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Lin pfälzischer Musikant.

Erzählung von Heinrich Bechtolsheimer.

(Fortsetzung.)

Lei diesen Erwägungen verfiel ich auf den Gedanken, ob ich nicht wieder mit einer pfälzischen Kapelle auf die Reise gehen solle. In diesem Falle hatte ich doch mindestens acht Monate hindurch zu tun und konnte, wenn das Glück mir günstig war, weit mehr verdienen als sonst bei irgend einer Kapelle. Ich setzte diesen meinen plan meiner Braut ausein­ander, aber da»wurde sie wirklich traurig. Mich als Schnur- ranten, wie man in der Pfalz verächtlich sagt, hinausziehen zu lassen, das bringe sie nicht fertig. Ernsthaft redete mir Lina zu, diesen plan fallen zu lassen.

Rber er ließ mich nun einmal nicht los. Ich hatte gehört, daß mein früherer Meister Fritz Linder krankheitshalber in diesem Jahre früher als sonst von der Reise zurückgekehrt sei, und so fuhr ich eines Tages nach Rockenhausen, um seinen Rat einzuholen.

Ich traf den Meister im Bett, er hatte von der Reise einen hartnäckigen Rheumatismus mitgebracht und konnte sich kaum rühren.

„Ja, Peter," sagte er, „Geld habe ich in den letzten Jahren, namentlich in Holland, verdient, aber das Schlafen auf Stroh und in ungeheizten Zimmern und das Marschieren durch Nässe und Kälte hindurch, das hat mich krank und steif gemacht."

Ich dachte, als ich das hörte, an die Nacht am Rhein auf meiner ersten Musikantenfahrt, da meine nassen Kleider, die ich nachts nicht hatte ausziehen können, morgens ge­froren waren.

„Und dann," fuhr Linder fort, „mutz man sich als Meister auch oft über die Musikanten ärgern. Bald ist ihnen der Verdienst nicht groß genug, bald schimpfen sie über das Essen, und dann sind viele unter ihnen, die sich so sehr an den Branntwein halten, daß sie beim Blasen nicht mehr fest auf den Beinen stehen. Da ist der Jakob Straßer, das ist so ein richtiger, alter Branntweinsack, seine Rase ist ganz blau, und sein bißchen verstand ist beinahe dahin."

Ls fiel mir ein, wie damals bei unserer ersten Rast in Ebernburg der Jakob das für mich bestimmte Glas Brannt­wein gekippt hatte, und ich wunderte mich nicht, daß es mit ihm so gegangen war, wie der Meister sagte.

„Immerhin," meinte Binder, „lohnt es sich doch noch, ein Musikant zu sein. Peter, dir kann ich es ja sagen,' denn du bist kein Schwätzer und auch kein Neidhammel, ich habe gute Geschäfte mit meiner Kapelle gemacht. Rls ich anfing zu blasen, hatte ich nichts als meine Trompete und meine Musikantcnkappe und jetzt habe ich Haus und Hof und 25 Morgen Feld, was ich mir alles so nach und nach von meinem Verdienst angeschafft habe!"

Ich horchte auf, als mein früherer Meister mir das er­zählte. Daß die Meister mitunter, wenn sie sparsam waren und auf der Reise bescheiden lebten, viel Geld verdienten, wußte ich, aber daß sie sich ein vermögen zusammenblasen könnten, hatte ich nicht für möglich gehalten.

Wir sprachen dann von meiner Zukunft. Linder hatte vor, im nächsten Frühjahre wieder nach Holland zu gehen und machte mir das Rnerbieten, daß ich in seine Kapelle ein- treten solle. Tr versprach mir neben völlig freier Verpflegung, wie das immer den pfälzischen Musikanten gewährt wird, wöchentlich 23 Mark. In diesem Falle könne ich viel Geld zurücklegen oder, falls ich mich bis zum nächsten Frühjahre verheiratete, nach Haufe schicken. Den lvinter über, meinte

er, würde ich mich in Kreuznach durch Musizieren und Stun- dengeben durchbringen können, Ende Februar gehe es auf die Reise.

