osten der Kampf unter glücklichen Vorzeichen begonnen, obwohl dort die Lage noch lange nicht so klar ist wie im Westen. Die russische Mobilmachung vollzieht sich langsam, die zu- rückzulegcndcn Strecken sind gewaltig, und darum hat niemand erwartet, daß es auf dem östlichen Schauplatz binnen vier Wochen zu lebten Entscheidungen kommen könnte. Durch die Besetzung eines Teils von Russisch-Polen können solche Entscheidungen ebensowenig gebracht werden, wie durch das zeitweilige Vordringen russischer Strcitkräfte in deutsche Gebietsteile. Von allen Gegnern verdient der Zarismus am wenigsten Schonung. Darum wirb die günstige Wendung, die mit der Schlacht von Ortclsburg eingetreten ist, vom ganzen deutschen Volk mit der allergrößten Freude begrüßt.
In den nördlichen Meeren steht Deutschlands Flotte gegen die Strcitkräfte des secgcwaltigen England, die von den französischen und von der russischen Flotte unterstützt werden. Im Mittelmcer hat sich die österreichische Flotte gegen Frankreich und England zu verteidigen, in den ostasiatischen Meeren steht die iapanische Flotte gegen Deutschlands geringe Kräfte. Das weite Weltmeer wird aber zur Zeit noch von den Gegnern Deutschlands beherrscht, dessen überseeischer Verkehr vollständig unterbunden ist. Ein erstes Seegefecht in der Nordsee hat der deutschen Flotte schmerzliche Verluste und auch dem Gegner erhebliche Schäden gebracht, deren Größe sich siirs erste nicht erkennen läßt.
Unklar ist auch die Lage i n \ 6 e n Kolonien. Seit der Besetzung Lones durch die Engländer fehlt es von dort an wichtigeren Nachrichten, auch die Folgen der vor einer Woche erfolgten japanischen Kriegserklärung lassen sich noch nicht erkennen.
Die Größe der deutschen Erfolge in Belgien und «irankrcich verbannt jede Anwandlung von Kleinmut. Deutschland kann einer Welt von Feinden die Stirne bieten, weil sich alle Klassen der Bevölkerung, die Gefahr erkennend, zuni gemeinsamen Vcrteidigungskampfe zusammcngeschlossen haben. Ja, ein Verteidig»ngskampf ist es, den das deutsche Volk führt, diese Wahrheit darf durch die wechselnden Bilder des ungeheuren Kriegspanoramas nicht in den Hintergrund gedrängt werden. Was das deutsche Volk im Felde tut, bas tut cs, um nicht selber zerschmettert zu werden, nicht aus Lust, andere zu zerschmettern. Es ist nicht ausgezogen, un> zu erobern, sonder» um seinen Boden, seine Selbständigkeit nach außen gegen eine Koalition zu behaupten, deren Macht nicht deshalb verkannt werden darf, weil sic in den ersten vier Wochen sehr schwere Niederlagen erlitten hat.
Darum kommen jetzt alle Pläne zur Neuaufteilung der Welt zu früh, leider aber ebenso auch alle Gerüchte von einer bevorstehenden Vermittlung. Eine solche Vermittlung wird erst dann Aussicht auf Erfolg haben, wenn jedes der beteiligten Völker volle Klarheit über seine Lage gewonnen haben wird. Wie lanae das noch bauern wird, vermag niemand vorauSzusagcn. ^abrschcinlich sind dazu Entscheidungen von solcher Wucht lind ' notwendig, baß niemand mehr die Augen vor ihnen vermeide » dlber unter welchen Opfern werden sic erkämpft
Die Deutschen 80 Kilometer von w Poris!
^ -lus P aris wird der Franks. Ztg. gemeldet: Deutsche Truppe » sind am Sonntag in C o m p i e g n c (SO Kilo- mcter von Paris) angckommen. Tie sranzvsischc Militärbehörde kündigte an, dass, da die MilitärtranSportc nuiiiiiehr beendet icicn, btc Zivilbevölkerung genügende Gelegenheit habe, in Zugen, die mit doppelter und dreifacher Wagcnzahl ausgestattct werden sollen, Par i s zn vc r l a s se n. In
Her Urica.
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Paris hatte man bis zuletzt gehasst, dass der deutsche Vormarsch durch die verschanzten Lager von L a F d r c und Laon sowie durch die natürliche» Hindernisse der Bodcngestaltung aufgchaltcn werden würde. Nunmehr tröstet man sich damit, das- das deutsche Heer insolge der riesigen Anstrcngnngcn und Verluste erschöpft sei, während die Franzosen noch über starke und frische Reserven verfügten.
