Ftanzosenfreimdliche Stimmuno im Elsaß?
Tie Köln. Volksztg. veröffentlicht den Bericht eines Feldgeistlichen, der auf den Schlachtfeldern und in den Spitälern bei Colmar und Mülhausen tätig war. Er schildert den Ein- zug der Franzosen in Mülhausen und bestätigt, dah sich die cinheiniischc Bevölkerung teilweise aufs schwerste gegen deutsche Truppen verging. Tie wichtigste Stelle lautet:
»Bon vielen Leuten wurden die Fraüzoscn mit ,,V!ve la France!" empfange», In den Dörfern vor und um Mülhausen wurden ihnen Blumen gestreut. Die Franzosen hatten diese in ihre Gcwehrläuse gesteckt. Am nächsten Tage rückten sie noch etwas weiter vor, Tann begann der Rückzug und der Angriff der Deutschen von neuem. Wahr ists. dass auf einen deutschen Arzt, der einen Verwundeten verband, aus dem Hinterhalt gescholten worden ist. Auch auf andere Tonitätslente ivurde wiederholt von Zivilisten geschossen. Ich sah vcrivundete und verstümmelte Leichen, die sicher nicht vom Feind so übel zugcrichtct worden waren. Leider aber haben sich auch Geistliche in dieser unsagbar traurigen Weise vergangen. Mehrere mussten standrechtlich erschossen werden, weil sic französische Truppen verborgen hielten, dies leugneten und aus ihren Häusern auf die Truppen geschossen wurde.
Eine englische Stimme gegen der» Krieg.
Erst letzt gelangt der Ausruf, den die britische Sektion des Internationalen Sozialisten - und Arbeiter- kongresses an das Volk erlassen hat, zur Kenntnis der Genossen ans dem Kontinent, Das historische Dokument, das bereits vor der englischen Kriegserklärung an Deutschland veröffentlicht wurde, ist durch die Tatsachen auf den Kriegsschauplätzen überholt, trotzdem geben wir es wieder. Es lautet nach dem Baseler Vorwärts:
„Ter langangedrohte europäische Krieg ist über uns. Seit über 100 Jahren hat keine solche Gefahr die Zivilisation bedroht. Es liegt an Euch, Euch volle Rechenschaft von der verzweifelten Lage zu geben und prompt und kräftig im Interesse des Friedens zu handeln, Ihr seid nie wegen des Krieges befragt worden. Was auch das Urteil über den plötzlichen, erdrückenden Angriff des militaristischen Reiches von Oesterreich gegen Serbien sein mag, sicher ist, dass die Arbeiter aller Länder, die in den Konflikt hineingezogen werden können, alle Nerven anspanncn müssen, um ihre Regierungen an der Teilnahme am Krieg« zu verhindern, Ueberall nehmen Sozialisten und die organisierten Kräfte der Arbeiterklasse diese HalMng ein. Ueberall richten sie ieiden- schaftliche Proteste gegen die Habsucht und die Intrigen der Militaristen und RüsMngsintcresscntcn, Wir rufen Euch auf, dasselbe hier in Grossbritannien in einem noch eindrucksvolleren Massstabc zu tun. Haltet Riesendemonstrationen gegen den Krieg in jedeni industriellen Zentrum ob. Zwingt jene von den herrschenden Klassen und ihrer Presse, die Euch zur Mitwirkung mit dem russischen Despotismus hi ne in hetzen wollen, still zu bleiben und die Entscheidung der überwältigenden Mehrheit des Volkes, das von dieser Infamie nichts wissen will, zu respektieren. Heute wäre der Erfolg Russlands der Fluch der Welt,
Es ist keine Zeit zn verlieren. Schon werden infolge geheimer Verträge und Abmachungen, von denen die Demokraten der zivilisierten Welt nur Gerüchte kennen, Schritte unternommen, die uns alle in den Kampf stürzen können.
