Ausgabe 
25.8.1914
 
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4. Die Einwohner haben die Wege in befahrbarem Zustanbc zu versetzen, alle durch den Feind errichteten Hindernisse zu entfernen und unsere Truppen auss beste zu unterstützen, damit sie ihre in Feindesland doppelt schivierigc Aufgabe crsüllc».

5. Es ist verboten, sich auf den Straßen zusainmcnzurottcn, die

Glocken zu läuten oder mit dem Feind in gleichviel welcher Art in Verbindung zu treten. . . .

t>. Alle Waffen, die sich im Besitz der Einwohner befinden, müsien innerhalb zweier Stunden auf der Bürgermeisterei abge­geben werde»,

7. Ter Bürgermeister, der Geistliche und vier angesehene Bür­ger der Stadt haben sich sofort zu mir zu begeben, um als Geiseln während des Aufenthalts der Truppen zu dienen.

Unter diesen Bedingnngc» ich wiederhole cs sind Leben und Privateigentum der Einwohner völlig sicher. Die strenge Tis» ziplin, an die unsere Truppen gewöhnt sind, ermöglicht cs sogar, daß kein Einwohner gezwungen sein wird, seine Geschäfte zu ver­nachlässigen oder seine» Herd zu vcrlasicn. Andererseits werde ich die strengsten Maßnahmen treffen, sobald die vorgenannten Bedin­gungen nicht erfüllt werden. In dieser Hinsicht werde ich mich in erster Linie an die Geiseln halten. Außerdeni wird jeder Ein­wohner erschossen, der mit Waffen in der Hand ober bei irgendeiner unseren Truppen feindlichen Handlung betroffen wird. Schließlich ist die ganze Stadt verantwortlich für die Handlungen jedes ein­zelnen ihrer Einwohner und wird daher gut tun, eine gegenseitige Aussicht zu üben, um die Einwohner vor den unangenehmen Folgen zu bewahren, die ein Zusammenwirken mit dem Feind nach sich ziehen muß,"

Freiwillige vor!

Das stellvertretende Generalkommando des Gardekorps erläßt folgende Bekanntmachung: Um die gewaltige, noch zur Verfügung stehende Dolkskraft für die Landesverteidigung nutzbar zu,machen, werden in nächster Zeit Neuaufstellungen von Truppen auch bei der Garde stattsinden. Dünk dem sehr großen Andrange von Freiwilligen sind Mannschaften hierfür in reichlicher Zahl vorhanden, sonst aber erwünscht, immer noch mehr Offiziere und Unteroffiziere zur Ausbildung dieser jungen Mannschaft heranzuziehen. Alle Offiziere und Unter­offiziere des Ruhestandes, welche sich dazu noch fähig fühlen und früher bei Gardctruppen gedient haben, insbesondere solche, die sich noch felddienstsähig fühlen, werden deshalb auf- gefordert, sich sofort zu freiwilligem Wiedereintritt bei den Ersatztruppenteilen ihrer früheren Regimenter usw. wieder zu melden.

Ausfuhrhandel nach dem Ausland.