Ein deutscher Flieaer wirst Bomben aus Paris!
Tie erste Kunde von de» nahenden Tcutschcn brachte ein dcuisches Flugzeug, das in einer Höhe von 2000 Mcter um Mittag eine ganze Stunde über Paris schwebte und d r c ij B o m b c n hcrabwarf. Tic erste Bombe siel ans eine Druckerei. Die zweite explodierte vor einem Bäckercibesitzer, der an der Kasse fast; der Mann wurde durch Splitter leicht verwundet. Tie dritte siel in die Ruc Rccolcttc; zwei Frauen wurden hier schwer verwundet. Die Bevölkerung glaubte zuerst, dass eine Gasexplosion vorlicge und lies zrn den Stellen zusammen, wo die Detonationen gehört wurden. Bald erschienen Feuerwehr, Polizei und Bürgermeister und sperrten ab. An drei Stellen liest der Aeroplan mit Sand beschwerte Säcke fallen; diese enthielten 2y 2 Meter lange Banner in den deutschen Farben sowie Schreiben des Wortlauts : „Das deutsche Heer steht vor den Toren von Paris; es bleibt Euch nichts übrig, als Euch zu ergeben!"
Die Japaner als Netter!
Pichon erörtert im Petit Journal den Plan, mehrere hunderttausend Japaner zur Unterstützung des Dreiverbandes nach Europa komme» zu lassen, was seiner Ansicht nach bei der voraussichtlich langen Dauer des Krieges wohl möglich wäre.
Briefe eines ostpreußischen Michtlin,zs.
....Walde, 21. August.
Während der letzten vierzehn Tage wurde unsere „ Kling« l- bahn", di« hier ans Masuren in zwei Stunden bis dicht an di« russische Grenz« führt, säst ausschließlich von Truppentransporten in Anspruch genommen. Auch rings um meinen Gutshof lag viel Militär, das wie in Fricdcnszciten fleißig Fetdinenst übte und dann vor erlieg M Tagen plötzlich verschwand Leider sind mir bei der Mobilmachung fast alle Arbeiter und Pstrde genommen worden Die Ernte ist zwar cingebracht, aber ich kann so gut wie nichts dreschen, und an eine Saatbestcllung ist nicht zu danken, wenn wir nicht Hilfskräfte aus der Stadt bekommen. Gestern und vorgestern hat zwischen Gumbinnen und Angerburg ein« Schlacht stattgesnnden, deren Geschützdonner hier deutlich zu vernehmen war. Tie Russen haben Dresche bekommen und die Unscrigcn haben etwa 8000 Gefangene gemacht. Jedenfalls scheint es jetzt so, als ob wir vor den Kosaken verschont bleiben dürsten.
Königsberg, 22. August.
Nun sitz« ich hier in Königsberg. Das Leben ist gerettet, sonst aber nichts. Mein Hof, bis ans das Wohnhaus, liegt m Asche. Es kam alles so plötzlich und unerwartet, daß mir di« Erlebnisse des heutigen Tages noch wie ein Traum erscheinen. Ich nmß mich immer wieder erst davon überzeugen, daß dies alles furchtbare Wirklichkeit ist.
Die Schlacht bei Gumbinnen hatte mit einem unzweifelhaften Sieg für uns geendet. Trotzdem mußten die deutschen Truppen zurückgezogen werden, weil sic sich gegen die voni Süden anriickciid« russische Uebcrmacht nascht länger hätten halten können. Das habe ich aber erst hier in Königsberg erfahren. Henke früh morgens saß ich noch nichts ahnend zu Hanse an meinem Schreibtisch, NM eine Eingabe an den Landrat fertig zu machen, als vor dem Fenster plötzlich der Kopf eines Kesakenofsiziers erscheint. „Aus diesem Haus ist geschossen worden!" ruft er ans Deutsch. Ich nötige ihn ins Wohnzimmer und gebe ihm die Versicherung, daß weder von mir noch von meinen Leuten «in Schuß abgegeben worden sei nnd daß wir von der Anwesenheit der Russen überhaupt nichts gewußt hätten. Er scheint sich dabei ,zu beruhigen, und ich frage ihn. ob ich ihm eine Flasche Wein vorsetze» dürfe. „Wir nehmen ivähvend des Feldzugs keine» Tropfen Alkohol, «s ist streng verboten", antwortet er. „aber für ein Glas Tee wäre ich Ihnen dankbar." Ich lasse ihm Tee und ein Frühstück servieren, wir unterhalten uns ganz gemütlich miteinander. Als er aber fertig ist, erklärt er mir mit der gleichgültigsten Miene: „Nun muß ich meine Pflicht tun und den Hof anzünden lassen, denn cs ist ans Ihrem Haus auf meine Truppe geschossen worden." Mein« Beteuerungen halfen nichts, er gestaltcl nisr nur, mein« Leute und mich in Sicherheit zu bringen, nnd er verspricht — worum ich ihn gebeten halt« — mein Wohnhaus zu verschonen. Die unglückliche Viehherde, di« sich auf der Weide befand, wurde darauf von den Kosaken in den Stall getrieben, die Tür fest verschlossen und dann an alle Gebäude Feuer angcfegt. Inzwischen halte ich meine Leute und mich auf Leiterwagen gesetzt, und nun ging cs fort, so schnell wi« die ollen Ackergäule laufen konnten. Schwarze Rauchwolken und das kläglich« Gebrüll meines Viehes waren der letzte Gruß der untcrgehendcn Heimat . . .
