Äonntagsgrusz
Gemeinüeblatc süröie evangelisch Kirchengememöe
Gießen.
Nr. 49. Gießen, 4. Advent, 20. Dezember 1914. 3. Jahrgang.
Trost in der Nriegszeit.
Hesaia 40, 1 u. 2. Tröstet, tröstet mein Volk! spricht euer (Bott;
redet mit Jerusalem freundlich und prediget ihr, daß ihre
Knechtschaft ein Ende halt denn ihr- Missetat ist vergeben.
Liehe, um Trost war mir sehr bange! Dieses Wort des kranken Königs hiskia ist in diesen Tagen manchem unter uns aus der Seele gesprochen. Wir leben jetzt im fünften Kriegsmonat und sind anscheinend noch nicht über,den Berg hinüber. Wie sehnen sich in diesen Tagen unsere Soldaten nach der Heimat, da ihnen klar geworden ist, daß sie Weihnachten im Feindesland verleben müssen. Wie ^at uns alle der Lchmerz erfaßt, als wir von dem Untergang des deutschen Geschwaders an den Falklandsinseln hörten. Liehe, um Trost ist mir sehr bange, so reden jetzt die, die dem vaterlande ein heiliges, großes Opfer haben bringen müssen, besonders die, die um das ungewisse Lchicksal eines vermißten oder Gefangenen sich grämen, Leid ist jetzt überall in den Häusern, und von der seligen Freude des Rdvents merkt man nicht viel. Dazu wird die Teuerung immer fühlbarer, mancher Hausvater und manche Hausmutter fragen sich: Wie soll das erst im kommenden Frühjahre werden, wenn die Vorräte aufgezehrt sind und für sie noch kein Ersatz geschaffen ist? Es gilt jetzt, was einst Paulus gesagt hat: Es ist eine böse Zeit, Rngst, Uot und Tod schreiten geharnischt durch die Lande.
Um Trost ist uns sehr bange, Uber gerade in dieser Lage suchen wir nach Trost. Wo sollen wir diesen Trost finden? Er kommt nur von dem heiligen Gotte, den der Upostel ja einen Gott des Trostes und Vater der Barmherzig- keit nennt, Trost kommt aus seinem heiligen Worte, Das vorangestellte Gotteswort ist ein rechtes Trostwort. Israel war in schwerer Not, Das Volk war gefangen weggeführt nach Babylon, in Heimweh und Herzeleid verbrachte es seine Tage, Da sprach der Herr durch den Mund seines Propheten: Tröstet, tröstet mein Volk! Uedet mit Jerusalem freundlich und prediget ihr, daß ihre Knechtschaft ein End« hat; denn ihre Missetat ist vergeben. Gottes Wort hat ewige Geltung, es ist immer neu, darum dürfen wir auch in unserer gegenwärtigen Uot diese Verheißung als eine an uns gerichtete Verheißung ansehen und des Glaubens leben, daß Gott uns nicht verlassen will.
Es ist in diesem Fahre alles ganz anders gekommen, als wir gewünscht haben. Wir haben gewünscht, daß uns weiterhin
die Legnungen des Friedens erhalten geblieben wären. Dann wäre die Urbeit in Stabt und Land ruhig weiter gegangen, unsere Familien wären von Leid verschont geblieben, wir hätten Weihnachten fromm und froh feiern können. Uber es fragt sich, ob es für uns heilsam ist, wenn alles nach unseren Wünschen geht. Der fromme Dichter Novalis hat vor mehr als hundert Fahren gesungen: „Wenn alles eben käme, wie du gewollt es hast, wenn Gott dir gar nichts nähme und gäb' dir keine Last, wie wär's da um dein Lterben, o Menschenkind, bestellt, du müßtest schier verderben so lieb wär dir die Welt," Gerade dadurch, daß Gott unseren Wünschen mitunter ein entschiedenes Nein entgegensetzt, will er unsere wahre Wohlfahrt fördern, Kriegszeiten sind gewiß Zeiten der Ungst und Lorge, aber auch Zeiten, da Gott dem Menschengeschlechte nahe tritt, es im Wetter der Trübsal zu sich ruf! und auf den Weg des ewigen heiles führt. Unser Volk war vor dem Kriege innerlich, namentlich religiös verarmt, in den Kirchen fehlten besonders die jungen Männer. Fetzt wird ihnen da; Herz warm, und das Uuge füllt sich mit Tränen, wenn sie unter freiem Himmel zum Feldgottesdienst antreten. Fetzt haben wir alle Verständnis für da; gewonnen, was unsere Vorfahren in alten Kriegszeiten haben leiden müssen Novalis sagt, daß gute Tage uns dazu treiben, daß wir uns zu sehr an das Leben anklammern. In diesen Tagen, da das große Lterben durch die Lande geht, haben wir gelernt, dem eigenen Leben nicht mehr so großen Wert beizumessen, bescheidener zu sein, die eigenen Wünsche einzuschränken und die eigenen Ziele zurückzustecken. Dadurch, daß die Familienglieder voneinander getrennt sind, hat die Liebe und Treue unter ihnen zugenommen. Manche Frau hat im Rugenblicke, da der Mann von ihr Rbschied genommen hat, um in das Feld zu ziehen, eingesehen, daß er ihr ein treuer, tapferer Lebensgefährte war, auch wenn sie vorher mit Recht oder mit Unrecht mancherlei an ihm auszusetzen hatte. Ein Dichter unserer Tage läßt einen Rbschied nehmenden Landsturmmann zu seiner Gattin sagen: „Was wir einander waren, wir haben es erfahren, weil ich jetzt scheiden muß," Ein Krieg ist wie eine schwere Krankheit im Hause. Man lebt still und fleißig dahin, auf einmal wird ein Glied der Familie von der Krankheit erfaßt. Im Rnfang denkt man, daß das Uebel rasch vorübergehen werde, dann schwindet


