Organ für die Interessen des werktätigen Volkes der Provinz Oberheffen und der Nachbargebiete.
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Nr. 198
Gießen, Freitag den 28. August 1914
9. Jahrgang
Zur polnischen Frage
wird der Parteipresse geschrieben:
Nach dem, was man zurzeit aus Polen erfährt, will dort nieniand mehr etwas von „Gnadengeschenken" oder „Zuge- ständnisscn" des Zaren wissen. Die Polen ersehnen insgesamt den Sturz des russischen Regiments und die Er- richtung eines neuen Polen, das durch starke Bündnisse das Zarentum für immer lahmzulegen oder mindestens in Schach halten soll.
Man hat wohl geglaubt, die Wiederherstellung eine? selbständigen Polen, die 1848 von der deutschen Demokratie so dringend gefordert wurde, sei im Rate der Völker auf den Sankt Nimmerleinstag verschoben. Die täglichen Berichte über die derzeitigen Vorgänge in Polen beweisen aber, daß diese Frage wieder akut geworden ist.
Gleich beim Ausbruch des Weltkrieges wurden in den weitesten Kreisen in Deutschland auf den Ausbruch einer Revolution in Polen und Rußland die größten Hoffnungen gesetzt.
In der Tat könnte der Sieg der deutschen Waffen über das Zarentum bedeutend erleichtert werden, wenn jetzt solche Volksbewegungen in Gang kämen. Man kann sogar sagen, daß dadurch die Niederlage des Zarentums unvermeid- I i ch und sogar sein Untergang möglich würde.
In den polnischen politischen Kreisen trägt man sich daruin mit der Erwartung, so besagt eine uns zugegangene Information, Deutschland werde sich zu einer großen Idee erheben, werde die „Liquidation Rußlands" in die Hand nehmen, werde die polnische Insurrektion organisieren und an die östliche polnische Grenze Vordringen. Das würde sofort die russische Revolution in Fluß bringen. Die Polen, so lautet unsere Information weiter, knüpfen daran die größten Hoffnungen: sie sind der Ueberzeugung, daß eine solche Bewegung auch Finnland mit sich reißen und Schweden zu dessen Wiedergewinnung und Befreiung auf den Plan bringen würde.
Es wird jetzt in der Presse viel gesprochen von einem '„heiligen Krieg" der Polen gegen Rußland, von einem Zusammenschluß aller Parteien in Polen gegen die russische Knutenherrschaft', es wird versichert, daß die auf Wiederherstellung Polens gerichtete, im Werden begriffene Erhebung mit dem Panslawismus nichts zu tun habe, der lediglich eine russische Sache sei, usw.
Genaue Nachrichten und Einzelheiten über diese Vorgänge fehlen uns. Aber auch wir sind der Meinung, es würde für die Sache Deutschlands und für den künftigen europäischen Frieden förderlich, ja vielleicht entscheidend sein, wenn die deutsche Politik die polnische Erhebung unterstützen würde. Außerordentliche Zeiten fordern und rechtfertigen außerordentliche Mittel.
Aber auf der einen Seite scheinen die Polen eine an Fragen der „Legitimität" knüpfende deutsche Unterstützung gar nicht zu wollen, während man in Berlin die größten Bedenken haben wird, eine revolutio- näre Erhebung direkt oder indirekt zu unter* stütze n.
Wir würden es sehr bedauern, wenn man bei den alten Vorurteilen beharren wollte in dieser eisernen Zeit, welche einen Weltteil mit Blut und Flammen bedecken und möglicherweise dessen äußere Gestalt mit heute ungeahnten Veränderungen heimsuchen wird.
Wenn die polnische Revolution zum Durchbruch kommen und ein neues Polen auferstehen wird, so hat dessen vorläufige Form weniger zu bedeuten. Die Polen mögen schon selbst'über die Zustände und Einrichtungen in dieser neuen Staatsbildung entscheiden und seine Weiterentwicklung bestimmen. Ein polnisches Reich zwischen Deutschland und Rußland wäre eine sichere Garantie, daß Rußlands Zarentum den verbrecherischen Unfug, den cs bisher mit Europa getrieben, nicht mehr treiben könnte.
