Ausgabe 
6.12.1914
 
Einzelbild herunterladen

327

Da erkannte ich in dem Besucher den Jakob Straßer. Angenehm war mir sein Besuch nicht: ich sah, daß Lina gar nicht mehr froh aussah, als dieser Gast vor unserer Tür stand, aber ich konnte ihn doch nicht ohne weiteres weg­weisen und nötigte ihn in das Zimmer.

Jakob Straßer ließ sich auf einen Stuhl, der nahe an der Tür stand, niederfallen.

Setz' dich doch an den Tisch und mit uns!" sagte ich zu ihm.

Aber der Jakob lehnte ab, er habe im Wirtshause schon gegessen und wolle nur einmal sehen, wie es mir gehe.

Reden hatte der Jakob Straßer schon immer gekonnt, auf unseren Wanderungen hatte ihm früher der Mund nicht stillgestanden. So redete er auch jetzt in einem Zuge darauf los, wenn er auch viele Worte verkehrt aussprach und nianchen Satz nicht richtig zu Ende führte.

Ls gehe ihm nicht besonders gut, erzählte er, er habe ein Haus voll Rinder und mit seiner Frau sei es nichts. Die kehre die Stube nicht und vergesse, die Geiß zu melken, weil sie stets auf der Straße stehe und mit anderen Wei­bern schwätze. Tr habe sie schon gehauen, warum? Sein Vater habe die Mutter auch gehauen, aber alles, wie es recht gewesen sei, und so habe er es auch gemacht, aber es habe nichts geholfen. Auch der Meister Binder sei nichts wert, der sei ein alter Geizhals, der die Musikanten nicht richtig bezahle und gerade die alten Deute, wie er, der Ja­kob Straßer einer sei, nicht ehre und achte. So schlecht habe Binder bezahlt, daß er jetzt keinen Pfennig Geld mehr habe. Tr habe im Wald gearbeitet, aber der Forstwart sei auch ein Mameluck, der habe ihn vor Weihnachten nach Hause geschickt und wolle ihm keine Arbeit mehr geben.

Al; Jakob genügend geschimpft hatte, ging er zu den Tagesneuigkeiten über. Bei Ruppertsecken habe ein Jagd­hüter im Walde sieben Hasen gefunden, die sich in Schlingen gefangen hätten, einer davon habe noch gezappelt. Man meine, niemand anders als der Gottfried Reiper habe die Schlingen gelegt. In Teschenmoschel, wo er, der Jakob, her sei, habe sich in der Reujahrsnacht ein junger Mensch zwei Finger von der linken Hand abgeschossen, in Falken­stein am Donnersberg sei ein Teil der alten Schloßruine eingestürzt und in Hochstätten habe ein Mann ein Schwein geschlachtet, das vier Zentner gewogen habe.

Line halbe Stunde nach der anderen verstrich, es war schon beinahe neun Uhr, und ich dachte mit Schrecken, daß Jakob möglicherweise bei mir über Nacht bleiben wolle, da es ganz ausgeschlossen war, daß er in der Nacht nach seinem weit entfernten heimatsort würde gehen können. Aber ich wollte den unsauberen und angetrunkenen Bur­schen unter keinen Umständen beherbergen, darum sagte ich kurz entschlossen, indem ich gähnte:Jakob, wo willst du über Nacht bleiben, hier bei uns ist kein Platz für dich."

Da stand der unwillkommene Besucher endlich von sei­nem Stuhle auf und sagte:Li, ich will in Hochstätten über­nachten, da habe ich einen guten Freund, der mich schon oft eingeladen hat. Ja, was ich noch sagen wollte, Peter, ich höre, daß du jetzt Meister bist, da wirst du mich doch in deiner Rapelle brauchen können. Reiner in der ganzen Pfalz bläst so gut Baß wie ich."

wir wollen sehen, ob wir miteinander einig werden," gab ich zur Antwort,wenn ich meine Rapelle zusammen­stelle, werde ich an dich denken."