(W. T.-B.) Tie Norddeutsche Allgemein« Zeitung schreib! unter der Uoberschrift:Anssuhrhandcl nach dem neutralen Ausland": Ein« der einschneidendsten Wirkungen des Weltkrieges ist die Unter­bindung des Warenaustausches zwischen den kriegführenden Staaten, Ter gewaltige Außenhandel Deutschlands niit den ihm im Kriege gogenüberstchenden Ländern beläuft sich auf viele Milliarden, Durch die plötzliche Lahmitcgmig der gegenseitigen Haiidclsbcziehungen leiden Misere Feinde zinn Teil noch schwerer als wir selbst, da sie ihren besten Kunden verloren haben. Doch auch wir werden hart betroffen. Un, so mehr müssen ivir darauf bedacht fern, den Handel mit dem neutralen Ausland au^frechtznerhalteir, nachdem der Eisrn- bahnfrachtverkehr wieder ausgenommen worden ist. In manchen Kreisen scheint man, soweit der überseeische Handel in Frage kommt, der veränderten Sachlage ziemlich ratlos gegenüberzustehen, da die altgewohnten Llahnen des Transports über deutsche Häsen mit deut­schen Schissen für den außereuropäischen Verkehr ungangbar ge­worden sind. Diese Sorg« entbehrt aber der Begründung, Es wird eben darauf ankonmien. Transportwege über neutrale Länder zu finden. Eitrig« di«ser Länder haben den Bedürfnissen der Zeit wach Errichtung neuer Schissahrtslinien bereits Rechnung getragen. So wird jeden SamSiag von Rotterdani ein Schliss nach Ncwnurk abge­fertigt. Auch in Schweden ivurdc die überseeische Schisssverbindung eröffnet, die von Gothcnburg ansgcht; der erste für Brasilien be­stimmte Dampfer verläßt Gothenburg am 24, August und läuft Christiania am 27. August an. Ebenso steht ein Weg über Gering osten. Ein anderer Weg ist der über Kopenhagen, auf den ganz be­sonders aufmerksam zu mache,, stt. Auch Bergen und Ehristiaisia soivie Stockholm werden als Ausgangspunkte überseeischer Dampfer- rciscn in Frage kommen. Es wird Sach« unserer Jn>dustr!«ll«n sein, sich im einzelnen bei den Spediteuren darüber zu informieren, wie die neuen Verkehrswege nutzbar geinacht werden können. Es ist richtig, daß der Ausfuhr auck, di« aus Anlaß des Krieges notwendig gewordenen Anssuhroerbote ihrem Wortlaut nach vieliach entgegcn- zustehen. Es ist indes in allen bezüglichen Verordnungen des Bundcsrats dein Reichskanzler die Ermächtigung gegeben, vo» den Ausfuhrverboten Ausnahmen zu gestatten. Wir haben guten Grund zu der Annahme, daß die Neichslcitung von dieser Ermächtigung den umsassendstcn Gebrauch machen wird, insoweit es nur mit ihren militärischen Interessen irgendwie vereinbar ist, Bei dieser Sach­lage kann unserer Erportindustri« nur dringend geraten werden,

nicht die Hände in den Schoß zu legen, sondern alles daran zu setzen, die nur z,ir Ausreclsterhaltmig unserer Ausfuhr gebolenen Gelegen­heiten in vollem Umfang« auSzunntzen.

Staatliche Maßnahmen gegen die Arbeitslosigkeit.

Die verschiedenen preußischen Ministerien und deutschen Acichsämter, die als Arbeitgeber in Betracht kommen, haben beschlossen, unbeschadet der kriegerischen Vorgänge, die Ar­beiten in den ihnen unterstellten Betrieben wieder aufnehmen zu lassen. Das Ministerium der ösfentlichen Arbeiten wird sowohl die ongefangenen Bauten sortführcn, als auch die bereits etatmäßig bewilligten neuen Aufträge in Arbeit geben. Diesem lobenswerten Beispiel werden sich hoffentlich nun- mchr auch sofort die deutschen Städte und Gemeinden an- jchlicßen, um der surchtbarcn Arbeitslosigkeit im gewissen Grade entgcgenzutreten.

Aufruf au die Arbeitgeber!

W. B. Das Berliner Polizeipräsidium teilt mit: Infolge

der Arbettcrcntlassungen in den großen industriellen und gewerb­lichen Betrieben sind zahllose Arbeiter, die dem Laiidsturni angchörcn, brotlos geworden. Diese versuchen jetzt in großen Scharen durch freiwilligen Eintritt bei einem mobilen Truppenkörper ihrer vntcrländischcn Pflicht nachzukommen, werden aber, da der Bedarf überall gedeckt ist, fast durchweg zurückgcwiescn. Nach den Angaben der Leute ist es für sie eine Unmöglichkeit, im Privatdicnst eine Stelle 5 » finden, da aus ihren Papieren ihre Landfturmdienstpflicht hcrvorgeht und die Geschäftsleute in Er­wartung der baldigen Mobilisierung des Landsturms s t ch scheue», solche Leute e i n z u st e l l e n. Durch ei» solches Ver­halten wird aber die Notlage der Arbeiter noch vergrößert, zumal da es auch für ihre Frauen an Arbeitsgelegenheit fehlt, und Kricgsuliterstützuiig nur an solche Familien ausgezahlt wird, deren Ernährer im Felde stehen, Tie Arbeitgeber werden da­her gebeten, alle srcien Stellen bei den Arbeitsnach­weisen anzumelden und bei der Besetzung der Stellen die land­sturmpflichtigen Leute nicht etwa hintanzuseyen. Wenn der Landsturm cingezogen werden sollte, wird eine andcr- wcite Regelung des Geschäftsverkehrs von selbst cintrctcii.

