Ausgabe 
20.12.1914
 
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Leute zusammen. Zwei Frauen schimpften einander vor einer offenen Haustür, im Handumdrehen hatte sich um sie ein dichter Urei; von Zuschauern gebildet, Knaben kletterten an den Laternenpfählen in die höhe, um besser zuschauen zu können, da setzten wir mit einem flott gespielten Ländler ein, und sofort löste sich der dicht geschlossene Kreis. Die streit­baren Frauen riefen sich noch einige unliebliche Worte zu, dann verstummte ihre erregt« Zwiesprache, und die Men­schen ringsumher gerieten in ein Tanzen und Hüpfen, daß es sogar uns Musikanten ganz schwindlich wurde. Kn diesem Tage war ich wirklich froh, ein Musiker zu sein und eine Kunst zu treiben, die auf die Menschen eine besänftigende Wirkung ausübt.

Nn einem schönen, sonnenhellen Maitage spielten wir in der Kalver Straat. Tin alter, gut gekleideter Holländer stand in unserer Nähe und hörte unserem Spiele aufmerksam zu. Tr war ein sehr kräftiger, beleibter Mann, der min­destens zwei Zentner wog, er hatte weiße haare und rauchte bedächtig eine dicke Zigarre. Wir hatten gerade ein Musik­stück beendet, nahmen unser« Instrumente unter den Nrm und unsere Notenständer in die Hand, da tippte der alte Herr mir auf die Schulter und redete mich langsam in holländischer Sprache an. Nun hatte ich während meines Nufenthaltes in den Niederlanden schon manches holländische Wort auf­geschnappt, konnte mich auch mit meinen Tjuartierleuten zur Not verständigen, aber eine zusammenhängende holländische Nede konnte ich doch nicht verstehen. Ich sah deshalb den alten Herrn fragend an.

Niet verstaan?" sagte er.

Niet verstaan, Mynheer!" war meine Nntwort.

Da sprach der Holländer langsam in ganz leidlichem Deutsch zu mir. Unsere Musik habe ihm gefallen, und ob wir bereit seien, demnächst auf der Hochzeit seiner Tochter aufzuspielen.

Freudig bejahte ich diese Frage. Was konnte mir lieber sein, als wenn ich nicht immer Straßenmusik zu machen brauchte? Ich sagte, daß ich zu Kreuznach in der Kur­kapelle mitgespielt habe.

ffi, ja," sagte der Herr,Kreuznach kenne ich, dort bin ich im Jahre 1867 mit meiner Frau zur Kur gewesen. Die Musiker dort haben gute Konzerte gegeben. Nber nun, hören Sie, kommen Sie in einer Stunde zu mir in das Tafs Krasnapolsky, dort wollen wir alles nähere miteinander besprechen, ich sitze im ersten Saale zur rechten Hand."

Ich sagte zu und ging meinen Leuten nach, die an einer Straßenecke schon wieder aufspielten.

pünktlich eine Stunde später fand ich mich in dem welt­berühmten Tafo, in Nmsterdam kurzTafs Kras" genannt, ein und traf den alten Herrn gleich am Tingang sitzend. Tr winkte mir zu, lud mich freundlich ein, an dem kleinen Mar- mortische, an dem er saß, Platz zu nehmen, und bestellte für mich Kaffee. Mächtige Dampfwolken ausstoßend und in guter deutscher Sprache, wenn auch manchmal ein unrichtiges Wort dazwischen fiel, teilte er mir mit, was er mit mir ver­einbaren wolle. In zehn Tagen habe seine älteste Tochter Hochzeit und zwar in einem Hotel, das er mir nannte, es seien hundert Personen geladen. Dann kam die Frage, was ich haben wolle, wenn ich mit meiner Kapelle von nach­mittags drei Uhr bis zum frühen Morgen spielen werde.

