Ausgabe 
14.8.1914
 
Einzelbild herunterladen

\<*

Organ für die Interessen des werktätigen Volkes der Provinz Oberheffen und der Nachbargcbiete.

Die Oberbclibe Volks,etruno erscheint leben Werktag Abend in Cietzen. Der tonnemcntSprcis beträgt wöchentlich ll> Pfg.. monatlich 80 Pfg. tInfctiLniiatrIobn. Durch die Post bezogen vicrtcljähri.ILoMk.

Redaktion und Expedition Bicken, Babnbositralic 23, Ecke Löwenoassc. Televbon 20V8.

Inserate tosten die 6 mal gcspalt. Kolonetzeile oder deren Raum IS Psg, Bei grösseren Aufträgen Rabatt. Anzeigen wolle man bis adendslShr für die folgende Nummer in der Expedition aufgebe».

Nr. 16

Gießen, Freitag den 14. August 1914

9. Jahrgang

Wir stehen zusammen!

Wie d österreichische» Sozialdemokraten zum Kriege siehe», dasicigt ein stammender Artikel des Hauptorgans »nscrcr ösrrcichischen Genossen, der Wiener Arbeiterztg., zu der dcouürdigcn Sitzung des deutschen Reichstags boin 4. August.iWir haben die Nummer der Wiener Arbeiterztg. tnit dicscuMrtikel erst jetzt erhalten; cs lohnt sich aber, anch heute nvckpiitzutcilcn, was unser österreichisches Brudcrblatt hier zu fein hatte. Es heißt dort:

Dicso Tag des vierten August werden wir nicht vcr- gesicn. Ae immer die eisernen Würfel falle» mögen und mit der »ßesten Inbrunst unseres Herzens hoffen wir, daß sie s i e g je i dj fallen werden für die heilige Sache des deutschn Volkes: das Bild, das heute der deutsche Reichstag die Vertretung der Nation, bot, wird sich unaus löschlich »iprägcn in das Bewußtsein der gesamten deutschen Mcnschh», wird in der Geschichte als ein Tag der stolzesten und gcusltigstcn Erhebung des deutschen Geistes verzeichnet werden, flliib dem gesamten Europa, von dem sich ein so bc- ckrächtlichr Teil zu dem Vernichtungskampf wider das Deutsch» Reich rüstet, wird dieser Tag zum Bcwusttsein chringenl daß in dem Kampfe nm seine staatliche Unab- Ihüngigk«, in dem Kampfe um seine nationale Ehre Deutsch fand einst ist und einig bleiben wird bis zum letzten Bluts­tropfen. Ob die Diplomaten richtig gehandelt, ob es so kommen nustte, wie es gekommen, das mögen spätere Zeiten entscheid!r. Jetzt steht das deutsche Leben ans dem Spiel und da gibt s kein Schwanken und kein Zagen! Das deutsche Volk ist iinig in dem eisernen, unbeugsamen Entschlnst, s i ch nicht uäitcrjochcn zu lassen, und nicht Tod und Teufel vird es gelingen, dieses große, tüchtige Volk, unser deutsches Volk, untcrzukriegen! Diese Sitzung des Rcichstazes, in der cs aufsprüht von Mut und Kraft, zeig, den Feinden, daß sic in ihrem listigen Unterminieren der Sichcrhcst des Staates nuf ein ganzes Volk stoßen, auf ein Volk voll eiserner Kraft und crzcrncr Aus- Lauer!

Mao» für Mann haben die deutschen Sozial­demokraten sür die Anleihe gestimmt. Wie die gesamte internationale Sozialdemokratie ist auch unsere reichsdcutsche Partei, dieses Juwel der Organisation des klas- scnbewußtcn Proletariats, die heftigste Gegnerin der Kriege, die leidenschaftlichste Anhänger!« der Eintracht und Solidarität der Völker. Und sie hat auch nichts unver­sucht gelasien, was diesen Weltkrieg, der nun vor allem der Krieg gegen deutsches Wesen ist, hätte ab° «enden können, was der Menschheit diese furchtbare Erschüt­terung des gesamten Erdenbnucs erspart hätte. Ihre Schuld ist es wahrlich nicht, wenn das Deutsche Reich und mit ihm die ganze europäische Welt die Kricgsgcißcl verspürt. Aber da das deutsche Vaterland in Gefahr, da die nationale Unabhängigkeit des Volkes bedroht, tritt die Sozial­demokratie schützend vor die Heimat hin, und dievatcrlands- losen Gesellen", dierote Rotte", wie sic der Kaiser einst sihalt, weiht dem Staate Gut und Blut der arbeitenden Massen. Tie Arbeiter denken nicht an die schnöde Be­handlung, die ihnen der preußische I » n k e r st n a t zu- sügt, nicht des tausendfältigen Unrechts, des Hohnes, der Verfolgungen, die ihnen Tag nm Tag werden; sic denken nur an das geliebte deutsche Volk, bas in Not i st und das die Kraft der Arbeiter braucht; und furchtlos und mutig stellen sic sich an seine Seite. Sie mäkeln nicht und feilschen nicht; nie hat eine Partei größer und erhebender gehandelt als diese deutsche Sozialdemokratie, die sich des übcrernstcn Augen­blicks wert und würdig gezeigt hat.