Arbeiter, steht deshalb zusammen für den Frieden! Vereinigt Euch und besiegt den militaristischen Feind und die selbstsüchtigen Imperialisten heute, ein für allemal,
Männer und Frauen Grossbritanniens! Ihr habt jetzt eine beispiellose Gelegenheit, der Menschheit und der Welt einen glänzenden Dienst zu erweisen!
Verkündet, dass die Tage der Plünderung und der Schlächterei für Euch vorbei sind. Schickt die Botschaft des Friedens und der Brüderlichkeit an Eure Kameraden, die weniger Freiheit haben, als Ihr, Nieder mit der Klassenherrschaft! Nieder mit der Herrschaft der brutalen Gewalt, Nieder mit dem Krieg! Hoch die friedliche Herrschaft des Volkes!"
Gezeichnet von den Parlamentsmitgliedern K e i r H a r d i e und Arthur Henderson.
Das englische Kriegsgeschast.
Ter Franks. Ztg. wird auf Umwegen aus London telegraphiert: Die Regierung macht grosse Anstrengungen, unter AnSnüüung des Krieges Deutschland von den Auslandsmärkten zu verdrängen. Beim Handelsministerium ist eine besondere Abteilung unter dem Titel „Handelsinsormationen" neu eingerichtet, die sich mit dieser Ausgabe befassen soll. Tie Regierung sammelt durch ihre Organe in den Kolonien wie im neutralen Ausland M u st e r d^c u t s ch c r Waren. Diese sollen in London ausgestellt werden. Der Handrlsminister fordert durch ein Rundschreiben die englische Erwcrbswclt auf, die jetzige Konjunktur auszunützen.
Die Gärung in Indien.
Zur Beurteilung der schwierigen Lage, in bcr sich die Engländer in ihrer wichtigsten Kolonie, in Indien besnitzen, dienen zwei bedeutsame Aufsätze aus jüngst erschienenen Zeitschriften, die sich mit den Verhältnissen des Kaiserreiches beschäftigen. In einem Artikel der Fortnightlp Review behandelt der Schriftsteller William Archer de» unversöhnliche» Gegensatz, der zwischen Engländer und Hindu besteht. Wenn man in Bombay ankommt und nach einem Versammlungsort der Gesellschaft sich erkundigt, so werden einem der Jachtklub und der Bycullaklnb genannt: der Name des letzteren bedeutet zwar „zweifarbig", doch in beiden Klubs haben nur Engländer Zutritt, während nur der Orientklub auch Inder aufnimmt. Dieses Beispiel zeigt bereits den Abgrund, der heule so stark wie je zwischen den beiden Rassen klasst. Er ist heute vielleicht durch einige äussere Höflichkeiten übcrtüncht, aber im Innern sind die Gegensätze unüberbrückbar. „Man braucht nur in das Haus eines Hindu der höchsten Stände zu treten, um den Unterschied zu begreifen, der zwischen der indischen und der westlichen Zivilisation besteht: Schmuck, Luyns, Einrichtung, alles verletzt den Geschmack des Europäers. Es handelt sich hier um keine Frage der höheren oder niederen Kultur, sondern um eine Wcsensverschicdenhcit, um Unmöglichkeit einer Zusammenarbeit, Man fühlt, dass jeder Versuch einer Verständigung nur eine peinlichc und mühsam vorbereitete Heuchelei sein kann. Die kultivierten Hindufamilien, mit denen der Verkehr möglich ist, sind nur Ausnahme», die die traurige Regel bestätigen, Eins der ernsthaftesten Hindernisse für das geistige Verstehen ist das Kapitel der Frau, Der Hindu verachtet unsere Frauen und Mädchen als nichtverschleierte Gefchöfte, die schamlos frei umhergehcn," Archer erklärt, dass sich zwar Die Haltung der Engländer gegenüber den Hindus seit der Eroberung gebessert habe, man sei höflicher und zuvorkommender geworden, aber der Geist der Unduldsamkeit und der Unterdrückung herrsche noch immer, „Zwei Rassen können nicht ewig Seite an Seite leben, ohne sich geistig und gesellschaftlich in einem gewissen Grade zu dnrchdringen. Aber wie kann man hier auf eine Durchdringung hoffen? Kein Hindu kann sich, ohne das Ideal seiner Rasse zu verleugnen, mtr einem Europäer in Freundschaft verbinden,"