Man beschäftigt sich bereits mit den Schwierigkeiten, die durch die Begründung eines neuen Polen erwachsen würden. Und da wird vor allem betont, daß Deutschland respektive P re u tz e n unter keinen Umständen auf seine polnischem Landesteile verzichten werde.
Dagegen wird wieder betont, daß die Polen keineswegs auf der Rückgabe von Posen und dessen Einfügung in das neue Reich bestehen würden. Sie würden zufrieden sein, heißt es, wenn sie ihr Reich an die heutige russische Ostseeküste ausbreiten und den heutigen nationalpolnischen Elementen in Preußen die Gelegenheit bieten könnten, durch Option und Auswanderung einen Menjchenstrom in die Menschen-
Der Krieg.
armen Gefilde von Litauen. Volhynien, Podolien usw. zu leiten, die alsdann eine wohltätige Besiedelung erfahren würden. Tann, glaubt man, wäre die heute oft so unbequem gewordene „Polcnfragc" für Preußen gelöst.
Dies sind die Gedanken, die zurzeit auftauchcn, und wir geben sic wieder, ohne sic damit zu den unseligen zu niachen. Aber eine Lösung der nun auftauchcnden Polensrage m u ß gefunden werden. Unsere heißen Wünsche, die, wie im Reichstag verkündet worden, unsere kämpfenden Brüder begleiten, gehen selbstverständlich auch dahin, daß es ihnen gelingen möge, das Z a r e n t u ni niit seinen Kosaken g r ü n d- l i ch n i e d e r z u w e r s e n. Eine halbe oder unbefriedigende Lösung der Polensrage aber würde eine unaufhörlich schtvärendechffcneWnnde bleiben.
Bei diesem ungeheuren Kampfe, der voraussichtlich ebenso ungeheure Veränderungen nach sich ziehen und Europa eine neue Physiognomie geben wird, sollte man sich, denken wir, NM so leichter entschließen können, mit alten u e b e r. li eferun g c n zu brechen, als es sich um die größten Werte und Kulturerrungenschasten handeln wird. Die polnische Frage ist nur eine von den vielen, die im Verlaufe dieser Katastrophe auftauchcn. Aber sie gehört zu den völkerrechtlichen Problemen, deren Lösung mit am dringendsten erforderlich ist. Die schöne Gelegenheit, früher begangene Fehler, soweit cs möglich, heute wieder gut zu machen, sollte nicht versäumt werden. Nicht nur könnte der Kampf früher zu Ende gebracht werden — eine zeitgemäße Lösung der Polensrage würde dazu beitragen, das Blut der Völker als nicht umsonst vergossen erscheinen zu lassen. Wir verkennen die Schwierigkeiten nicht. Aber sie zu überwinden, ist keine Unmöglichkeit.
Antwerpen vor dem Kampfe.
AuS dem Haag wird der Voss. Ztg. geschrieben: „In Antwerpen macht sich bereits eine heftige Unzufriedenheit mit dem Verhalten der Regierung bemerkbar, die durch ihre doppelsinnigen Bekanntmachungen das Publikum so lange in völliger Ungewißheit gelassen hat. Am Mittwoch mittag trafen in jämmerlichem Zustande die ersten flüchtigen Truppen von dem Schlachtfelde ein. Tie Schlacht bei Löwen dauerte drei Tage. Die Soldaten berichteten uns auf unsere Frage: Unser Vormarsch ist dreimal abgeschlagen worden. Wir kämpften wie Löwen, aber wir konnten gegen die Uebermacht nicht an. Für jeden gefallenen Feind standen zehn neue auf, und doch hätten wir ausgchaltcn, wenn unsere Leute nicht von dem grauenhaften Feuer der deutschen Maschinengewehre buchstäblich niedcrgemäht worden wären. Diese entsetzlichen Mordwcrkzcuge speien den Tod aus und mähen mit rasender Geschwindigkeit in ihrem Umkreise alles nieder.