Fehlende Arbeiter in der Schiffahrt!

(W. B.) Die Norddeutsche Allgemeine Zeitung schreibt: Es ist von großer Bedeutung, daß während des Krieges der Verkehr auch auf den Wasserstraßen tunlichst aufrecht erhalten wird, da diese für die Anfuhr von Lebensmitteln, von Kohlen und Materialien aller Art eine wichtige Rolle spielen. Für die Ausnutzung dieser Verkehrsmittel stehen auch gegenwärtig genügender Kahnranm und ausreichende Schlcppkraft zur Verfügung; woran es indessen fehlt, das sind die B e - d i e n n n g s ni a n n s ch a f t e n. Um dem Mangel an ge­schulten Leuten zu steuern, hat die Militärbehörde bereits verfügt, daß dem Landsturm angchörcnde Schiffahrtstrcibende nicht e i n g c st e l l t werden sollen. Um die Zahl der ver­fügbaren Kräfte zu vermehren, ist es aber erwünscht, daß so­wohl diejenigen Mannschaften, welche sich von 'ihrem Gewerbe bereits zurückgezogen haben, nach Alter und körperlichen Fähigkeiten sich aber noch dienstkräftig genug fühlen, als auch solche, die nur vorübergehend sich anderen Beschäftigungen zugewendct haben, sofort ihre ehemalige Berufstätigkeit wieder a u f n c h ni c n. Abgesehen davon, daß in diesen ernsten Zeiten, wo cs vielfach an Arbeit fehlt, jede Gelegen­heit zur Erlangung gut bezahlter Beschäftigung ergriffen wer­den sollte, würden die gegenwärtig untätigen Schiffahrts- trcibcnden mit ihrer freiwilligen Meldung zugleich auch den Beweis patriotischen Pflichtbcwußtseins liefern."

Rcichstagsabgeordnete im Ausland.

Der fortschrittliche Rcichstagsabgeordncte Dr, Ablaß befindet sich in Petersburg im Schutze der amcrikaiiischcn Botschaft, lieber seine Rückkehr verlautet noch nichts. Inzwischen ist cs so «nt wie unzweifelhaft geworden, daß der Führer der polnischen RcichstagS- sraktion Fürst R a b z i w i l l , der bekanntlich Oberstleutnant der Reserve im preußischen Heere ist, in Rußland als Gefangener z u r ü ck b e h a l t c n wird. Er Halle sich mit seiner Gemahlin nach seinen russischen Bcsitznnge» begeben, um dort ei» Familienfest zu feiern. Auch der deutsche nationalliberale Abgeordnete Zimmermann, der russischer Kommerzienrat (!) ist, soll in Rußland weilen, lieber seinen Aufenthaltsort ist nichts bekannt. Unser Genosse Tr, W e i l l, Vertreter des Kreises Metz, der bisher in Berlin Mitarbeiter der von dem ermordeten französischen Depu­tierte» Jaures herausgegcbcncn Humanite war, befindet sich, wie