Welch beständige Spannung und drohende Gärung in Indien I herrscht, charakterisiert ein anderer Aussatz, den Frau Bhikasi I Rustomji Earna j„ der Zeitschrift Bande Madaram veröffentlicht, Ter triumphierende Einzua des Vizekönigs in die alte Hauptstadt von Hindustan Delhi am 22. Dezember 1912 wurde durch ein Bombenattentat gestört, bei dem zwei Personen getötet wurden und bcr Eizekönig 20 Wunden erhielt. Das Volk jubelte diesem Vorgang uiigescheut zu. Diese Kundgebung der wahren Gefühle Hiudustans ist von immer neuen Gewalttaten der Inder befolg! worden, „Eine grosse Anzahl englischer Polizeiofsszicre sind seitdem unter den Schüssen der Anarchisten gefallen. Trotz der besänftigenden Erklärungen ihres Gouverneurs ist die Verwaltung von Bengalen durch den Schrecken gelähmt, den diese Morde verbreiteten, Achthundert Stellen bei der Polizei sind nicht besetzt. Diese Posten bringen zu viel Gefahren mit sich, als dah sic selbst die Tapfersten übernehmen würde». Die Schuldigen sind immer den Nachforschungen entschlüpft: Unschuldige haben für sie bnssen müssen. So besteht ein täglicher Guerillakrieg, bei dem die Regierungs- bcamten sehr ernsthafte Verluste erlitten haben. Auch Europa und Amerika besitzt Mittelpunkte der terroristischen Bewegung der Hindus, Da die eingeborenen Richter die Bestrafung der Mörder von Polizisten offenkundig verweigern, ist die Stellung der Engländer schwer bedroht,"
Lügengespin,»ste.
Die römische Tribuna bedauert an der Spitze eines Leit- artikels über die Lage, dass die italienische Presse regelmäßige telegraphische Nachrichten nur ans Paris, London und Petersburg erhalte, während ans Berlin mnd Wien nur ab und zu summarische Dementis kommen. Das bewirke, daß die Presse der neutralen Länder im Nachrichtenteile so gefärbt erscheine, wie cs den Mächten des Dreiverbandes erwünscht sei. Dasselbe Bedauern spricht der Berliner Korrespondent des Giornale d'Jtalia in einem Leitartikel ans, worin er darlegt, wie sich unter Mitwirkung dieses deutschen Lakonismus die öffentliche Meinung Italiens ein falsches Urteil über den Ursprung des Krieges gebildet habe. Er weist dann schlagend an der Hand des Weißbuches und des Blanbuches nach, daß ans Rußland allein die Verantwortung für den Ausbruch des Wcltbrandes laste.
Türkische Sympathien.
Der Politischen Korrespondenz wird ans Konstantrnopcl gemeldet, dass in allen dortigen Moscheen Gebete für den Meg der österreichischen und deutschen Armee veranstaltet werden. Das sei, bemerkt die Pol, Korr,, höchst bedeutsam, denn zum ersten Male in der Geschichte des Otto,manenreiches geschehe es, dass die Muselmanen in ihren Gotteshäusern für den Sieg christlicher Völker beten.
Tic Sympathie der Skandinavier.
Die in München lebenden Skandinavier, zumeist Norweger >md Schweden, gaben in ctncr von ihnen veranstalteten Versammlung , ihrer uneingeschränkten Sympathie für Deutschland, dessen Schick- ; salsstunde auch die aller Skandinavier sei, mit den wärniften Worten
Ausdruck, ebenso ihvsm Tänk für die in Deutschland und sin beson» deren in München ihnen zuteil werdende Gastfreundschaft, Dieser Dank wurde durch di« Sammlung für das Rote Kreuz in die Tat nnrpesetzt.
Kerne Liebesgaben für Kriegsgefürrflerie.
