Gemeinüeblatc
süröie evangelische Kirchengemeinöe GiesZkir
Nr. 38. Bietzen, 17. Sonntag nach Trinitatis, 4. Oktober 1914. 3. Jahrgang.
Reine Herzen, die Vorbedingung des Zieges.
I. Brief des Npoftels Paulus an Timotheus 2, 8. So will ich nun, daß die Männer beten an allen Grien und aufheben heilige Hände ohne Zorn und Zweifel.
Unsere Kriegswehr in dem gegenwärtigen Weltkrieg ist gut und über aller Lob erhaben, ver deutsche Soldat mit seinem Mut, seiner Uusdauer und Unerschrockenheit, die deutschen Geschütze mit ihrer Treffsicherheit und Durchschlagskraft, die die panzertllrme der Belgier wie Uschenhäufchen auseinander fliegen ließ, das alles macht uns niemand nach. Gegenüber allem Uleinmut und aller Ultklugheit, die sich bisweilen in unserem Volke breit macht, können und dürfen wir zur Tüchtigkeit unseres Heeres und unserer heeres- führung ein unbegrenztes Zutrauen haben, wenn Gott noch mit uns ist, so dürfen wir getrosten Mutes auf den schließ- lichen Sieg über alle unsere Feinde hoffen.
Uber daran hängt alles, daß Gott unser Freund ist. Und er macht seine Hilfe schließlich davon abhängig, daß ein Volk diese Hilfe auch wert ist, daß es wandelt nach Gottes Wohlgefallen, daß es Gottes veistand im Gebet auch sucht. Das ist es, was auch unser Gotteswort zum Uusdruck bringt' „So will ich nun," schreibt Paulus, „daß die Männer beten an allen Grten und aufheben heilige Hände ohne Zorn und Zweifel."
ver Upostel wird seinen guten Grund gehabt haben, wenn cr mahnt, daß gerade die Männer beten sollen. Uuch heute iji es leider noch so, daß unsere Kriegsbetstunden weit mehr von Frauen als von Männern besucht sind, daß der fromme, reine Glaube mehr bei der Frau als bei dem Manne eine Pflegestätte findet. Gott gebe, daß auch unsere Männer mehr und mehr Verständnis gewinnen für das Urndtsche Wort: „wer ist ein Mann? — Der beten kann!"
Uber nicht auf das Beten allein kommt es an. Man macht in dieser Kriegrzeit merkwürdige Erfahrungen, wie mechanisch, wie äußerlich das Beten vielfach aufgefaßt und betrieben wird. Um nur eins zu erwähnen, wie oft begegnet man jetzt in unseren Gemeinden wieder dem „Ketten- gebet", welches durch Postkarten weiter gepflanzt wird, wie inhaltsleer, wie äußerlich gefaßt ist doch ein solches Gebet! Das Kettengebel stammt aus England und Umerika,
und wie der Urieg gezeigt hat, daß in England die Frömmigkeit nur ein äußeres Gewand ist, so ist auch dieses Ketten- gcbet vielfach nur etwas Ueußerliches, an Uberglauben Grenzendes, nichts Inniges und Sinniges und persönliches, wie doch christliches Leben sein soll.
Paulus sagt, daß heilige Hände aufgehoben werden sollen, heilige Hände, das sind reine Hände, reine Herzen. Es ist eine Grundwahrheit, die uns immer wieder im Ulten wie im Neuen Testament begegnet, daß ein Recht zum Bitten an Gott nur der hat, der vorher bittet um Vergebung der Sünden, die ihn von Gott trennen, und der um einen reinen Lebenswandel ringt, wie man einen Menschen erst dann um etwas bitten kann, wenn man ihn vorher um Vergebung des Unrechts, das man ihm angetan, gebeten hat, so kann man auch vor Gott auf die Dauer Bitten nur dann bringen, wenn man sich ernstlich um einen reinen Lebenswandel bemüht.
Man hört jetzt wieder laute Klagen über die Verteuerung des lieben Brotes, und sachverständige und ehrliche Männer sagen es rund heraus, daß diese Steigerung der Lebensmittel nicht durch die Ernte veranlaßt ist; denn die Ernte war gut, auch nicht durch das Uusbleiben der Einfuhr, sondern allein durch die Spekulation, d. h. die Gewinnsucht einzelner, welche sich die Taschen auf Kosten der Gesamtheit, der Uermeren füllen wollen. Gewiß mögen das nicht die Bäcker sein, welche selber wieder „in der Mitte liegen", aber irgendwo müssen doch diese Spekulanten sitzen. Sie mögen einmal lesen, was Brnos 8, 4—6 steht!
Eine andere Sünde, welche sich jetzt vielfach beobachten läßt, ist der Neid und überhaupt ein zänkisches, kleinliches Wesen, wenn irgendwann, dann muß unser Volk in diesen Zeilen einig und treu zusammenstehen, nicht bloß einmal im ersten Aufwallen, im ersten Zorn über Unheil, welches unsere Feinde gegen uns geplant haben, sondern auch auf die Dauer, wer jemand draußen hat, beneide nicht den, der niemand in das Feld hat senden müssen. Unsere Militärbehörde sorgt schon dafür, daß niemand daheim bleibt, der irgendwie kriegsbrauchbar ist. Und wer keine Gpfer an Menschen, an Familiengliedern bringen muß, der bringe um so mehr Gpfer an Geld und Gut für die, die draußen sind,