Mit allem Eifer werden die Befestigungen von Antwerpen verstärkt: inzwischen rücken die deutschen Truppen vor. Sie haben alle Verbindungen mit Antwerpen durchschnitten. Man glaubt, daß die ersten Vorpostengefechte unmittelbar bevor- stehen. Bei der Schlacht bei Löwen sind, wie cs scheint, Franzosen und Engländer zu spät gekommen, doch müssen auch sie an dem Streit teilgcnommcn haben, denn unter den Tausenden von Verwundeten, die nach Antwerpen gebracht worden sind, befinden sich auch Engländer und Franzosen."
Ter Weg nach Paris!
Bei wem die bisherigen Siege ber deutschen Truppen an der Westgrcnze die Hoffnung auskommen liehen, dah binnen kurzem nach zerschmetternden Tiegen der deutschen Armee die Waffen ruhen werden, der kennt nicht die einfachsten Tatsachen. Seit dem Jahre 1871 hat Frankreich an seiner 30 Meilen langen Lstgrenzc zwei Linien von Fe st ungen angelegt. B c l f o r k, Eplnal, Toul, Verdun bjldcn samt einer Reihe kleinerer Festungen die erste Linie. General der Infanterie von Briefen nennt Belfort „eine fast uneinnehmbare A r m e c f c st u n g ersten Range s". Tic zweite Linie bilden die Festungen Bcsangon, Langres, Dijon, Reims, hinter denen erst Paris liegt.
Von dieser Festung sagt der erstgenannte Fachmann: „Durch
Ausbau eines zweiten neuen Fortgurtcls, welcher 5—15 Kilometer über die alte Fortlinic hinaus vorgeschoben ist, ist die Hauptstadt zu einer Riesenfcstnng nmgewanbelt, welche an Umfang und Festigkeit von keiner Festung erreicht wirb. Die neue Fortlinic reicht zum Teil noch weit über unsere Rcscrvestcllung von 1870/71 hinaus und umschlicht in einem Umkreis von 130 Kilometer und einem gröhten Durchmesser von 45 Kilometer über Tt. Ci?r (10 Kilometer westlich von Versailles, dem Hauptquartier des Kaiser Wilhelm I.) die Hauptstadt, so ein groh artig verschanztes Lager bildend, welches ganze Armeen in sich aufnehmen kann. Eine völlige Einschließung wird auch der stärksten siegreichen Armee kaum jemals möglich sein, wie auch ein Vorbeigehen an ihr fast ausgeschlossen erscheint."
An der N o r d g r c n z c verteidigen Frankreich gegen einen
Einmarsch aus Belgien Festungen, wie Lille und Mau< beuge, die nach dem Urteil deutscher Fachleute nicht b c s o n < des stark sind. Tie Franzosen sollen sie vernachlässig» haben in der Hoffnung, dah das Dreieck der belgischen Festungen Antwerpen, Lüttich, Ramur den Deutschen den Durchmarsch unmöglich machen wirb.
In bas so befestigte Frankreich führen durch die Vogesen eine Anzahl von Wegen, die aber, abgesehen davon, daß sic für große Armeen unpassierbar, durch Spcrrforts geschloffen sind. Geschloffen ist auch das südliche Einfallstor zwischen den Vogesen und der Bergkette de Lcmont. Hier an dieser alten Durch» bruchsstrahe wacht das uneinnehmbare Belsort. Als Ein» bruchstrahen haben die Franzosen nur zwei Lücken gclaffcn: Die sechs Meilen breite Lücke zwischen den Festungen Epinal und Toul und die vier Meilen breite Lücke zwischen Verdun und der Befestigung an der belgischen Grenze Montin e d tj. Die Gebiete, zu denen diese Lücken führen, sind mit aller Kunst als zukünftige Schlachtfelder eingerichtet, das heißt: die französische Verteidigung findet in ihnen die
besten Vcrteidigungspunktc. Ter Kampf in diesen Gebieten wäre außerordentlich erschwert für die deutschen Truppen. Darum erwarteten die Franzosen, daß die deutschen Heere den Einmarsch durch Belgien versuche» werden, um die französischen Truppen zum Kampfe in für sic ungünstigere Punkte zu nötigen. Weil die französischen Heerführer mit dem deutschen Einbruchsvcrsuch durch das neutrale Belgien rechneten, war die deutsche Kricgssllhiung wieder überzeugt, daß sic sofort nach Kriegsausbruch nach Belgien cinmarschicrc», um die Belgier in ihrem Kampfe zu unterstützen und eventuell dem deutschen rechten Flügel in die Flanke zu fallen.