Die Eisenbahndirektionen haben verfügt, baß den u n * verwundeten französischen, russischen, belgischen nsw. Kriegsgefangenen unter keinen Um stünden Liebesgaben verabfolgt werden dürfen, solange der Eisenbahntransport dauert. Auf Bahnhöfen, wck Aufenthalt vorgesehen ist, werden die betreffenden Wagen sofort abgesperrt, so daß keine Verbindung zwischen denk Publikum und den Gefangenen besteht. Tie Gefangenen, einerlei ob Offiziere, Unteroffiziere oder Mannschaften, er-, halten ihre Verpflegung ohnehin. Mehr soll ihnen, solange sie unterwegs sind, nicht gegeben werden.
Zuerst die arbeitslosen Männer beschäftigen.
An einen industriellen Verein, der dein, Reichskanzler bcan- tragt hakte, für die zugehörigen Betriebe allgemein Ausnahmen von den Bestimmungen der Gewerbeordnung über die Beschäftigung von Arbeiterinnen und jugendlichen Arbeitern zuzulassen, ist ans dem» 3!eichsamt des Innern solg!ender Bescheid ergangen:
Wenn ich auch nicht verkenne, dass Ihre Betriebe in he» gegenwärtigen Krirgszeiten leistuugssäh»g erhalten werden müsse», sa kann ich cs doch nicht für zulässig erachten, Ihrem Antrags zu entsprechen. Das Gesetz von, 4. August d, I, will solche Ans- nahmen nur für den äußersten Notfall dann zulassen, wenn es nach Lage der Verhältnisse unmöglich ist, ohne Ausuahmebewilliguugj auszukvmmen und insbesondere die betreffenden Arbeiten durch Männer, di« den BcschäftigungSbeschränkungen nickst unterliegeul ausstihrcn zu lassen. So lange also, wie es gegenwärtig der Fall, ist, eine überaus grosse Zahl von Männern insokgc van Bctriebs-
I einschränkungcn gewerblicher Betriebe ohne Beschäftigung ist, würde cs dem Gesetze zuwider sein, die Beschränkungen der Ge- wcrbcordnung in der Bcschästigunq von Arbeiterinnen und jugendlichen Arbeitern dnrch Bewilligung von Ausnahmen zu durchbreche». Wenn in der Eingabe darauf hinge,viescn wird, dass dM> jugendlichen und den weidlichen Arbeitern durch die nachgesuchteu Ausnahmen eine Willkomm«»«» Arbeitsgelegenheit gegeben würde, so fällt dagegen entscheidend ins Gewicht, dass für Frauen und Kinder der zinn KriegKdtcust berufenen Arbeiter vcilhKgesctzÄch, eine Fürsorge sichergestcllt ist, die von den Kommunen vielfach noch ein« wertvolle Ergänzung erfährt.
Um eine geordnete Versorgung der gesamten arbeitenden Bevölkerung sicherzirstellcn, muss deshalb mit allem Nachdruck dahin» gewirkt werden, dass zn Beschäftigungen der in Rede stehenden! Art ausnahmslos die vcrsügbarcn Männer hcrangczogc» werden, denen di« Mittel zum regelrechten Unterhalt für ihre eigenen Frauen und Kinder mir ans diese Weise zugesührt werden können. Dieser Bescheid ist eigentlich selbstverständlich. Um so bedauerlicher ist die Feststellung, dass cs Unternehmer gibt, .die sich nicht einmal in dieser außerordentlich ernsten Zeit scheuen, die Notlage» anszunützen und ihre Jagd auf billige Arbeitskräfte ungeniert fortzusetzen.
Patriotismus und Merrschcnftzem,diich?eit von Besitzenden.