Wir versuchten die nächste Bahnstation zu erreichen: hier ging aber kein Zug mehr, und so mußten wir weiter, lieberall tauchten schon Kosakcntruppcn auf, nnd ich habe unsere dichten ostprcnßifchen Wälder gesegnet, in denen wir uns, wenn die Lage gar zu brenzlich wurde, verstecken konnten. All« Wege mid Steg« waren mit endlosen Ziigen von Land- und StadNeuten bedeckt, dte zu Wagen oder.
zu Fuß flohen; auch eitrige Viehherden wurden getrieben. Es ivar die reine Völkerwanderung, und das Elend und der Jammer lassen sich nicht beschreiben. Schließlich erreichten wir noch eine Bahn und sind heute gegen Abend tu Königsberg angekommen. All unsere Habe ist verloren, aber wir haben wenigstens das Leben gerettet.
lieber das Auftreten der Kosaken habe ich die vcrschieden- arligsten Gerüchte und Ansichten gehört. Sie soüen, im Gegensatz zu den regulären russischen Truppen, ein für allemal die dienstliche Erlaubnis zum Plündern und Brennen erhalten haben. Als Vorwand diente daun immer die Beschuldigung, cs iväre ans dem be- trcssenden Gehöft geschossen morden. Di: „herrschaftlichen" La»d- hänscr lassen sic meistens stehen, weil sie darin allerhand Schätze vermuten und weil di« Gebäude von den russische,i Ossizieren eventuell als Onartlcr benutzt werden sollen. Damit erklärt sich auch die Schonung meines Gntshofes. Weshalb sic al>cr Misere Viehherden verbrennen, die ihren Truppen doch als Nahnmg dienen könnten, ist schlechterdings rätselhaft, Ucberhaupt erscheint mir die Psychologie des Kosaken immer mehr als ein Buch mit sieben Tiegel». Eine BrsitzerSfran, d«rcn Mann im F«ld« stcht nnd deren Gut unmittelbar an die russische Grenze stößt, erzählt z. B. folgendes: „Gleich nach der Mobilmachung erschien plötzlich «ine Kosaken- patrouillc aus unserem Hof und ging sofort daran, eine Scheune anzuzündeii. Ich nahm all« meine Knrage zusammen, trat den Kerls energisch entgegen und befahl aus Russisch, augenblicklich das Feuer zu löschen; sie könnten sich dann in der Küche melden und jeder würde eine Tasse Kasfee bekommen. Das imponierte ihnen, sse löschten tatsächlich das Feuer, tranken ihren Kasse« und enisernten sich unter dcooten Danksagungen. Als aber der Besitzer eines Nachbargutes es ebenso zu »rachen versuchte wie ich, wurde er schlankweg Über den Hausen geschossen!" —
Königsberg, 26. August.