Und so zieht das deutsche Volk einig in den Kamps um bie Bewahrung seines staatlichen und nationalen Daseins. Aus ber anderen Seite elende Speknlationen, Schacher- koalitioncn, denen jede sittliche Idee fehlt. Hier ein einig kraftvoll bewegtes Volk; die Weltgeschichte müßte den Lauf rückwärts nehmen, wenn den Deutschen nicht ihr inccht würde!

. .

Eroberungen.

während draußen die Kanonen sprechen, unterhalten sich einige Zuhousegebliebene damit, Striche auf der Land­karte zu ziehen.

Solange diese Unterhaltung an den Biertischen mehr oder »linder entlegener Dorsschaften getrieben wird, ist dagegen tzienig einzuwcnden. Aber wenn der Chefredakteur eines

großen Berliner Blattes sich an diesem Gesellschaftsspiel be­teiligt, so wird man das nicht ohne Widerspruch hingchen lassen dürfen. Im Berliner Tageblatt deutet Theodor Wolfs an, daß Deutschland nach einem glücklichen Krieg Belgien zum Teil oder ganz annektieren würde. Er schreibt;

Die Versicherungen, die der bentsche Ncichskanzler der bel­gischen und der englischen Negierung für die Zukunft gegeben Hai, waren an Bedingungen geknüpft, die nicht erfüllt worden sind. Die belgische Negierung spiclle, als sic der deutschen Armee den Weg versperren wollte, ein höchst gewagtes und verlustdrohcndes Spiel. Hat sie darauf gerechnet, die Franzosen würden wie der Wind hcrbeicilcn und die berühmten hunderttausend Engländer würden rechtzeitig zur Stelle fein? Wahrscheinlicher ist, daß sic ihre Hoffnungen mehr aus die englisch« Diplomatie fetzte, die im Augenblick des Friedensschlusics»helfen soll. Es ist doch wahr­scheinlich, dah die Welt nach dem Ende dieses Krieges anders als vorher ausschcn wird."

Der Reichskanzler hat für den Fall, daß Belgien den freien Durchzug der deutschen Truppen gestatten sollte, die Integrität des belgischen Gebiets verbürgt. Tie Drohung des Herrn T. W. ist also deutlich.

Ob mit solchen Auslassungen der deutschen Sache und der notwendigen Einigkeit des deutschen Volkes ge- dient wird, ist doch wohl im höchsten Grade fraglich. Die Sozialdemokratie hat dem Reich die Mittel bewilligt, die not­wendig sind, um Deutschland vor dem Zaren und seinen Ver­bündeten zu schützen, sie hat aber damit keine Blanko­vollmacht ausgestellt für eine Eroberungspolitik, die einstweilen Herr T. W. allein verantwortlich zeichnet.

Das deutsche Reich deckt mit seiner Fläche zwischen Ost und West das. ganze von; deutschen Volke bewohnte.Gebiet. Aufnahmefähige Elemente sind weder in Belgien, noch in Frankreich, noch in Rußland zu finden nur in Oesterreich, das doch als Verbündeter für eine Eroberungspolitik gar nicht in Betracht kommt.

Eine Vermehrung fremdnationaler Elemente, die sich nur m i t G e w a l t in den Rahmen des Reiches einfügen ließen, bedeutete eine Verniehrung der innern Schwierig­keiten und das Gegenteil einer nationalen Politik. Die Fortdauer der europäischen Unruhe auch nach der» Kriege würde durch sie traurige Gewißheit und der gegen- wärftge Kampf würde dann nur der Anfang einer ganzen Kette von Weltkriegen sein.