Aber einen guten Lohn mußt du mir geben, weil ich ein alter Rollege von dir bin," meinte Jakob, indem er schwerfällig die Treppe hinunterging.

Da er immer noch nicht fest auf den Füßen stand, so ging ich mit ihm bis zum Hoftor. Ls wäre besser gewesen, ich hätte ihn schon oben an der Zimmertür verabschiedet: denn am Tor lieh er sich von mir noch zwei Mark.

Dieser Besuch war das Vorspiel dessen, das mich in den nächsten Wochen erwartete. Ueberall in der Pfalz, wo nur Musikanten wohnten, war die Nachricht umgelaufen, daß ich die Rapelle des Fritz Binder übernommen habe, und nun meldeten sich allerlei Leute bei mir zum (Eintritt. Lina hatte oft während meiner Abwesenheit ihre liebe Not, alle die weitgereisten Gesellen wieder los zu werden. Gottfried Reiper schrieb mir einen Brief, daß ich ihn nehmen solle. Wohl wußte ich, daß er ein unzuverlässiger Geselle sei, daß er mit der Wahrheit auf gespanntem Fuße stehe und über das Mein und Dein merkwürdige Begriffe habe, aber ich fühlte mich ihm gegenüber doch verpflichtet, weil er mir den ersten Musikunterricht gegeben hatte und mir von frühe­ster Jugend an bekannt war.

Ich merkte in dieser Zeit, daß man als lediger junger Mann doch weit weniger Sorgen habe, als wenn man verhei­ratet ist und auf eigenen Füßen steht. Doch vergingen uns beiden diese ersten Wochen unserer The in ungetrübtem Glücke, wenn ich zu Hause war, half ich meiner Frau bei allerlei Hausarbeiten, so daß sie manchmal lachend sagte: Man meint, du wärest jahrelang als Hausmädchen in Stellung gewesen." Abends saßen wir beim Lampenschein beieinander. Lina trieb eine Runst, die man jetzt leider auch auf dem Lande noch selten findet: sie saß am Spinnrad und spann, was meine Mutter im Winter immer getan hatte, wenn sie zu fleißig war und das Schnurren des Spinn­rades am Abend gar nicht zur Ruhe kommen wollte, da mahnte ich, sie solle aushören, aber Lina sagte:Ich will doch meinen Schrank mit Leinenzeug füllen und etwas zu tun haben, wenn du im Frühjahr nicht mehr da bist. Da gehe ich jeden Tag auf die Bleiche und gieße das graue Tuch, damit es schneeweiß ist, wenn du heimkommst."

(Fortsetzung folgt.)

Kleine Mitteilungen.

wiederholt ist es seit Ausbruch des Rrieges vorgekom­men, daß auswärtige Pfarrer und Militärbeamte, wenn im Felde stehende Glieder der Gießener Gemeinde verstorben sind, deren Angehörigen die Weisung geben, die Beerdigung dürfe nur durch den Pfarrer erfolgen, der in Friedenszeiten die Amtshandlungen vollzieht, die sich auf Militärpersonen beziehen. Dieser Weisung entgegen wünschen jedoch unsere Gemeindeglieder, daß die Beerdigung durch ihren Gemeinde­pfarrer vollzogen werde. Das ist doch auch durchaus ver­ständlich. Dadurch, daß ein Glied unserer Gemeinde zum Rriegsdienst einberufen ist, hört es doch wahrlich nicht auf, weiterhin seiner Rirchengemeinde anzugehören. Die erwähnte schwer begreifliche Weisung zwingt die schon bekümmerten Angehörigen nur zu unnützen und zeitraubenden Gängen. Ls sei deshalb darauf aufmerksam gemacht, daß jeder Pfarrer befugt ist, die Beerdigung von Gemeindegliedern, die dem Heere angehören, vorzunehmen. Unsere Gemeindeglieder wer­den deshalb vorkommenden Falles gebeten, sich ei ihren Pfarrer zu wenden, der die etwa nötigen Formal«.iten er­füllen wird.