Dann ließ der Meister eine Flasche Ivein bringen, stieß mit mir an und tat einen tiefen Zug, indem er scherzend sagte: „Siehst du, Peter, wenn ich auch im Rugenblick nicht mar­schieren kann, der Musikantenzug ist mir doch geblieben, wenn ich mich auch vor dem Branntwein zeitlebens gehütet habe."

Gedankenvoll reiste ich nach Kreuznach zurück. In we­nigen Wochen war meine Tätigkeit als Kurmusiker zu Ende, und etwas Neues war noch nicht gefunden. Ich sprach an demselben Rbend mit Lina darüber und erwog mit ihr die Möglichkeit, ob ich bei einem Kreuznacher Kapellmeister, der den Mnter über bei Bällen und Konzerten spielte, an­kommen könnte. Gleich am nächsten Tage wollte ich einmal herumfragen.

hierbei leistete mir der Kaspar Heinz gute Dienste. Rls alter Kreuznacher kannte er natürlich alle Leute in seiner Vaterstadt und besonders auch die Kapellmeister. Ich nannte ihm die Namen derer, bei denen ich wegen Beschäftigung an- fragen wollte. Zuerst erwähnte ich den Konrad Latterbaum. Da legte der Kaspar den Zeigefinger an die Nase und sagte: „Peter, bleiben Sie von dem weg! Der ist ganz gut, so lange er nüchtern ist, aber, so oft er spielt, betrinkt er sich, dann schimpft er alle Leute, die in seine Nähe kommen, geigt falsche Töne und schlägt auch wohl seine Musikanten mit dem Fidel­bogen auf den Kopf."

Ich nannte an zweiter Stelle den Ludwig Theiß.

„Ruch eine schlechte Rdresse," meinte Kaspar Heinz, „ein Luftikus ersten Ranges. Der Gerichtsvollzieher hat ihm schon sein ganzes Möbel gepfändet. In Stromberg hat er einmal bei einem Kriegervereinsball gespielt. Me er abends sein Geld bekommen hatte, ist er heimlich ausgekratzt, hat seine Musikanten spielen lassen und ihnen nicht einen roten Heller ausgezahlt."

Rber der Eduard Wolf fand Gnade vor den Rügen meines Beraters.

„Das ist ein feiner Mann, hat eine schöne Kapelle, spielt nur vor feinen Leuten und bezahlt seine Musikanten, wie es recht ist."

So ging ich denn zu Eduard lvolf und ward auch an­genommen. Rllerdings war der in Russicht gestellte Ver­dienst nicht so groß, daß ich davon hätte leben können, aber ich empfahl mich in der Zeitung als Lehrer im violinspiel und hatte auch durch die Empfehlung des Herrn Sanitätsrates Maurer bald eine Rnzahl von Schülern. Es waren zumeist Gymnasiasten, deren Eltern mich regelmäßig bezahlten.

Unter diesen Umständen konnte ich im herbste des Jahres 1885 mit meiner Lage recht zufrieden fein. Ich hatte eine herzensgute, verständige Braut und fand mein bescheidenes Ruskommen. Ich habe überhaupt stets gefunden, daß es dem im Leben gut geht, der sich in die Verhältnisse zu schicken versteht. Unverständige Menschen, die sich nie den Umstünden anpassen können, die meinen, es müsse immer nach ihrem dummen Kopfe gehen, haben nie Glück. Die gebratenen Tauben fliegen nur im Schlaraffenland den Faulen und Be­quemen in den Mund. (Fortsetzung folgt.)

Kleine Mitteilungen.

Wiederholt kommen Briefe an Soldaten, die im Felde stehen, zurück mit dem kurzen vermerk „tot" oder „gefallen". Dieser vermerk ist jedoch nicht durch eine Unterschrift be­glaubigt. In mehreren uns bekannten Fällen lebten die Tot-