Einzelbild herunterladen

279

Einsamkeit zum Schluß die delphische Natur auf mich wirken zu lassen. Ich setzte mich auf die Brüstungsmauer der Schlucht, in welcher das Wasser der Ouelle Rastalia hinabfällt, und dieser gegenüber. Es ist die Stelle, wo die beiden majestä­tischen Felswände der phädriaden (Glanzfelsen) mit ihrem strich- und flächenwcise rötlichen Gestein so steil und schroff zusammentreten, daß man nicht lange an ihnen emporsehen kann, ohne das Gefühl zu haben, nach hinten hinunter!- zustllrzen. Bi; zu 300 Nieter jäh aufsteigend bilden sie eine enge Schlucht oder vielmehr eine Spalte, durch die im Win­ter die Raslilia in Wasserfällen Herunterstürzen soll, hier ist das Herz von Delphi. Ich drehe mich nun auf meinem Sitze und schaue die Schlucht hinab. Links und rechts folgt der Schlucht ein dichter Delwald, der sich wie ein grüner Strom an den gegenüber liegenden steilen Bergwänden bricht, in den Tiefen einen Busweg sucht und in dem breiteren Flußtal findet, das durch den pleißos gebildet wird, der der krisäischcn Ebene zustrebt. Ich erlebte noch einmal das in der Morgenfrühe um 5 Uhr Empfundene, die überwältigende Hoheit dieses Erdwinkels: di: majestätischen Berge im Däm­merlicht der ersten Morgenfrühe vor Sonnenaufgang, darüber das blaue Himmelsgewölbe mit leuchtenden Sternen und dem Silbernachen des Mondes, tiefste Stille des Gottesfriedens des Morgens überall herrschend. Das Ganze hat etwas so Geheimnisvolles, so hohes und zum frommen Insichgehen Einladendes, daß ich es wohl begreife, wie man an diesem (Orte dem Lichtgott Apollon sein höchstes Heiligtum errichtete.

Um 5 Uhr machten wir uns auf den Weg nach Itea, da; wir gegen 8 Uhr erreichten. In einem Bakaliko aßen wir zu Abend und fanden Nachtquartier in ein:m Privat­hause, wo man uns auf der Erde bettete. Es war eine recht unruhige Nacht trotz eines Zaubcrkreises von Insektenpulver, mit dem wir unsere vier Lagerstätten umgeben hatten. Un­sere Peiniger ließen sich oben von der Decke auf die Schläfer h rabfallcn, ihre Sturmläufer lagen betäubt am Morgen auf unserem Ningwall. Gegen di: Wanzen gibt es eben kein sicheres Mittel. Man muß da denken lernen wie der Orien­tale: leben und leben lassen!

Daß ich in den fünfzehn Jahren meines Aufenthaltes in Griechenland nicht zu mehr größeren Ueisen kam, lag in den Derhältnissen begründet, zumal ich alle fünf Jahre zur Er­haltung der Gesundheit auf Monate in die deutsche Heimat reisen muhte. Um so willkommener mußten mir die ge­legentlichen Tagcsausflüge sein. Die Umgebung Athens bie­tet reiche und lohnende Gelegenheit dazu. In den Jahrzehn­ten, die seitdem verflossen sind, hat sich allerdings in den Verkehrsmitteln eine große Veränderung vollzogen. Wo jetzt die Eisenbahn zu Gebote steht, war man vor dreißig Jahren auf Wagen, Reittier und Apostels Rappen angewiesen, wa? jo auch seinen besonderen Reiz und einen Vorzug vor schnel­len Verkehrsmitteln bietet.