Die ganze Situation zeigt überzeugend, daß cs für Deutschland in der Tat eine unerbittliche Notwendigkeit war, durch Belgien zu marschieren. Da dieser Durchmarsch gelungen ist, wird cs leichter gelingen, die gewaltigen Schwierigkeiten zu überwinden, die aus dem Wege der deutschen Heere nach Paris liegend Schwer genug wird cs trotzdem werden.
Die Aufnahme des deutschen Sieges in England und Frankreich.
Ter Franks. Ztg. wird aus Kopenhagen berichtet: In der Sitzung des englischen Unterhauses gestern abend teilte Asquith mit, daß eine Meldung von General French einge- gangen sei, worin über den Rückzug, der an der N o r d» grenze Frankreichs vorgcnommen worden sei, berichtet werde. French teilte mit,. daß seine Truppen ohne irgend welches Mißgeschick die neuen Stellungen erreicht haben. Mehr könnte im Augenblick nicht gesagt werden. Trotz der langen Marschrouten seien die englischen Truppen in brillanter Verfassung. (Nach einer Meldung aus Rom hat Asquith die Höhe der englischen Verluste in den letzten Schlachten auf 2000 Mann angegeben.)
In den Werbeämtern von London melden sich a n g e b - l i ch täglich große Massen von jungen Männern. In 14 Tagen werde, wie cs heißt, wieder ein Heer von 100 000 Mann in Bereitschaft sein.
Nach Telegrammen aus Paris ist die Stimmung in Frankreich zur Zeit bedeutend gesunken. Die Regierung und die Presse suchen die Bevölkerung über die Enttäuschung hinwcgzuhclfen. Die Temps schreibt beispielsweise in einem leitenden Aufsatz, daß die Hoffnung, den Krieg durch einen entscheidenden Waffenerfolg der Franzosen ein» leiten zu können, gescheitert sei, weil die Offensive der Deutschen zu kräftig gewesen sei. Die Pläne Frankreichs seien aber dadurch nicht geändert worden.
Die Rättuntng des Oberelsah.
Das französische Kricgsministcrium kündigt nach der Frankfurter Zeitung an, General Joffre sei der Befehl erteilt worden, das Oberelsaß zu räumten, um alle verfügbaren Truppen nach dem Norden zu werfen, wo sich das Schicksal des Krieges entschide.
Tic dreitägige Schlacht bei Krasnik.
Aus dem Kriegsprcsscquarticr wird weiter amtlich gemeldet: Nach den letzten Nachrichten haben unsere Truppen in den Kämpfen um Krasnik 8000 Gefangene gemacht und 3 Fahnen, 20 Geschütze und 7 bespannte Maschinengewehre erbeutet.
Die Schlacht bei K r a s n i k eröffnet den Truppen unserer Verbündeten den Marsch gegen Norden, wo starke russische Festungen, Jwangorod und hinter ihm Warschau, bald die letzten Stützpunkte der russischen Herrschaft in Polen sein werden. Die Operationen sind, wie gestern eine amtliche Mitteilung des österreichisch-ungarischen Generalstabs erklärte, im Einklang mit denen der deutschen Truppen vor sich gegangen, stellen daher nur einen Teil des großen Ringens dar, das an entscheidender Stelle sich nunmehr zu ungunsten der Russen gewendet hat. Der Sieg wird aber auch moralische Wirkungen von größter Bedeutung auslöfen, da das schon revolutionierte Polen in atemloser Spannung auf den Vormarsch der Befreier wartet. Ihr erster großer, in offener Schlacht errungener Erfolg macht den russischen Liigcnmeldungen ein Ende, mit denen