JnLangenöls, Kreis Lauban. wo zwei große Möbel-, fabriken und zahlreiche Ziegeleien und Töpfereien die Betriebe wegen des Krieges einstellten und die Not sehr grost ist, erging folgende, von hochpatriotischcr und Menschenfreund-, sicher Gesinnung zeugende
"Bckanntniachun g,
Wer unentgeltlich % Tag in der Ernte hilft, kann Weizen lesen. Wer ohne Erlaubnis lesen geht, wirb wegen Diebstahls an. gezeigt und bcstrast,
Ober-Langenöls, Dominium. I. V,: Frau Hauptmann Triebe,"
In der Borkumer Badezeitung ist folgende Bekanntmachung zu lesen:
„Während sich in ganz Deutschland opferwillige Begeisterung zeigt, während hoch und niedrig, alt und jung, reich und arm zu-- sammcnsteht, um Not und Elend auch bei den Daheimgebliebcneu zu lindern, hat Dr. mcd. Schmidt hier, es fertig gebracht, an sechs arme Faniilicn, davon zwei mit sieben und eine mit fünf Kindern, deren Väter sämtlich bei der Truppe eingezogen sind, oder bei den» ArmierungZarb eiten beschäftigt werden, folgendes Schreiben zu schicken:
„Ich kündige Ihnen hiermit die Wohnung, Wenn Sie nicht innerhalb zwei Tagen die Miete berichtigt haben, soigt di« Räumungsklage. gez.: Dr, Schmidt.
Ich bringe dies „patriotische und wahrhaft menschensreundz siche" Verhalten des Dr, med. Schmidt hiermit zur Kenntnis,
Der Kommandant: M ae cke r," Solange der Patriotismus nichts weiter kostet, als das Maul möglichst weit aufzureißen, sind sie alles Patrioten, diese Herrschaften. Aber wenn's Geld kostet ...!
Afraja.
Ein nordischer Roman von Theodor Mügge. 39
„Endlich, liebe Gula," sagte er, „finde ich dich und endlich sehe ich dich freundlich vor mir, wie sonst."
Bei dieser Mahnung schlug sie die Augen nieder, eine Nöte der Verwirrung färbte ihre Stirn. — „Du bist cs, Herr! Du bist es!" flüsterte sie.
„Und wer sollte cs denn sein, Gula?" fragte er. „Hast du einen andern erwartet?"
Sie gab keine Antwort. Marstrand zog sie neben sich ans den Sitz nieder, indem er ihre Hand festhiclt und zu sprechen fortfuhr. „Unerwartet treffe ich dich," sagte er, „aber ich nehme den günstigen Zufall für ein gutes Zeichen auf meiner langen Reise. Ich habe deinen Vater gesehen, Gula."
Sie nickte, als wüßte sie es.
„Und habe mit ihm gesprochen," fügte er hinzu. „Er hat mir gesagt, daß er mein Freund sein will."
„Er wird, es sein," sagte sie aufblickend und mit großer Zuversicht.
„Ich glaube es," erwiderte er: „Afraja hat es mir schon jetzt bewiesen. Er ist damit zufrieden, daß ich mein Haus ani Balsfjord aufbaue."
„Alles, was Afraja sein nennt, wird er gern mit dir teilen," war ihre Antwort. „Denke nichts Böses von ihm, er weiß, wie gut du bist."
„Und woher weiß er denn von meiner großen Güte?" lachte der junge Ansiedler. „Hast du es ihm vertraut? War er hier? Hast du ihm gesagt, daß wir einen Freundschaftsbund geschlossen haben, den du nicht hältst?"
Ihre Augen nahmen den hellen Glanz wieder an. Halb furchtsam, halb traurig und freudig zugleich schüttelte sic dann den Kopf und flüsterte lächelnd: „Sie sagen, daß ich cs nicht darf."
„Mhl arme kleine Gula," ries Marstrand in seiner
früheren vertrauten Weise, „sie haben dir deine Unbefangenheit genommen und einen Stein zwischen uns geworfen, den wir sortschlendcrn wollen, weil er uns drückt und wehe tut. Setze dich dicht zu mir her, rücke nicht fort, lege deine Hand wie sonst in meine Hand und plaudere und frage, ich will dir erzählen, wie oft ich an dich dachte, wenn ich den Kilpis im Morgenschcin sah und im Abcnddunkcl. Sind wir denn nicht noch immer Leidensgenossen, liebes Mädchen? — Wie oft habe ich dir das gesagt. Beide unter dem fremden Volke, das seine Begriffe von Sitte, Recht und Unrecht uns aufdrängen will. Was kümmert es mich, was sie sagen. Ich habe dich lieb, kleine Gula, allen znm Trotz!"