Die Sozialdemokratie wünscht als Ergebnis des Krieges keineöde Weltherrschaft", von der einst Wilhelm II. sagte, daß Deutschland sie n i e m a l s nnstreben werde, sondern einen Zustand, der es den europäischen Völkern ermöglicht, frei nach außen und innen nebeneinander zu woh- nen. Sie kämpft mit den andern gemeinsam für ein s e l b st - st ä n d i g e s, nicht aber sür eingrößeres", durch Aus­nahme fremdnationaler Elemente weniger deutsches Deutschland. Sie kämpft für einen dauernd gesicherten Frieden, nicht sür einen ewigen Krieg, der die a n - dcrn Weltteile zu den Herren der von Europa ver­lassenen und verwünschten Kulturcrbfchaft machen würde.

Wer von Eroberungen spricht, erweist dem deutschen Volk und ganz Europa einen schlechten D i e n st. Wer die gewaltsame Unterwerfung fremder Volksteile empfiehlt, treibt auch eine Politik, die alles eher als liberal ist. Wenn wir das Lcbcnsrecht des deutschen Volkes verteidigen und das tun wir aus voller Ucberzeugung müssen wir auch Achtung haben vor dem Lebcnsrecht der fremden Völker.

. *

Keine doppelte Moral!

Es ist ohne Zweifel wider das Völkerrecht, daß England zwei Panzcrschifse, die an! seinen Werften für Rechnung der Türkei ge­baut wurden, mit Beschlag belegt und in sein« eigene Flotte cinge- reiht hat. Die konservative Presse Deutschlands gibt ihrer Ent­rüstung über diesen Streich denn anch den denkbar schärfsten Aus­druck und vertritt niit dankcnVverter Entschiedenheit di« Rechte der neutrale» Staaten. So redet beispielsweise die Deutsch« Tages­zeitung nur davon, das, England di« türkischen Schiffege­stohlen" habe, und die Kreuzzcitung steht in dem Vorgang einen neuen Beweis für die Art.wie England mit den Rechten der neutralen Staaten umspringt".

Wir sind ivcit davon entfernt, den englischen Uebergriff irgend­wie beschönigen zu wollen, aber wir müssen uns doch die Frage vorlegen, ob gerade die öffentliche Meinung in Deuft'chland zu einer so herbe» Kritik berechtigt ist. Deutschland hat die Neutrali­tät Luxemburgs und Belgiens verletzt. Es hat sie wie der Reichs­kanzler ausftlhrtc verletzen m ü i I c ». Aber der Einmarsch deut­scher Truppen in das Gebiet dieser beiden Staaten war, wie Herr v. Bethmann mit anerkennenswerter Offenheit zugcstand, ein Bruch des Völkerrechts, und wenn wir nun die Beschlagnahme der ttir- klfchen Schiffe durch England als einen himmelschreienden Frevel hinstcllcii, dann wird cs uns schwer, de» Vorwurf abzuwchren, dass wir die Kränkung der Rechte neutraler Staaten verschieden be­werten ie nachdem, ob sie von uns oder von unseren Feinden aus­

geht. Das Wort.Not kennt kein Gebot" wurde an, vergangenen

Dienstag im Reichstag,von der Mehrheit stürmisch beklatscht. Nun gut. wir sollten uns auch in dieser Zeit Objektivität genug bc- ivahren, sür uns keine Moral in Anspruch zu nehmen, die wir den anderen nicht zugestche» wollen, und auch die Kriegsbcgeistertsteii sollte» nicht vergessen, das, dem Krieg eine Friedenszeit folgt, in der wir, wie immer der Ausgang des Ringens sein mag, mit den Ngchbarvölkcrn au, dem Fuße gegenseitiger Achtung verkehren müssen.

Vaterlandslose Geselle».

Ausgerechnet in Potsdom, der Stadt der Pensionäre, hoben sich nicht genügend Einwohner freiwillig erboten, für Militär Privatquartiere herzugcbcn. Ter Magistrat hat einen besonderen Aufruf erlassen müssen. Die Potsdamer Tageszeitung wettert gegen diejenigen, die ihre Bcgnemlich» kcit durch Einquartierung nicht stören wollten:

Es handelt sick> in solchen Fällen um «ine hnnds- s ö t t i s ch c Gemeinheit gegen das Vaterland: diese Gemein­heit wird seinerzeit beglichen werden. Vielleicht irren die vaterlandsloscn Gesellen, die henke ihr« Bequem­lichkeit nicht der Sache des Volkes und Vaterlandes opfern wollen, einmal als Verflucht« und Gcbrand markte umher; wert wären sie es wenigstens."

