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Als ob es gestern gewesen wäre, so deutlich steht mir der Sonntag in der Erinnerung, an dem ich mit Lina nach Fürseid ging, damit sie mich ihren Eltern vorstelle. Es war ein warmer Septembertag, vor uns lagen die schönen Ackerfluren ausgebreitet, einzelne Aecker waren schon gepflügt, und die großen Schollen glänzten im Sonnenlichte. Leute, die nach der Stadt gingen, grüßten uns freundlich. Sn den Weinbergen, die sich neben unserem Wege hinzogen, hingen die Trauben, die in der Glut der herbstsonne reiften.
Die Eltern meiner Braut gefielen mir auf den ersten Blick, sie waren ganz wie meine Eltern, nämlich altmodische Leute, in Tracht, Haltung und Redeweise. Was mich besonders anheimelte, war der Umstand, daß mein Schwiegervater meinen seligen Vater, als dieser Unecht bei dem Bürgermeister Graf gewesen war, gekannt hatte und von ihm mancherlei zu erzählen wußte. Tr sagte mir gleich, daß mein Vater ein braver, ehrlicher Mensch gewesen sei und sich nie auf der Kegelbahn oder im Wirtshause beim Kartenspiel, wobei so mancher Unecht seinen sauer verdienten Lohn verschwendet, hatte sehen lassen. Am Nachmittag kam auch mein Regimentskamerad, und in gleicher Weise stellten sich die Freundinnen meiner Braut ein, um uns Glück zu wünschen. Die meisten dieser Mädchen hatte wohl die Neugier Hergetrieben, sie wollten mich sehen und wissen, was ich eigentlich für ein Bursche sei.
Fröhlich gingen wir am späten Nachmittag wieder nach Ureuznach zurück, herbkräftig wehte die Luft uns entgegen, und blutrot stand im Westen die scheidende Sonne. Als wir am Varmstädter Hofe, an der preußisch-hessischen Grenze angelangt waren, ging sie gerade über dem Hunsrück unter. Wir sahen Hand in Hand ihrem Scheiden zu. Tine Weile noch war der Horizont ganz in rote Glut getaucht, dann erlosch dieser Schein, violette Lichter leuchteten über den Himmelsrand, und die schöne Landschaft schwand vor unseren Blicken dahin, während wir in das Tal hinunterstiegen.
Wir waren glücklich in dieser schönen Zeit, aber doch nicht frei von Sorgen. Namentlich wenn wir an den Hausstand dachten, den wir gemeinsam begründen wollten, sank unsere frohe Stimmung etwas herab. Wir waren beide nicht so gut daran wie die Rinder der reichen Bauernfamilien in unserer Heimat. Die können unbesorgt den Bund für das Leben schließen, sie heiraten in großen, ererbten Besitz hinein. Die Aecker, die ihnen die Eltern geben, sind ein Gut, das niemand wegtragen kann, es sei denn, daß sie selbst durch leichtsinnige Wirtschaft, durch Spazierenfahren an den Wochentagen, durch prahlerisches Wesen bei dem Jagdvergnügen oder durch Großmannssucht anderer Art das Ererbte verschleudern. Vas Haus, in dem sie ihren Ehestand anfangen, hat in der Regel schon vielen Geschlechtern als Wohnstätte gedient. Ueber seine Schwelle hat man die Uleinen zur Taufe und die Abgelebten zum Gottesacker getragen, in dem Sessel, der neben dem Esten in der Wohnstube steht, haben die Großväter und Großmütter aus den verschiedensten Zeitaltern von schwerer Lebensarbeit ausgeruht, und auf den leeren Blättern der alten Familienbibel steht in vergilbten Schriftzeichen geschrieben, wann Geburt, Heirat und Tod in der Familie Aenderung hervorgerufen haben. Wir aber gehörten den minderbemittelten Familien des Landes an, den Familien, deren Rinder in der Neuzeit in die Städte und die großen Fabrikdörfer verschlagen werden, weil die Heimat ihnen Brot und Erwerb nicht geben kann. Zudem war der Beruf, den ich mir erwählt hatte, in einem Dorfe nicht auszuüben, ein tüchtiger Musiker findet nur in der Stadt lohnende Beschäftigung.