Gern denke ich an einen Ausflug nach Daphni und Elcusis, den ich mit Freunden am Nachmittag des Oster­montags des Jahres 1877 machen durfte. Unser Ziel war rin altes Klofter Daphni, eins der ältesten Griechenlands. Es liegt an der heiligen Straß: (ierä odös) »ach Eleusis, auf der vor Alters die alten Athener zum eleusinischen Feste zogen. Es war Frühlingswetter, die Bäume standen überall im schönstcn Blülenweiß. Unsere Straße führte am botanischen Garten vorbei durch den Oelwald, der sich in beträchtlicher Ausdehnung an der Nordseite Athens in der Ebene hinzieht. Ueber einem Gartentor war eine alte Marmorplatte ein­

gefügt mit der Inschrift: ierä oäös, eine Erinnerung an Zeiten vor Ehristi Geburt. Ein Gelwald ist natürlich ver­schieden von unseren Wäldern. Die Bäume ähneln unseren Weiden, stehen in weiten Abständen von einander, bilden aber, aus der Ferne gesehen, ein geschlossenes graugrünes Dach, hier stehen sie in den Weinpflanzungen, die sich rechts und links von der Straße hinziehen. Es war gerade gehäuft worden, nur die kahlen Stümpfe guckten aus den Erdhaufen hervor. Am Wege ziehen sich breite Gräben hin, und nach bestimmter Regel läßt jeder Weinbergbesiher das Wasser in den großen häufrillen über sein Land fließen. Zu dem Zweck muß er bis zur Ouelle hinaufgehen und alle anderen Aus­flüsse verstopfen. Als wir den Gelwald durchquert hatten, zeigte sich erst die ganze Größe und Schönheit der Landschaft. Das Meer und der Piräus taten sich dem Blicke auf: außer­dem Munechia, Phalera und im Meere die Inseln Salamis und Aegina, über Salamis hinaus das Geraniagebirge und die charaktervolle Silhouette von Akrokorinth, hinter Aegina der zackige Bergrücken von Methana und im Anschluß daran die Rüstenlinie des Peloponnes bis zur Insel Hydra. Im Südosten folgt das Auge dem hymettos bis zu seinen letzten Ausläufern am saronischen Meerbusen, von Salamis her­auf ziehen sich in sanften Bogenlinien der Aegaleos und Rorydallos als nördliche Abgrenzung der Ebene. Am Rory- dallos vorbei geht die heilige Straße und an deren anderen Seite der breite Rücken des poikilos bis hin zum parnas, an den sich im Osten ein niedrigeres Bergland als Brücke zum gewaltigen Giebeldach des pentelikon anschließt, hinter dem man sich Marathons berühmte Bucht und die Berge von Euböa verborgen denken muß. Mitten durch die so ein­drucksvoll umrahmte attische Ebene bricht das sogenannte Turko Wuni hervor, dessen letzte Ausläufer der Lpkabettos, die Akropolis und der Mufeionhllgel bilden. Den letztge­nannten Erhebungen zu Füßen liegt Athen.

Wenn man aus dem Gelwalde heraus ist, hebt sich der Weg zusehends den Bergen zu und nun taucht allmählich die Stadt auf, zuerst natürlich die Akropolis mit dem Par­thenon und dem Erechthsion, die Sternwarte, der Mufeion- hllgel mit dem Denkmal des Philopappos und der großartige Hintergrund des hymettos, an den die Akropolis scheinbar sich anlehnt, von dieser Seite hat man jedenfalls das herr- lichs! Stadtbild wie gern sähe man plötzlich da; neue Athen sich in das alte verwandeln! Nun, man hat von letzterem wenigstens die Akropolis, dasWeihgeschenk der Götter", dieses Hellas im Hellas.

(Fortsetzung folgt.)

Direktor fiermann Doering f.

Im Alter von 69 Jahren entschlief zu Alsbach an der Bergstraße Herr Hermann Doering, der frühere Direktor der Gicßener Bczirkssparkasse. Mit dem verewigten ist ein Mann dohingegangcn, der bis vor kurzem in dem sozialen und kirch­lichen Leben der Stadt Gießen eine bedeutsame Rolle gespielt h"*. Doering war früher Rirchenrechner der hiesigen evan­gelischen Gemeinden und zuletzt Mitglied des Rirchenvor- s ande; der Johannesgemrinde. Eine hervorragende Tätigkeit entfaltete er auf dem Gebiete des genossenschaftlichen Bau­wesens. 3u seiner Ehre muß hervorgehoben werden, daß er einer der erst:» in Hessen war, die sich die Wohnungsbeschaf- sung für Minderbemittelte angelegen sein ließen. Lange, be­vor der Staat diese Arbeit in Angriff nahm, hat Doering durch