wir bereits mitteilten, in einer Heilanstalt für Nervenkranke zit Paris. Er hatte bei der Ermordung des genannten Abgeordneten neben ihm gesessen. Nach einer Blättcrmclduiig soll Weilt bereits gestorben sei». Doch hofsen wir, daß diese Nachricht ssch nicht bestätigt. Zwei nationalliberale preußische LandtagSabgcorbnete, Dr. A rn i » g und G r u so n jMagdeburgl, waren auf einer Reise nach Afrika begriffen. In Tanger sMarokkv) sollen sie von dem Kriegsausbruch überrascht worden und nicht mehr in der Lage ge­wesen sein, irgendwelche Nachrichten zu geben. Nach der Mägde- bnrgischen Zcitnug solle» diese beiden Herren inbeffen in Tanga in Deutsch-Ostafrika eingetrosfen sein. Zwei nationalliberale Reichs- tagsabgeordncte, K e t n a t h und I ck l c r hatten Mitte Juli eine Reise nach Deutsch-Ostasrika angetreten. Man vermutet, daß sie inzwischen dort angckümmen und in Sicherheit seien. Etwas Sicheres weiß man über diese beiden Herren bis zur Stunde auch nicht.

EttFlische Ehrenerklärung.

Dem Wolsf-Burcau geht folgende Erklärung zu:

Nach von Zeit zu Zeit in der europäischen Presse vcrössent- lichten Berichten scheinen in England falsche Vorstellungen über die Behandlung britischer Untertanen in Deutschland vorzu­herrschen, Um der Verbreitung falscher Berichte in dieser An­gelegenheit zuvorzukommcn, bin ich als britischer Kaplan in Ber­lin von der hiesigen britischen Kolonie ersucht worden, in ihrem Rainen zur Verbreitung in der englischen Presse folgende kurze Feststellung zu veröffentlichen:

Bei dem Ansbruch des Krieges war cs natürlich Pflicht der deutschen Polizeibehörden, die Interessen des Landes gegen alle verdächtigen Fremden zu sichern, die sich auf deutschem Gebiete befanden. Zu diesem Zwecke mußten alle Fremden mit Einschluß der in Berlin wohnenden oder hier zu Besuch iveilenden briti­schen Untertanen unter polizeiliche Aussicht gebracht werden. Wir sind der Meinung, daß die deutschen Polizeibehörden bei der Aus­führung dieser Ausgabe ihre Pflicht nicht nur in gründlicher Weise zn tun suchten, sondern auch gleichzeitig ohne Verletzung der llcbcrliescrungcn von Gerechtigkeit und Höflichkeit, die eines großen modernen Staates würdig sind. Wir möchten ferner fcst- stellen, daß die allgemeine Haltung der Bevölkerung, besonders der mittleren und gebildeten Klassen, gegenüber den hiesigen britischen Untertancii ssch in Freundlichkeit und Höflichkeit nur wenig von der Haltung in Friedenszciten unterschied. Kurz, in dieser Prüfungszcit bewiesen sich die deutsche» Gesetze, die deutsche Gerechtigkeit und Höflichkeit würdig einer Station, die in der Zivilisation in der Welt ln vorberster Reihe steht,

Unterschrift: Hy. M. Williams, britischer Kaplan in Berlin.

Die fozialdemokiatische Presse im öffentlichen Handel.

Tie Schleswig-Holsteinische Volkszeitung darf seit denf 19. August auf dem Kieler Bahnhof verkauft werden.

Ter Straßenhandel unseres Königsbcrger ParteiblatteZ ist unter dem Belagerungszustände erlaubt worden. DaH Blatt wird recht rege gekauft.

Nnssischc Phantasien.

W. B. Große Heiterkeit erregte in Wien die von der Peters­burger Telegraphen,Agentur verbreitete Meldung, daß in Prag eine große Revolution ausgebrochcn und eine Anzahl hervorragende!- tschechischer Abgeordneter hingcrichtct worden fei.

Die Besetzung Brüssels in Paris und London.

Nunmehr ist sowohl in Paris wie in London die Besetzung Brüssels durch die Deutschen bekannt geworden. Die Nach­richt traf in London schon am Donnerstag ein, wurde dem Publikum aber bis zum Freitag vorenthalten. Der Eindruck war in beiden Städten nach über Kopenhagen kommenden, Nachrichten ein sehr niederdrllckender, stand die Nachricht doch in schreiendem (Gegensatz zu den bisherigen LUgendepcschcn über französisch-belgische Siege. Die neuesten deutschen Siegcsnachrichten werden den schlimmen Eindruck noch ver­stärken.