Dievaterlandsloscn Gesellen" . . . Das Wort klingt so bekannt. Aber diesmal sind nicht dieRoten" damit gemeint, wndern gute, brave Patrioten. Denn für die Einquarfterung kommen ja nur größere Wohnungen in Betracht, die engen Arbcitcrwohnungen scheiden aus.

Ein ernstes Wort zu ernster Zeit.

Man ersucht die Franks. Ztg. lim Aufnahme folgender Zeilen:

In dein strahlenden Bild allgemeiner Begeisterung und Hin­gebung tauch?» einige trübe Flecken au>. vielleicht nur Schönheits- fchlcr. die zum Teil auch schon im Krieg 1870/71 gerügt iverden mussten. Es fällt peinlich auf. dass einzelne junge D cckm c n auch in dieser ernsten Zeit es flir richtig halten, sich zum Empfang durch­reisender Truppen auffällig herauszuputzen. Ans ihrem Auszug in den schweren Krieg dürfen unsere Krieger wohl eine stimmungsvollere Form erwarten, und die Verwundeten und Ge­fangenen, die bereits eintressen, wird dies« Geschmacklosig­keit Heftemden.

lim keinen Preis dürfen zwei andere Erscheinungen Wieder­kehr e n: das H i n d r ä n g e n der freiwilligen Pslogerinnen zu den Offizieren unter VernachlässigungderKemcinen, die doch gerade so gut wie jene ihr Bestes getan und das Furcht­barste erlitten haben, und die Bevorzugung verwundeter Feind« gegenüber den eigenen Landsleuten. Gewiss sind die Feinde, die verwundet zu uns kommen, mitleidswert« Menschen; aber in erster Linie muss unseren eigenen Soldaten die hilsreichc Hand, die sich ihnen zuwendet, in dankbarer Liebe und Treue Hilfe schaffen."

Vergebliche Lockung.

Am Montag haben Flieger des französischen Generalissimus Pakete von in Belfort gedruckten Aufrufen hcrabgeworfen, die folgenden Wortlaut hatten:

Auftiif des ftanzösischcn Generalissimus an die Elsässer! Kinder des Eisass! Nach II Fahren schmerzlichen Wartens betreten ftanzösische Soldaten wiederum den Boden eures edlen Landes. Tie sind die ersten Arbeiter des grossen Werkes der Revanche; es erfüllt sie mit Rührung und Stolz. Um das Werk zu voll­bringen. geben sie ihr Leben dahin. Tie ftanzösische Nation steht einmütig hinter ihnen, und m den Falte» ihrer Fahne stnd die Zauberworte eingegraben: Recht und Freiheit! Es leb« das Eisah, es lebe Frankreich!"

Die Unterschrift lautet: Der französische Generalisimns: Joffre. Gebracht durch die französischen Esquadrilles, Mülhausen.

Angriff auf Daressalam.

Englische Zeitungen bringen die Nachricht, daß der Hafen von Daressalam von den Engländern angegriffen und der dortige Funkenturm von ihnen zerstört worden sei.

Eine englische Danksagung.

Aus Köln erhielt die Frankfurter Zeitung folgende Postkarte mit dein Ersuchen um Veröffentlichung:

Sehr geehrter Herr Redakteur!

Fm Begriff, Deutschland zu verlassen, dürfen wir Sie bitten, mittelst Ihrer Zcitinig den Eisenbahn-, Militär- und Pokizei-- beamtcn unseren anfrichtigstcn Dank anszudrücken für die g r o ss c Höflichkeit, die Rücksicht, mit der sie uns airf unserer Reise cntgegengekommen sind. Besonders in Niedcrlahnstcin, wo wir lange, eriniidcnde Stunden verbringen mussten, und wieder in Köln wurden wir von allen Beamten und der Be­völkerung mit der grössten Rücksicht behandelt. Fndem mir allen herzlich danken, nwchtrn wir alle Deutsche vcr» sichern, dass wir unsererseits unser M ö q l i ch st e S tun werden für die Deutschen, mit denen wir in England in Berührung kommen werden. Dankbare Mitglieder der

englischen Kolonie in Frankfurt.

CH» Stockpole Erzbischof vo» Posen.'

Die Norddeutsche Allgemeine Zeitung berichtet: Die

Königliche Staotsrcgiernng beschloß, die seit dem Tode des Erzbischofs Stablewski bestehende Sedisvakanz im Erzbistum