Heute besuchte ich mehrere Bekannte, die in der Schlacht bei Gumbinnen verwundet wurden sind. Alle waren voll Ingrimm nnd Enipörung über di« russische Kriegführung, die allen Satzungen des Völkerrechts widerivrichk. Ein Dragoner, der einige Tage vor der Gumbinner Schlacht einen Patrouillenritt in Littaucn, dicht au. der russischen Grenze, gemacht hatte, erzählte von den entsetzlichen Vcrivüslmigen, die die Kosaken dort angerichtet haben. „Ich fand mich, sagte er, „in meiner Heimat schlteßlich nicht mehr zurecht; kein. Hos und kein Haus stand mehr, alles war niedergebrainit, und Leichen von erschlagenen Männern, Frauen nnd Kindern lagen an den Wagen." Er zeigte mir dann eine „Nagaika". die er einem getöteten Kosaken abgenoimneu hatle. Das Mordrnstrument besteht aus einen' kurzen Stiel, an dem ein Bündel Lederricmen von etwa 30 Zentim. Länge befestigt ist. In einigen der Riemen sind Bleikugeln eingeknüpft. So sicht die offizielle Peitsche aus, die zur miliiärischeu Ausrüstung des Kosakin gehört. Daneben führen die Kerle aber auch besondere, sozusagen iitofsiztelle Nagarken bei sich, die sie in der Brusttasche versteckt Hallen und die an ihrem Stiel nickst ein Bündel Riemen, sondern nur einen einzigen, aber ans Draht geflochtenen Strang mit einem Bleiknopf cC.i Ende haben. Die Wirkung dieser furchtbaren Waffe ist der eines Schrotschusses ähnlich . . . Das ist das Handwerkszeug, mit dem Väterchens Hekdcnschar die wehrlosen vstprcnßischen Grenzbcivohner bearbeitete, di« sich nicht mehr flüchten konnten!
Berlin, 28. August, vormittags.
Nach 40stiindigcr Fahrt bm ich heute mit meinen Leuten hier, eingetrosfen. Wir durften r.icht länger in Königsberg bleiben. Was aus uns werden wird, weiß ich noch nicht.
Berlin, 20. August, mittags.
Ertrablättcr! Endlich! Ter Sieg bei Lrtelsdurg. Nun weht ihr, Fahnen Berlins, auch für Ostpreußen!
Die Verwüstung der Provinz Ostpreußen.
Ter Magistrat von Königsberg erläßt einen Aufruf, in dem cs heißt:
„Weile Strecken unserer gesegneten ostprcußischcn Fluren find vorübergehend von Feinden besetzt und fast überall barbarisch verwüstet worden. Viele unserer Landsleute sind hingr- mordct. Wer das nackte Leben gerettet hat, ist zumeist an den Bettelstab gebracht. Namenloses Leid ist so über Tausende von Familien gebracht morden. Wohlan denn, liebe Mitbürger! Laßt uns ihr Leid als eigenes Mitempfinden. Unsere Pro- vinzialhauptstaüt zeige sich ihrer llcbcrlicfernng würdig. Sie ist von den wirklichen Leiden noch unberührt, unser herrliches Heer schützt sie, wie die noch unbesetzten Teile Ostpreußens mit unvergleichlicher Tapferkeit. Bon unserer alten .Krönungsstadt soll der Ruf in das ganze Vaterland hinausgchcn: Helft unseren Armen von Haus und Hof vertriebenen ostprcußischcn Landsleuten! . . ."
Die Leiden eines großes Teils der ostprcußischcn Bevölkerung jst geradezu unbeschreiblich. Viele Leute hatten mit Pferd und Wagen, sowie etwas Vieh, ihre Grundstücke verlassen. Nacht für Nacht mußten sie mit Weib und Kind im Freien schlafen. Schließlich haben viele ihre Wagen, ihre Pferde, ihr Vieh, ihre letzten Habscligkciten im Stiche lassen müssen, um sich ans die Eisenbahn zu werfen, um ans diese Weise wenigstens ihr Leben in Sicherheit zu bringen. Die Ehaussecn nach der Prooinzialhaiiptstadt sind mit unabsehbaren Zügen von Landsnhrwcrkcn besetzt. Vieh und Pferde irren herrenlos umher! Ja, totes Vieh wird an den Ehaussecn vorgcfundc». Die Leute wissen meist nicht, wohin sic wandern; nur fori, damit sie nicht in den Bereich des Russen kommen. Dieser Gedanke allein beherrscht sic. Tie Bahnhöfe sind dicht besetzt von jammernden Familien. In manchen Städten waren keine Lebens- mittel mehr zu haben. Bäcker, Fleischer, Gastwirte, Kanflcute hatten ihre Läden geschlossen. Selbst auf kleinen Bahnhöfen gab es nichts zu kaufen, sodaß die Flüchtlinge Hunger und Durst litten. Die wohlhabende Bevölkerung war schon einige Tage vorher geflüchtet Kein Arzt, leine Hebamme mar zu haben. Und die Zivilbchörden? Tie erklärten an verschiedenen Stellen, cs liege lein Anlaß z« besonderer Bcunruhignng vor. Die ärmere Bevölkerung wurde nicht mit Nahrungsmitteln versorgt, sodaß fic flüchten mußte, wenn sie nicht elend umkommc» wollte. Hier bätten die Behörden rechtzeitig tatkräftig eingrotsei, müssen. Etzcnjo