Der deutsche Sieg und die Börse.

Ter deutsche Sieg weckte in Wiener Finanzkrcisen eine gehobene Stimmung. Tie Kurse waren gestern im außer­börslichen Verkehr bedeutend fester.

England und Ostindien.

Aus Konstaniinopel wird der Wiener Rundschau ge­meldet:

In Osfindicn herrscht unter den Mohamcdanern eine tiefgehende Gärung gegen England, die an einzelnen Orten zu offenen, nur mühsam unterdrückten Ausbrüchen geführt hat. Türkische Emissäre bereifen das Land und finden überall in der Bevölkerung begeisterte Aufnahme. Die Regierung ist

Afra ja.

Ein nordischer Roman von Theodor Müggc. 42

Nein," erwiderte Marstrand.Wenn ich dem folgen tvollte, was ich für dein Bestes halte, würde ich heute noch deinem Vater alles entdecken."

Mich verraten!" rief Björnarne, dessen Gesicht sich dunkel färbte.Dann müßte ich meines Vaters Haus noch heut verlassen, für immer!"

Du schämst dich also", sagte Marstrand,du fürchtest die Entdeckung. Ich bitte dich, Björnarne, laß ab von deinem Irrsinn, der dich verderben muß."

Er sprach von neuem zu ihm von seines Vaters Kummer und Zorn, der keine Mäßigung kennen würde, und diesmal hörte Björnarne ruhig zu, ohne ihn zu unterbrechen. Nach und nach schien er zu überlegen und dein Freunde recht zu geben.

Ich sehe," sagte er ruhiger,daß du mein Bekenntnis vielleicht zu ernsthaft nimmst, und mir ist, als erschrecke ich selbst davor, nachdem du mir die Folgen so eindringlich ent- wickelt hast. Ein Faktum, wie mein Vater sagt, ist nur, daß Gulas Benehmen mich beunruhigt und kränkt, und daß ich in Stunden, wie diese, wo mein Blut heiß geworden ist, es uni so schwerer empfinde, daß es dies Mädchen mir angetan har. Warum soll ich nicht sagen, daß ich sie lieb habe und für sie das Aeußcrste tun könnte? Indes habe ich es noch nicht ge­tan, auch sehe ich die Torheit wohl ein, die mich fortreißcn könnte, wenn Gula ihre Hand dazu böte."

So höre ich dich gern reden," erwiderte Marstrand halb gläubig.Wenn Gula nicht mehr in deiner Nähe ist und deines Vaters Worte zutresfen, wenn er für dich eine wackere, schöne und feine Jungfrau auswählt, wird sich alles zum Besten wenden."

Bah!" sagte Björnarne finster lächelnd, indem er sich das Haar aus der Stirn strich und seinein Gesicht den Ton gutmütiger Offenheit gab;ich tpciß, worauf mein Vater

zielt, und will cs abwarten. Nur um eins bitte ich dich, Johann. Was du gesehen und gehört hast, war das Ergebnis eines heftigen Schmerzes, der mich ergriffen hatte, ich weiß selbst nicht, wie es kam, die Stunde ist vorüber, sie soll nicht wiedcrkehren. Gula hat recht, wenn sie mich flieht, ich muß sic loben. Ich werde Zeit haben, noch mehr darüber nachzu- dcnkcn, doch versprich mir, niemandem etwas niitzutcilcn. Marstrand versprach es und Björnarnc stand auf.Tu gehst morgen nach Bergen," sagte er,und wirst in sechs Wochen frühestens zurück sein können. Wenn du wicdcrkchrst, wirst du finden, daß sich vieles geändert hat, und wenn du dann noch der Meinung bist, daß Gula uns verlassen muß, will ich selbst meinen Vater dazu bestimmen. Jetzt laß uns zurück- kchren, wir wollen versöhnt scheiden."

