Nr. 44. Gieszen, 23. Sonntag nach Trinitatis, 15. November 1914. 3. Jahrgang.
£einöC$Iiebe in der Itriegzzeit. j||bas kleinste Dörfchen in deutschen Landen um seine gefallenen
^ . . . a „ , .. . - Söhne trauert, wie Mütter und Gattinnen sich grämen und
Brief des Rposlets Paulus an die Römer 12, 19 u. 20. Rächet ' ' . . -
euch selber nicht, meine Liebsten, sondern gebet Raum dem Zorne f° viele Kinber nun vaterlos aufwachsen, so liegt der Gedanke
Gottes: denn es steht geschrieben: Die Rache ist mein, ich will sehr nahe, unseren Soldaten zu sagen: vernichtet alle Feinde,
vergelten, spricht der Herr. So nun deinen Feind hungert, so
speise ihn: dürstet ihn, so tränke ihn. wenn du das tust, so
wirst du feurige Rahlen auf sein Haupt sammeln.
Sind die Worte des Heilandes und seines großen Npostels von der Feindesliebe auch jetzt in der Kriegszeit noch in Geltung? Ganz gewiß: denn des Herrn Wort bleibet fest bestehen: Himmel und Lrde werden vergehen, aber meine Worte vergehen nicht. Tine andere Frage aber ist die, wie wir diese Heilands- und Bibelworte jetzt aufzufassen haben. Sicherlich nicht so, daß wir dem Feinde Kampflos das Feld überlassen sollen. Sollen wir uns aus Friedensliebe in die Hand des hochmütigen, anmaßenden Volkes der Engländer geben, daß sie uns, wie es die morgenländischen Herrscher mit ihren Feinden gemacht haben, den Fuß auf den Nacken setzen? Vas wäre direkt Sünde. Wenn wir das täten, so würden wir uns auf das schwerste an unseren Kindern und Kindeskindern versündigen. Nein, wehren wollen wir uns auf das äußerste oder untergehen. Nls im Jahre 1840 die Franzosen unsere Vorfahren mit Krieg bedrohten, da sang der wackere deutsche Dichter Nikolaus Becker: „Sie sollen ihn nicht haben den freien, deutschen Nhein, ob sie wie gierige Naben sich heiser darnach schreien. Sie sollen ihn nicht haben den freien, deutschen Nhein, bis seine Flut begraben des letzten Manns Gebein." So denken wir auch in diesen Tagen. Es ist sittliche Pflicht, es ist Ehristenpflicht, daß wir Widerstand leisten bis auf das Blut. Dabei dürfen wir alle Maßregeln ergreifen, die imstande sind, den uns bedrohenden Gegner wehrlos zu machen, von diesem Gesichtspunkte aus war es auch geboten, daß die deutsche Negierung alle Engländer, die sich in unserem Lande aufhalten, festnehmen ließ: denn auf andere Weise können wir den ruchlosen Gegner nicht zwingen, die Verfolgung unserer wehrlosen und unschuldigen Landsleute zu unterlassen.
Dennoch bleibt das Wort in Geltung: Nächst euch selber nicht, meine Liebsten! Nachegedanken könnten jetzt sehr leicht in uns erwachen. Wenn wir bedenken, wie die Blüte des Landes auf den weitausgedehnten Schlachtfeldern fällt, wie
die euch in die Hände fallen, sorgt dafür, daß in England und Frankreich weit und breit die Frauen weinen und daß verwüstete Städte und Dörfer und zerstampfte Felder unseren Feinden für immer den Gedanken austreiben, mit uns einen Waffengang zu wagen. Damit würden wir aber weit von dem abrücken, der die Feindesliebe nicht nur gepredigt, sondern sie auch in seinem Sterben noch geübt hat, so daß er zu uns sagen müßte: Sch habe euch noch nie erkannt. Die, die von Ehristus auf den Weg des ewigen Lebens geführt worden sind, die Kinder Gottes und Glieder des neuen Bundes wollen keine Nache üben. Sie überlassen das Nächeramt dem, der gesagt hat: Die Nache ist mein, ich will vergelten. Gott hat uns nicht nötig, um sein Werk auf Erden zu vollführen. Er hat noch nie den Frevler ungestraft gelassen, alle Völker, die sich seinem heiligen Willen widersetzt haben, hat er von ihrem Stuhl gestoßen, er wird auch die, die diesen Krieg verschuldet haben, zeitlich und ewiglich strafen.
viele unserer Feinde kommen jetzt wehrlos, gefangen, verwundet oder krank zu uns. Sn der vorigen Woche zog ein Trupp gefangener Franzosen durch die Straßen der Stadt Gießen. Ts waren arme, wegemüde, heimwehkranke Menschen. Sie haben diesen Krieg so wenig gewollt wie wir, deshalb erregen sie unser Mitleid, wie auch die armen verwundeten, die unkundig der Sprache, mit zerschossenen Gliedmaßen hier ausgeladen werden. Um sie alle grämen sich zu Hause traurige Familienglieder. Diese Feinde schlecht zu behandeln, wäre unchristlich und undeutsch. Schon deshalb müssen wir gegen sie gut sein, weil einer, den wir alle kennen, gesagt hat: Sch bin gefangen gewesen und ihr habt mich besucht. Wie wild und heftig in diesen Tagen auch der Kampf tobt, in der Ewigkeit wird Gott die zusammenführen, die sich hienieden befehdet haben. Wohl uns, wenn wir dann mit gutem Gewissen denen in das Nuge schauen können, die in dieser Zeitlichkeit unsere Feinde waren, dort droben aber mit uns Kinder sind des Vaters im Himmel. h. B.


