Nr. 45. Gießen, 24. Sonntag nach Trinitatis, 22. November 1914. 3. Jahrgang.
Totensonntag.
Brief des Apostels Paulus an die Römer 14. 8. Leben wir.
so leben wir dem Herrn, sterben wir. so sterben wir dem Herrn.
Darum wir leben oder wir sterben, so sind wir des Herrn.
Sonst war der Totensonntag ein Tag, an dem sich die Familie auf dem Friedhofe bei den Gräbern ihrer Zugehörigen gern versammelte, peute will uns der Platz nicht mehr genügen. Wir Klagen um so viele, die in der peimat Kein Grab haben.
lvie sind die Pelden gefallen im Streu! rr?ie Herrliche Jugend ist nicht in ein frühes Grab gesunken! wie manche Familie weint nicht um den einzigen Sohn! lvie manche nicht um den Vater unmündiger Rinder!
Sie schlafen weit weg, in der Erde und im Meere, sehr viele in den großen Soldatengräbern auf den Schlachtfeldern. einzelnen ist ein besonderes Grab zuteil geworden. Wenn der Tod die Menschen nicht in großen Reihen hinraffte. dann haben die Rameraden sich die Mühe nicht verdrießen lassen, ein Tinzelgrab herzustellen. Sie haben ein polzkreuz darauf gesetzt und Zeichen der soldatischen Zugehörigkeit darauf gelegt, dem Offizier Pelm und Degen, dem Soldaten Pelm und Seitengewehr, dem Trommler die Trommel und die Schlägel, zuweilen haben sie, wo es ging, noch Blumen darum gepflanzt. Rndere liegen an Grten, die niemand kennt, rasch beerdigt: von Feindes pand bestattet. Weit, weit in der Trde zerstreut liegen die Rinder deutschen Volkes, die gefallen sind, in Europa, in Rsien, in Rfrika, und der deutschen Frau will heute das perz brechen, daß sie nicht zum Grabe ihres Mannes oder Sohnes gehen, einen Rranz niederlegen und da beten kann.
Tröste du sie in ihrer Trauer, du heiliges Gotteswort!
Sterben wir, so sterben wir dem perrn, so sprichst du. Wem sind sie alle gestorben, die da schlafen? Sind sie nicht ausgezogen für die deutschen Brüder, für uns, die wir in der peimat zurückgeblieben sind? Daß wir Frieden hätten, daß unser Land den Rrieg nicht sähe mit seinen Flammen und Geschossen, mit seinen schrecklichen Verwüstungen und unsagbaren Greueln. Thristus hat einmal seine Jünger gemahnt, das Leben zu lassen für die Brüder. Sie haben es für uns hingegeben. Ich vergesse nie, was jener Schmied sprach, als er von uns Rbschied nahm, um in dar Feld zu
ziehen • Der Weg nach Deutschland geht über unsere Leiber. So dachten sie wohl alle, die hinauszogen. Ich weiß nicht, ob alle, die in den Rrieg gezogen sind, im herzlichen Glauben an unseren peiland gestanden haben/aber das weiß ich: sie haben das Leben gelassen für die Brüder, und das ist auch ein Sterben dem perrn.
viele unserer Soldaten sind draußen im Rriege Gott näher gekommen, als sie in der peimat standen. Der Vizefeldwebel der Maschinengewehrabteilung des Infanterie-Regimentes Rr. > 16 , der grem, semem tapferen Paupime-un am l. November dieses Jahres eine tödliche Wunde erhielt, auch ein Ritter der Eisernen Rreuzes, ein vielen unvergeßlicher, treuer, wackerer Soldat, schrieb mir ein paar Tage vor seinem Tode: „Wie mancher hat hier in Frankreich das Reten wieder gelernt. Bei vielen ist die Scham vor dem Bekenntnis zu Gott wie ein Nebel verschwunden. Wie lesen sie so gern im Gebetbuch und Gesangbuch in den Schützengräben!" Ja, gar mancher ist gleichgültig im Glauben, gar als Spötter in den Rrieg gezogen. Da hat ihn Gott anders denken und fühlen gelehrt. Und ist es nicht ein Zeichen dieses religiösen Sinnes, daß auf manchem Soldatengrab im Feld neben Pelm und Seitengewehr auch ein neues Testament liegt?
Mit großer Zuversicht stimmen wir in da; Bekenntnis des Rpostels: Sie sind des perrn, des perrn, vor dem es kein nah und weit gibt, des perrn, dem die ganze Erde gehört und der die Toten aus ihren Gräbern ruft zu seiner perrlichkeit. Uns steht nicht das Richten zu, aber das pof- fen, das Glauben, und Gott sei dank, der es uns geschenkt hat in Thristo.
Gr.-L. _ ®. Sch.
Der weg zum Frieden.
Noch dauert unser Werktag hier auf Erden, Einst kommt die Zeit, da wird es §abbat werden, Dann weck uns aus dem Grab, o Lebenssonne» Zur ew'gen Wonne!
Der große Sabbat ist nun schon für so viele angebrochen, die vor wenigen Monaten noch unter uns weilten in Jugend- krafi und Frohsinn, in reger Rrbeit und fruchtbringender Tätigkeit. So ungezählte Scharen gingen dahin, todesmutig


