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Nr. 42. Gießen, 21. Sonntag nach Trinitatis, 1. November 1914. 3. Jahrgang.

Neuer Geist.

(Zum Reformationsfefte.)

1. INose 35, 3. Lasset uns auf sein und gen Bethel ziehen, daß ich daselbst einen Altar mache dem Gott, der mich erhört hat zur Zeit meiner Trübsal und ist mit mir gewesen auf dem Wege, den ich gezogen bin.

Die deutsche Reformation, für deren Segnungen wir Gott in diesen Tagen wieder danken, hat durch Luthers bahn­brechendes Wirken eine religiöse und sittliche Erneuerung, einen neuen Geist, nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen Rulturwelt hervorgerufen und zwar dadurch, daß sie die Menschen wieder zur Tsuelle aller Rraft, zur heiligen Schrift zurückführte.

Ls ist eigenartig, welche Fülle von Trost und Rufrich­tung, von sittlicher und religiöser Ivegweisung wir in Rot- und Rriegszeiten gerade aus der Bibel nehmen können. Rber es ist doch auch leicht erklärlich. Sn solch ernsten Tagen emp­finden sich die einzelnen Schichten und Glieder einer Ration, die. während einer langen äußeren Friedensära innerlich oft so fremd voneinander abrückten und sich befehdeten, wieder als eine geschlossene Einheit, als Volk in des Wortes edlem Sinne. Und im gleichen Rugenblick richten die Rügen solchen Volkes sich auch wieder mit vermehrtem vertrauen und oft gewaltiger Hoffnung auf ihre Führer, die Großen an Geist und Herz. Jetzt weiß es, was es ihnen zu danken, wie bitter nötig es ihr Beispiel, ihr Vorbild hat. Rot und Rrieg schaffen Gewaltiges, nicht nur im Zerstören, sondern auch im Ruf­bauen, und gerade edelste sittliche Rräfte werden in diesen schwersten Zeiten wieder frei. Das Volk lernt sich wieder auf sich selbst besinnen, aller Irrweg, alle Verkehrtheit, alle Sünde früherer Tage wird ihm plötzlich so klar und offen­kundig, wie dem Wanderer, der, nachdem er lange Zeit durch Nebellandschaft gewandert, bei einem starken Hindernis un­willkürlich rückwärts schaut und sie nun plötzlich in schärfster Tagesklarheit erblickt. Und nun hebt sich aus aller Srrnis und Wirrnis vergangener Zeit neuer Geist, Geist Gottes! Besonders auch das Rite Testament ist das unvergleichlich große Urkundenbuch der äußeren und inneren Geschichte des Volkes Gottes. Tin Volk samt seinen Führern, das in allen Höhen- und Tiefenlagen eigenen Erlebens und Wesens doch nicht loskommen konnte von dem lebendigen Gott, dessen Liebe und dessen heiligem Ernst, und das darum immer wie­

der, besonders aber in großen und schweren Zeiten, zum Lehr­meister aller Völker geworden ist, die überhaupt noch etwas von Gott wissen wollen, so denn in erster Linie auch für das deutsche Volk. - Und so bietet das vorangestellte Gotterwort in dieser weltbewegenden Zeit auch wieder solche Wegweisung ganz besonderer Rrt. Schweres lastete auf Jakob, von dem es erzählt, und seiner ganzen Sippe, viel harte Schuld, Rbfall und Verirrung letzter Tage. Schweres war nun plötzlich über sie alle hereingebrochen. Da aber bricht, gerade in der Rraft der Demut, siegreich wieder der neue Geist bei dem alten Gottesstreiter durch: „Lasset uns auf sein und gen Bethel ziehen, daß ich daselbst einen Rltar mache dem Gott, der mich erhört hat zur Zeit meiner Trübsal, und ist mit mir gewesen auf dem Wege, den ich gezogen bin." So mache auch du jetzt wieder dich auf, du deutsches Volk, laß hinter dir liegen, was da war an Srrnis, Schuld und Wirrnis. Gedenke der Gnaden­wege, die dich dein Gott noch zu allen Trübsalszeiten der Ver­gangenheit geführt hat. von neuem Geist erfaßt, gib ihm von neuem die Ehre, und er wird neu mit dir sein, wahr und wahrhaftig, auf dem großen Schicksals- und Entfcheidungs- wege, den du nach seinem Rat jetzt zu ziehen hast!

deutsche Zrauen in der ttriegszeit.

„Deutsche Frauen... sollen in der Welt behalten ihren alten, schönen Rlang." So hat einst der deutsche Dichter Hoff- mann von Fallersleben gesungen, und gewiß tun ungezählte Frauen in dieser Rriegszeit wacker ihre Schuldigkeit und zeigen sich des Ruhmes, den die deutschen Frauen in früheren Zeiten hatten, würdig. Das gilt besonders von den Frauen, die in der Stille ihre Wirksamkeit entfalten, die in der Rb- wesenheit des für das Vaterland streitenden Mannes das Ge­schäft führen, den Haushalt leiten und die Rinder erziehen, oder die in der Verborgenheit nähen und stricken, um die Rümpfen­den mit warmer Winterkleidung zu versorgen, viele Frauen aber, besonders in den deutschen Städten, haben den Ernst der Zeit noch nicht begriffen. Sn einer deutschen Großstadt haben sich einige von ihnen das Vergnügen gemacht, mit den Rutomobilen, die Liebesgaben befördern, nach dem Rriegs- schauplatz zu fahren, ohne daß sie dort das geringste zu tun hatten. Das ist ja auch so interessant, in der Rutotracht, mit wehendem Schleier sich in das Feindesland zu begeben und dort auf die Huldigungen zu warten, die die kämpfenden