„Du hast mich lieb!" sagte sie, ihre dunklen Augen auf ihn richtend.
„Und du mich auch," fuhr er fort. „Sind wir nicht beide verständig, um uns das zu sagen, und haben wir nicht gelobt, »ns in Treue beizustchen für alle Zeit?"
So fuhr er fort zu sprechen und zu scherzen und von der Zukunft zu erzählen, wenn er in dem neuen Hause wohnen würde, wo er allein Herr sei. Er malte es aus, wie Gula kommen werde, ihn zu besuchen, wie sie helfen würde, wo cs fehlte und in glücklicher Vergessenheit irrten ihre Augen über sein Gesicht, haschten sie die Worte von seinen Lippen und wanden sich Bilder und Träume daraus, die sie mit, Entzücken verfolgte. Marstrand hatte seinen Arm um sie gelegt, seine Gedanken flogen weit hinaus.
„So, meine liebe Gula," rief er endlich, „wollen wir uns die Arbeit versüßen. In meinem Hanse soll cs fröhlich hergehen, ich will nicht sein wie diese Krämer. Dein Vater soll mir willkommen sein, wenn er kommt, er ist ein Mann, dessen Verstand mir Achtung einflößt, und wenn du dann" — in dem Augenblick fiel ihm etwas ein, woran er noch nicht gedacht hatte, und er ließ den Satz unvollendet, sah nach dem Gaard hinunter und fügte endlich hinzu: „Wenn Jlda ihres Vaters Haus verläßt — wir haben noch nicht davon gesprochen
— würdest du deine Freundin wohl nach Tromsö begleiten?"
„Niemals!" erwiderte sie rasch.
„Paul Petersen ist dein Freund nicht," fuhr Marstrand lächelnd fort, „mein Freund ist er ebensowenig. Willst dst bei Helgestad bleiben, sein Hans verwalten?"
„Ich werde nicht bleiben," war ihre Antwort.
„So wolltest du zum Zelt deines Vaters znrückkchren?"
„Nein! nein! rief sie lebhaft. „Lieber weit fort, wo mich niemand kennt."
„Aber wohin?" sagte Marstrand nachdenkend. „Doch sorge nicht, Gula, noch ist die Zeit nicht da und ehe sie kommt, werden deine Freunde tätig sein. Klaus Hornemann wird zurückkehren, ich werde mit ihm sprechen."
„Sprich nicht mit ihm," fiel sie ein, „ich weiß, was er dir raten wird. An meines Vaters Herdstein sei mein Platz, so sagte er zu mir. Er fand es unbillig, daß Helgestad mich sesthielt, als Afraja mich zurückforderte, und erst vor wenigen Tagen hat er aus dem Ouänarncrfjord einen langen Brief an mich geschrieben, in welchem er es meine Pflicht nennt, meines Vaters Willen zu gehorchen. Ich glaube, Afraja hat ihn dazu vermocht."
„Wer hat dir den Brief gebracht?" fragte Marstrand.
Sie zögerte einen Augenblick mit der Antwort. „Ein Mann meines Stammes," sagte sie dann, „mein Vetter Mortuno."
„Weiß Jlda darum?"
„Niemand weiß es und darf es wissen."
„Und du, Gula — was ist dein Entschluß?"
Sie schwieg und senkte den Kopf. — „Wenn ich dich betrachte," fuhr er fort, und sein Arm zog sie fester an sich, „ist es mir, als dürfte es nchit geschehen, als wärest du eine dcc schönen Moosblumen, die niemals mehr dort oben gedeihen, wenn man sie ins Tal gebracht und gepflegt hat, und als hätte Afraja kein Recht mehr, dich zuriickzufvrdern, was auch der fromme Klaus dagegen sagen mag." .(Forts, folgst)


