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Gemeinüeblatc

süröie evangelische Kirchengemeinoe

Gießen.

Nr. 34. Giehen, 13. Sonntag nach Trinitatis, 6. September 1914. 3. Jahrgang.

Die Wege Gottes in der Uriegszeit.

Psalm 25, 10. Die Wege der Herrn sind eitel Güte und Wahrheit denen, die seinen Bund und Zeugnisse halten.

(Es mag manchem frommen Menschen in dieser Zeit schwer werden, in den Wegen, die Gott jetzt mit uns geht, eitel Güte zu erblicken. Wir sind in einen Krieg verwickelt, der durch die Schuld unserer Gegner mit großer Erbitterung geführt wird. Das Lebensglück vieler Tausender geht in Nacht und Trübsal unter, landauf, landab füllen sich die Lazarette mit verwundeten, Jammer kommt über so viele Familien, die seither fromm, fleißig, zufrieden und glücklich gelebt haben, das wirtschaftliche Leben stockt, und schwer wird es dem, der für andere zu sorgen hat, sich über Wasser zu halten.

Dennoch sollen wir keinen Rugenblick daran zweifeln, daß auch in diesen unruhigen Zeitläuften Gottes Wege eitel Güte und Wahrheit sind denen, die seinen Lund und Zeug­nisse halten, denen, die mit ihm in Gemeinschaft stehen. Wir leben in einer schweren, aber trotzdem großen Zeit. Was ein Jahrhundert des Friedens nicht vollbracht hätte, das haben die letzten sechs Wochen erreicht: eine Neugeburt des deutschen Volkes. Die Not der Zeit hat die Kräfte unserer Nation in ungeahntem Maße gesteigert und alle; Tdle aus der Tiefe der deutschen Volksseele hervorgeholt. Unser Volk war in der Gefahr, sich in einem oberflächlichen Genußleben zu verlieren. Rn den Sonntagen strömten aus den deutschen Städten unzählige Menschen, die keineswegs alle von Zucht und edler Sitte beherrscht waren, nachlässig gekleidet, hinaus auf das Land, störten die Dorfbewohner in ihrer Sonntags­ruhe und zogen abends lärmend und aufgeregt ihren Woh­nungen zu, ohne irgendwelche geistige Erhebung und ohne die geringste Vertiefung ihres Gemütslebens gefunden zu haben. Noch fünf Jahre so weiter, und die deutsch-christliche Sonntagsfeier wäre - vernichtet gewesen. Die Jugend vor allem trug in ihrem Gebaren alle Lächerlichkeiten der Un­natur und Ueberkultur zur Schau, und viele, die weder durch ihre Lebensführung noch durch ihre seitherige Betätigung dazu berufen waren, fühlten den Drang in sich, sich in der Geffentlichkeit geltend zu machen. Triumphierend verkün­digten die Freidenker, daß die christliche Kirche daran sei, rühm- und würdelos unterzugehen, da in den Großstädten

nur noch 3 Prozent der Erwachsenen das Gotteshaus be­suchten. Dazu kam die Zerklüftung der einzelnen Stände unseres Volkes, vor kurzem noch rief man in einem deut­schen Bundesstaate die auf außerdeutschem Boden heimischen Ordensbrüder herbei, weil diese, wie gesagt wurde, das festeste Bollwerk gegen die Vaterlandslosigkeit und gegen die Umsturzgelüste der Rrbeiterpartei seien.

Und nun, wie ganz anders ist das Bild, das sich heute darbietet. Sn die Gotteshäuser drängen sich jetzt in Stadt und Land große Massen solcher, die in dieser schweren Zeit das Rntlitz ihres Gottes suchen und von ihm Kraft und Trost begehren. Mächtig hallt der Gesang der alten Glaubens­lieder von den Wölbungen der Decke wider, und willig falten sich viele kjände zum Gebet. Jetzt schämt sich keiner mehr, an Gott zu glauben und auf ihn zu hoffen. Niemals im ganzen verlaufe der Geschichte hat eine große Nation eine solche Dpferwilligkeit bekundet, wie die deutsche Nation in diesen Tagen. Wer nicht mitstreiten kann, der tut zu kjause, was er Kann, um die Not des Krieges zu lindern. Die verschiedenen Stände unseres Volkes sind einander näher gerückt. Nicht ein einziger deutscher Urbeiter hat in der ent­scheidenden Stunde eine vaterlandslose Gesinnung bekundet, alle haben mit Begeisterung dem Kaiser die Treue gehalten und sind freudig zur Fahne geeilt. Wer jetzt noch in Deutsch­land von einer Umsturzpartei redet, redet wider die Wahrheit.

Uuch jedem einzelnen unter uns haben diese sechs Wochen die Uugen geöffnet. Wir haben unterscheiden gelernt zwischen dem, das seither in unserem Leben wertloser Tand und bunter Flitter gewesen ist, und dem, das Ewigkeitsgeltung hat. Ls ist uns mit aller Deutlichkeit klar gemacht worden, daß Reichtum, Ehre, Familienbeziehungen und hohe Stellung in Zeiten, da der Schnitter Tod die Menschen niedermäht und sich die Schwere des Schicksals ohne Unterschied auf Reich und Rrm herniedersenkt, nichts sind und daß in solchen Zeiten nur der fest steht, der die kjand, die sich ihm von oben ent­gegenstreckt, im Glauben ergriffen hat.

Noch ist das Ende des Krieges nicht abzusehen. Der Weg, der vor uns liegt, wird durch Blut und Tränen hin­durchgehen, noch ist es dunkel um uns her. 3m Dunkel aber erfassen wir die Hand unseres Gottes, des Gottes, der ver­heißen hat, daß seine Wege eitel Güte und Wahrheit sind