Ich überlegte eine Weile. Nasch ging mir der Gedanke durch den Kopf, meine Forderung nicht zu niedrig zu stellen,' heruntergehen konnte ich immer noch. So verlangte ich 130 Gulden.

Der Holländer schüttelte mißbilligend den Kopf.

Zu viel Geld, zu teuer!", sagte er,ich habe zehn Kinder und wenn ich jedesmal muß 130 Gulden für die Musik bei der Hochzeit bezahlen, das ist zu viel. Da nehme ich mir lieber eine holländische Kapelle."

Nasch lenkte ich ein.

Nun, Mynheer, für 120 Gulden kann ich es auch tun."

hundert Gulden und keinen Stuiver mehr," war die Nntwort.

Mynheer, wir wollen die Differenz miteinander teilen. Sagen wir 110 Gulden, dafür bekommen Sie aber auch eine feine deutsche Musik. Wir spielen die neuesten Sachen."

Nbgemacht," sagte der dicke Herr und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, daß die Tassen klirrten.

Ich wollte gehen, aber der Holländer drückte mich nieder auf meinen Stuhl, um eingehend das Nötige mit mir zu be­sprechen. Tr sagte, er sei der Kaufherr Jan van der Smitten, dann bestellte er mir eine neue Tasse Kaffee und bot mir eine von seinen dicken Zigarren an. Die Zahl der Tassen Kaffee, die er selber trank, schien mir in das Grenzenlose zu wachsen, und es war sehr starker Kaffee, keiner von der Sorte, wie man ihn in meiner Heimat unter reichlicher Zugabe von Zi­chorie bereitet.

Ich mußte genau angeben, was meine Kapelle zu leisten imstande war. Nun hatten wir ja, ehe wir abreisten, nicht miteinander geübt, weil ich meist ältere Musiker hatte, aber auf unserer Neise hatte ich stets auch in den Nuhestunden im Cjuartier fleißig spielen lassen, wenn auch der Gottfried Keiper darüber brummte. Infolgedessen waren wir gut auf­einander eingespielt und konnten eine reiche Nuswahl von Tänzen, Märschen, Liedern und sonstigen Musikstücken bieten. Wohlgefällig brummte Mynheer van der Smitten vor sich hin, als ich ihm alles aufzählte, dann sagte er:Die Deutschen leisten in der Musik mehr als die Niederländer, die können nur wild auf die Trommel schlagen und sind unzuverlässig. Nie kommen sie pünktlich zu der Stunde, zu der sie bestellt werden."

Immer redseliger wurde der Mynheer. Tr erzählte mir, daß er lange Jahre ein Geschäft auf Java gehabt habe. Daß er ein gewiegter Kaufmann sei, hatte ich schon an der Nrt gemerkt, wie er mit mir um den Preis gefeilscht hatte. Immer­hin konnte ich mit dem, das mir in Nussicht gestellt war, sehr zufrieden sein. Solche Nufträge, bei festlichen Gelegenheiten zu spielen, hatte ich seither noch nicht gehabt. (Fortsetzung folgt.)

Kleine Mitteilungen.

Mit Rücksicht auf die vielen Gottesdienste, die in der Weihnachts- und Neujahrswoche in Gießen stattfinden, sollen die Kriegsbetstunden am 23. und 30. Dezember ausfallen.

Worte zum Nachdenken in der Ariegszeit.

Wem Gott ein treues herze gab,

Der soll das wohl bewahren,

Tr ginge besser in das Grab,

Ließ er die Treue fahren.

Treu' ist ein Spiegel, den «in Mann Soll für sich tragen allezeit.

Treu' ist das heimlich traute Kleid,

Damit uns Gott hat angetan.

Airchliche Anzeigen.

Sonntag, den 20. Dezember, 4. Ndvent.

In der Stadtkirche.

vormittags 9Vs Uhr: Pfarrer Schwabe, vormittags I I Uhr: Militärgottesdienst und heiliger Nbend- mahl für die Militärgemeinde. Pfarrer Schwabe.