Zn diesen Tagen erwachte in mir wieder ein altes Leid, ein Leid aus meiner Uindheit. Zch bedauerte, daß mich damals der Meister Uilp in Uirchheimbolanden nicht als Glaserlehrling angenommen hatte. Als Handwerksmann hätte ich, wie es in alten Schriften heißt, meine und meiner zukünftigen Ehegattin „Lebsucht" wohl befriedigen können. Zn den letzten Jahren hatte ich mir eine ansehnliche Summe erspart, auch Lina hatte über tausend Mark auf der Sparkasse stehen, aber wir waren entschlossen, hiervon nur einen , Teil für unsere Ausstattung zu verwenden und den Rest als Notpfennig zurückzulegen. Auf alle Fälle mußte ich mich nach einem neuen Erwerbe umfehen, da ich als Uurmusiker nur knapp fünf Monate im Jahre beschäftigt war.
(Fortsetzung folgt.)
Uleine Mitteilungen.
Zn dieser Woche, nämlich am 4. November, hat ein bewährtes Mitglied des evangelischen Uirchenvorstandes Gießen, Herr Schreinermeister Johannes Lenz, seinen 70. Geburtstag gefeiert. Herr Lenz ist am 4. November 1844 zu Ulein-Linden geboren, ist aber schon seit ungefähr 40 Jahren Bürger der Stadt Gießen. Ueber 25 Jahre gehört er dem Gesamtkirchenoorstande und dem Uirchenvorstande der Lukasgemeinde an. Durch seine Treue und Umsicht hat er unserer Uirchengemeinde manchen wertvollen Dienst geleistet, durch seine ernste, christliche Gesinnung und seinen vorbildlichen Lebenswandel hat er auf viele Glieder unserer Gemeinde fördernd eingewirkt, den verschiedenen Arbeitsgebietender evangelischen Uirche (Aeußere und Znnere Mission, Posaunenchorsache) hat er stets ein lebendiges Znteresse entgegengebracht. Trotz seiner 70 Jahre und seiner weit von der Uirche entfernten Wohnung fehlt Herr Lenz an keinem Sonntage im Gotteshause, wie ihm überhaupt noch jugendliche Frische zu eigen ist, was jeder beobachten kann, der ihn auf seinem Rade durch die Stadt fahren sieht. Augenblicklich stehen drei seiner Söhne, von denen einer verwundet hier weilt, und sein Schwiegersohn als Landwehrmänner im Felde. Möge es dem Siebzigjährigen vergönnt sein, noch viele Jahre für die Seinigen und für unsere Uirchengemeinde zu wirken!
Wir haben neulich bereits auf den Unfug hingewiesen, der durch das versenden von sogenannten Uettenbriefen verübt wird. Dieser Unfug ist nun wirklich zu einem groben Unfug geworden und hat noch keineswegs sein Ende erreicht. Mögen sich alle, die sich daran beteiligen, sagen, daß es kein Zeichen christlicher Gesinnung ist, wenn man anonyme Briefe versendet. Nachstehende Zuschrift aus unserem Leserkreise fällt über diesen Unfug das richtige Urteil. Der Herr Verfasser schreibt:
Es möge auf einen sog. Uettenbrief aufmerksam gemacht werden, der auch hier im Umlauf zu sein scheint (in Form einer Postkarte). Das Schriftstück beginnt mit einem Gebet um Schutz. Dann wird der Empfänger aufgefordert, das ganze (mehrmals, neunmal) abzuschreiben und ohne Unterschrift an Bekannte zu schicken — die also dadurch die gleiche Aufforderung erhalten. Wer das tue, der werde für sich selbst und die Seinigen vor unangenehmen Erfahrungen und Unglücksfällen geschützt sein; wer es nicht tue, den werde das Unglück verfolgen.
Dagegen, Gott um Schuh für sich und die Seinigen zu bitten — auch mit den Worten jenes Gebetes — , wäre selbstverständlich nichts einzuwenden,' die Not der Zeit wird vielleicht manchen beten lehren, das wäre nur zu wünschen.


