Ausgabe 
29.11.1914
 
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Gruß zu erwidern, und der Bürgermeister Bodenbecher, jetzt ein steinalter Mann, zog höflich seine Mütze,' er muß mich für irgend einen großen Herrn aus der Stabt gehalten haben.

Meine alte Mutter sie war nun längst über die sechzig hinaus - - hatte schon vom Fenster her unser Kommen beobachtet. Rls wir eintraten, stand sie im Hausflur, uns zu begrüßen. Festtäglich hatte sie im Wohnzimmer alles hergerichtet. Line schöne Decke lag über dem Tisch, und ein Streußelkuchen war zur Feier des Tages gebacken worden. Der Bruder Fritz kam herzu, und als wir beim Kaffee saßen, wurde meine Braut rasch mit den Meinen bekannt. Rls meine Mutter den Tisch abgeräumt hatte und das Kaffeegeschirr in die Küche trug, ging ich ihr nach, und als wir am warmen Herde einander gegenüberstanden, sagte sie:Peter, ich danke Gott, daß er mich diesen Tag hat erleben lassen. Deine Braut ist ein braves Mädchen, das sehe ich an ihrem Gesichte. Gott sei mit euch beiden, daß ihr so zufrieden und einig mit­einander lebt, wie ich mit deinem Vater selig gelebt habe."

Die Neugier trieb an diesem Tage viele meiner Be­kannten aus dem Dorfe, daß sie uneingeladen in mein Eltern­haus kamen, um zu sehen, was der Peter wiltinger für eine mitgebracht habe. Ls kamen Schulkameraden und Nachbars­leute, alle setzten sich fest und wollten unter endlosen Ge­sprächen gar nicht mehr weichen.

wer aber beschreibt mein Erstaunen, als auch Marie Keiper, die einst als meine Braut gegolten hatte, sich mit den ungeladenen Besuchern einstellte. Ich hatte sie, seitdem mich damals auf der hollandreise die Nachricht von ihrer Untreue erreicht hatte, nicht mehr gesehen. Nun erschien sie dreist und ungeniert, gab mir zutraulich die Hand und sagte: Guten Tag, Peter, ich wünsch dir auch viel Glück zu deiner Verlobung."

Dann setzte sie sich an den Tisch, ließ sich den Kuchen, den ihr meine Mutter anbot, schmecken, betrachtete an­gelegentlich meine Braut, erzählte allerhand Komisches aus dem Dorfleben und lachte so laut, daß uns die Ohren gellten.

Ich fragte sie, wie es ihrem Manne gehe.

Rch, der Schlechtschwätzer," gab sie zur Rntwort,dem geht es noch gut. Die liebste Beschäftigung ist ihm Essen und Trinken, und die Leute lügt er an, daß sich die Balken biegen. In diesem Jahre hat er mir von seiner Neise fast gar kein Geld nach Hause geschickt, alles hat er für sich verbraucht. Lein Meister, der Naab von Einöllen, ist genau so ein Bursche wie er selbst, gleich und gleich gesellt sich gern, wäre er bei dem Fritz Binder geblieben, der hätte ihn wenigstens etwas in Ordnung gehalten. Und den ganzen Winter verdient er mir keinen Pfennig. Du, Peter, hast stets im Winter, wie die Leute in Ruppertsecken erzählen, viel Geld verdient, meiner aber liegt auf der faulen haut und läßt sich von mir er­nähren."

Ich merkte aus diesen Worten, daß die Ehe der beiden nicht glücklich war. Nach den Tharaktereigenschaften der Ehe­leute konnte es auch gar nicht anders sein.

Marie seufzte, dann sagte sie, indem sie mich anblickte: wenn ich noch einmal zu wählen hätte, so würde ich anders wählen."

Das war doch ein starkes Stück, im Beisein meiner Braut diese Erklärung abzugeben, aber zum Glück war Lina so ruhig und in allen Stücken so besonnen, daß sie dieser Rus- sage nicht das geringste Gewicht beilegte.

