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Nr. 33. Gieszen, 12. Sonntag nach Trinitatis, 30. August 1914. 3. Jahrgang.

ven Zurückgebliebenen.

Psalm 55, 23. wirs dein Anliegen ans den ^erm; der wird dich versorgen und wird den Gerechten nicht ewiglich in Unriche lassen.

Die ersten Siegesnachrichten sind jetzt zu UNS gelangt, gleichzeitig aber senkt sich die Schwere des Schicksals drückend auf Volk und Familien: denn nun kommen auch die Verlust­listen und die Anzeigen von dem Tode rüstiger, tapferer Männer, die auf dem Felde der Ehre gefallen sind. Schwere Sorgen liegen jetzt auf allen, die ein liebes Glie.d ihrer Fa­milie haben hinaus in das Feld ziehen lassen, auf den Litern, die seither an tüchtigen, wohl geratenen Söhnen ihre Freude fanden, auf den jungen Frauen, die an ihren Ehemännern seither treue Lebensgefährten hatten und nun wieder in das Elternhaus zurllckgekehrt sind, auch auf den Kindern, die jetzt nur der Obhut der Mutter befohlen sind. Für alle diese Bekümmerten schließt unser Gotteswort reichen Trost in sich. Es mahnt zunächst: wirf dein Anliegen auf den Herrn. Unser Anliegen, das ist unsere Sorge, unsere Last. Der Prophet redet hier in einem Bilde, lvie das Kind, das auf einem weiten Mege eine Last trägt, diese, sobald es müde geworden ist, auf die Schulter des viel stärkeren, mit ihm wandernden Vaters legt, so sollen und dürfen alle Mühseligen und Be­ladenen mit ihrer Last zu dem Vater im Himmel kommen: denn er wird sie versorgen und wird den Gerechten das ist in der Sprache des Ulten Testamentes stets der Fromme nicht ewiglich in Unruhe lassen. Durch den Krieg, der über uns gekommen ist, ist eine ganze Menge menschlicher Ord­nungen außer Geltung gekommen, Gottes Ordnungen aber stehen fest, nach wie vor. Uoch ist Gottes Liebe da, noch be­steht seine Treue. Mir in der Heimat und unsere Lieben im Lande des Feindes, wir stehen in Gottes Hand: ob auch Tod und Hölle dräut, wir sind des Herrn in Ewigkeit. Es kann uns nichts geschehen, als was Gott für uns bestimmt hat, und was uns nach seinem Ratschlüsse widerfährt, das dient zu unserer Seligkeit. Es kommt alles aus seiner Hand, Leben und Tod, Glück und Leid. Rn vielen deutschen Männern, die jetzt noch in Rüstigkeit unter uns leben, hat sich vor 44 Fahren im Gewühl der Feldschlacht das Mort des psalmisten erfüllt: Gb tausend fallen zu deiner Seite und zehntausend zu deiner Rechten, so soll es doch dich nicht treffen, viele ihrer

Altersgenossen aber hat mitten im Frieden, in der Heimat der Tod ereilt, oder viel Schlimmeres als der Tod ist über sie gekommen. Alle die, die jetzt bekümmert sind, sollen auf den Heiland Hinschauen. Er hat gesagt, daß kein Haar von unse­rem Haupte fällt ohne den Millen Gottes, und in der größten Not, als seine Feinde Hand an ihn legten, sprach er mit starker Zuversicht es aus, daß sein Vater, wenn er ihn darum bitten würde, ihm mehr als zehntausend Legionen Engel zur Hilfe schicken würde.

Unser Vaterland ist jetzt in der größten Gefahr. Unter­liegen wir, was Gott verhüte, so werden unsere Gegner uns so zu Boden treten, unsere heiligsten Empfindungen so sehr verletzen und uns finanziell so sehr belasten, daß uns nicht viele frohe Tage mehr geschenkt sind. Mo so Große; auf dem Spiele steht, darf der Einzelne sein Recht auf Glück nicht mehr geltend machen. Höher als das Lebensglück des Ein­zelnen, höher auch als sein Familienglllck steht jetzt das Vaterland, steht die Allgemeinheit, und Treue bis an den Tod ist in diesen kriegerischen Zeitläuften die Tugend, die am meisten Geltung hat.

Mer für sein Vaterland kämpft, leidet und stirbt, der ist der höchsten Ehre würdig, der erfüllt auch eine wahrhaft religiöse Pflicht. Mie der Heiland sein Leben für viele in den martervollen Tod dahingegeben hat, so ist auch der Tod aller derer, die für das Vaterland ihr Leben lassen, ein Gpfertod und deshalb ein guter Tod. Nicht alle, die in friedlichen Zeiten, im Kreise der Ihren sterben, sterben einen guten Tod. Mer in seiner Gottlosigkeit und in seinen Sünden dahinfährt, wer von der Erde scheidet, ohne anderen Men­schen Liebe erwiesen und für sie Segen gestiftet zu haben, der ist wahrlich nicht glücklich zu preisen, wo aber ein Mann den Heldentod stirbt im Glauben an seinen Erlöser und Seligmacher Jesus, wie jener General von Gersdorff, der bei Sedan sterbend vom Pferde sank und das Mort aus dem Passionsliede betete: wenn ich einmal soll scheiden, so scheide nicht von mir, da wollen wir über ein solches Hinscheiden nicht jammern und klagen, sondern still die Hände falten und sprechen: Die Seele ruht in Jesu Armen, wer so stirbt, der stirbt wohl. H. B.