Marstrand hielt cs für das beste, auf diesen Vertrag ein- zugchen, und beide junge Männer stiegen den Felspsad hinab. Björnarne sprach von der Jacht, von der Reise, von den Freunden in Bergen, und daß der Wind in dieser Jahreszeit gewöhnlich ein anhaltender Südost sei. der die günstigste und schnellste Fahrt verbürge, bis er plötzlich am letzten Vorsprunge still stand und auf den Gaard niedcri'ah, in dessen Nähe sie sich befanden. Marstrand erriet sogleich die Ursache. Auf dem kleinen Vorplatz standen drei starkgebante, hirschartige Tiere mit breiten, gabelförmigen Geweihen, die er ohne weiteres für Rcnntiere erkannte, obwohl er noch keine gesehen hatte. Sie fraßen von dem kurzen Grase, auf ihrem breiten Rücken lagen Packsättel; die Schellen an den schlanken Hälsen klangen lustig herauf. Auf der Bank an der Tür aber saß Paul Pctcrsen, und vor ihm stand ein Mann in einem braunen Ucberwurf, einen breiten Gurt um den Leib und einer hohen, spitzen Mütze auf dem Kopfe, von der eine Anzahl langer, weißer und schwarzer Federn im Winde schwankten. Es war ein Lappe, das war gewiß, u»d auf Marstrands Frage sagte Björnarne:Ich kenne ihn, er heißt Mortuno und ist der Schwcstcrsohn und Liebling Afrajas. Was will der Bursche hier mit seinen Tieren? Es ist ein häßliches, aufgeblasenes Geschöpf, das sich große Dinge einbildet. Komm schnell hin­

unter, wir müssen sehen, was cs gibt. Umsonst ist er sicher nickt gekommen, der Alte hat ihn hergeschickt, um nach Gula

zu sehen."

Er eilte voran, und als Marstrand den Platz erreichte, schallte ihm das laute Gelächter des Schreibers entgegen. Das ist etwas für Sie," schrie ihm Petersen zu;hier haben Sie einen neuen Beweis für die ausgezeichneten Eigenschaften unserer lieben Brüder, die sich mit der Pflege des Renntiers beschäftigen. Ich stelle Ihnen den jungen Herrn Mortuno vor, Neffe des weisen Oberhauvtes eines Reiches, dessen Grenze noch niemand gefunden hat. Er vereinigt den Künstler, Dichter, Sänger und Zithcrspieler in seiner werten Person, ist ein Jäger wie Nimrod, ein liebenswürdiger Adonis, der alle Herzen bezaubert, ein junger Edelmann aus den Bergen, der durch Glanz und Anmut jeden Nebenbuhler besiegt."

Ter Lappe hatte sich nach Marstrand umgesehen und lachte zu den Lobsprüchcn, die ihm erteilt würden. Sein Gesicht war ein echt nationales, mongolisch breit und flach init starken Backenknochen, einer niedrigen Stirn und hochgcstülpter kleiner Nase, aber er hatte lebhafte Augen, deren durch­dringender Blick feurig und forschend war. Sein ganzes An­sehen zeugte von Krast, Gesundheit und Gelenkigkeit, und die Sorgfalt, welche er auf seinen Ausputz gewendet,' rechtfertigte die Spöttereien des arglistigen Schreibers. Ter Gürtel von grünem Leder mit Silberschnallen und bunter Stickerei, dies Prachtstück lavpischcr Modcsucht, hielt seinen kräftigen Wiwhs zusammen. An diesem Gürtel hing eine Tasche, von den Federn verschiedener seltener Vögel gefertigt und fächerartig kunstvoll nach Färbungen und Schattierungen zusammen­gesetzt; endlich waren seine Schuhe oder Komager von feinster Art mit roten und grünen Fäden in artigen Arabesken durch- zogen, die sich an seiner Mütze in derselben Weise wieder­holten. Glänzend schwarzes, überaus reiches Haar quoll in gedrehten Locken an beiden Seiten des Kopfes darunter her­vor. Die Mühe saß kühn ans seinem Kopfe, und der Strauß von Adlcrfedcrn und den langen Schwungfedern großer See- radcn machte seinen Anblick romantischer. (Forts, folgt.)