Peter, du könntest mir jetzt einen Gefallen tun," fuhr Marie fort,ich habe gehört, daß du die Kapelle von Fritz Binder übernimmst, da könntest du meinen Leichtfuß nehmen,

vor dir hat er Respekt und hält sich vielleicht halbwegs or­dentlich."

Ich versprach, mein Möglichstes zu tun und bei der Zu­sammensetzung meiner Kapelle an Gottfried zu denken.

Endlich verließ Marie das Zimmer, und ich war mit den Meinen wieder allein. -

Rasch vergingen die wenigen Wochen, die uns noch von unserem Hochzeitstage trennten. Der 29. Dezember erschien und war ein prächtiger wintertag. Rm Rbend zuvor hatte es zu schneien angefangen, und nun lag die reine, weiße Decke über Feld, Wald und den hoch aufragenden Eichelberg, wir hatten nur die nächsten Rnverwandten geladen, von meiner Seite waren meine Mutter und meine Geschwister gekommen. Mittags um I Uhr erfolgte die standesamtliche Trauung, dann gingen wir im Hochzeitszuge zur Kirche. Die jungen Fürfelder Burschen aus dem Dorfe knallten nach der Sitte des Landes tüchtig mit den Pistolen, um uns damit eine Ehre anzutun. Mir ging auf diesem Wege mein ganzes seitheriges Leben durch den Sinn, ich dachte an meinen seligen Vater und an meinen früh dahingeschiedenen Bruder Georg, meine Kindheit und Jugend zog an meinem Rüge vorüber, und ich dankte Gott, daß er mich durch Freud und Leid sicher hin­durchgeführt und mich eine liebe, gute Lebensgefährtin hatte finden lassen. Der Pfarrer hatte als Trautext das Wort aus dem 37. Psalm gewählt: Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird es wohl machen. Er zeigte uns, wie Gott es seither in unserem Leben wohl gemacht habe, und legte uns die Pflichten des Ehestandes an das Herz. Laut und vernehmlich klang dann unser Ja durch die Kirche, und beim Brausen der Grgel traten wir als neu verbundene Ehegatten Hand in Hand durch das Portal der Kirche hinaus in die wunderbare Schneelandschaft, hinaus in das gemein­same Leben. (Fortsetzung folgt.)

' Kleine Mitteilungen.

Soeben ist im Großherzoglichen Staatsverlage zu Darm­stadt in bekannter schöner Russtattung derLand-Kalender für das Großherzogtum Hessen" für das Jahr 1915 erschie­nen. (Es ist dies schon der 205. Jahrgang, wir haben es also mit einem sehr langlebigen und sehr bewährten Unter­nehmen zu tun. In Dberhessen wird man namentlich einem, in dem neuen Jahrgange enthaltenen Rrttkel von Ferdinand Dreher überFriedberg in der wetterau" Interesse entgegen­bringen, zumal, da eine Reihe von Rbbildungen di« inter­essanten Baudenkmäler der alten Stadt vorführt, weitere Rr- tikel beschäftigen sich mit den künstlerischen. Besttebungen unseres engeren Vaterlandes, von einem Wolf, der im Win­ter 1840/41 in der Umgebung von Lampertheim Schrecken verbreitete, erzählt Rugust Reiß. Rußerdem enthält der Kalen­der eine Uebersicht über alle hessischen Staatsbehörden und ein Verzeichnis der Staatsbeamten. Rlles in allem stellt sich der neueste Jahrgang als ein Kalender der rechten, volks­tümlichen Rrt dar, wie ihn unsere Vorfahren an Winter­abenden gern lasen und wie er auch uns noch ein lieber Be­kannter ist.

wir haben neulich das Schreiben und versenden von sogenanntenKettengebeten" als groben Unfug bezeichnet. Dieselbe Ruffassung oerttitt das Großherzogliche Kreisamt Gießen, das sogar in einem Rundschreiben in Russicht stellt, daß die Rbsender derartigerGebete" wegen groben Unfugs zur Sttafanzeige kommen sollen. Das wird das einzige Mit­tel sein, um den abergläubischen und leichtfertigen Menschen, die, anstatt etwas Nützliches zu tun, ihre Mitmenschen mit