Nr. 30. Giehen, 8. Sonntag nach Trinitatis, 2. August 1914. 3. Jahrgang.
Unser Glaubenslied.
Psalm 26, I. Singel dem Herrn ein neues Lied.
Wenn wir auf die allteftamentliche Glaubensgemeinde Hinblicken, so wie uns ihre Wesensart aus den Psalmen entgegenleuchtet, dann erscheint uns als deren hervorstechendstes Merkmal die Freude und der Stolz, mit denen sie ihren Liederquell betrachtet und gehütet hat. Niemand geringeren gab sie ihm zum Patron und Schutzherrn, als den König David. Tine ähnliche Stellung wie dieser in der alttestament- lichen, nimmt in unserer evangelischen Glaubensgemeinschaft Luther ein. Tr ist nicht nur der Begründer des evangelischen Glaubensliedes, sondern gilt auch als sein Schutzgeist. Und wir dürfen sagen: Wenn Luther heute aufstände und sähe, was aus dem Ueislein, das er in den Boden der Menschheit gepflanzt hat, für ein Baum geworden ist, dann würde er das mit der größten Freude begrüßen. Sein Buge würde mit Tntzücken auf den herrlichen Blüten ruhen, mit denen die Zeiten nach ihm diesen Baum geschmückt haben. Tr würde sich weiden an dem kraftvollen Bufbau der Beste, an dem Schwung der Zweige. Kurzum, der Bnblick des in herrlicher Fülle vor ihm stehenden Baumes der Glaubenslieder wäre wohl dasjenige, was ihm unter allen Trscheinungen des evangelischen Glaubenslebens der heutigen Zeit die meiste Freude bereiten würde. Mit dieser Freude würde sich dann aber bei ihm doch wieder das Staunen darüber verbinden, wie wenig unser heutiges Geschlecht von dem hohen Werte des Besitzes weiß, den es in seinem Liederschatz hat. Wieviel besser stand es damit noch vor hundert Jahren! Wie wenige achten heute auf den Guell des Lebenswassers, der vor ihren Bugen quillt, und wie groß ist die Zahl derer, die es verschmähen, aus ihm die Kraft und Stärkung zu schöpfen, die ihnen in allen Lebenslagen so reichen Segen spenden könnte. Bus dem Glaubensliede ist das Kirchenlied geworden, und dieses wird als das unumgängliche Bekleidungsstück angesehen, mit dem man sich antun muß, wenn man offiziell vor den Bugen Gottes erscheinen will. Wenn es aber diesen Dienst getan hat, dann zieht man es wieder aus und legt es beiseite. Ts ist hinfort zu nichts nütze. — (Es ist hohe Zeit, daß die Thristen- heit wieder das ihre tue, um den Liedergeist wieder aus den Banden dieser unwürdigen Nichtachtung zu befreien.
Sie muß ihn wieder zu dem machen, was er vor zweihundert und dreihundert Jahren gewesen ist, der treue Begleiter der Seele auf dem Lebenswege. Dazu wäre allerdings eines erforderlich, nämlich unserem Gesangbuche eine Tinteilung und den Liedern eine Bnordnung und Zusammenstellung zu geben, die dem schlichten verstände leichter zugänglich und begreiflich ist, als die des gegenwärtigen Gesangbuches.
K. G.
Griechische Reisen und Sommerfrischen.
von Geh. Gberkonsistorialrat v. W. petersen in Darmstadt. sFortsetzung.)
viele abgearbeitete Männer und Frauen mit Bündeln auf dem Bücken begegneten uns immer wieder, und der Gruß ijä su, „deine Gesundheit" und ora Kali, „gute Stunde", ging hinüber und herüber. Sie kamen von Tlis, wo sie bei der Korinthenernte Brbeit und reichen Lohn gefunden hatten. Ts wurde Bbend und rosig wurden die Berge. Sn der Ferne sah man die herrliche Kette des Glenos oder Trpmäthos (2225 m), näher das sich erweiternde Tal des Blpheios, der stellenweise schwach sichtbar wurde. Ts wurde dunkel, endlich ritten wir über eine Höhe, und ein Bergwinkel zog sich tief nach links hinein. Lichter sah man in der Ferne blinken, aber es war noch weit. Die Straße führte immer am Bande einer dunklen Tiefe entlang, über Brücken, die noch halb mit Baumaterial bedeckt waren. Tndlich, endlich gegen Vs9 Uhr erreichten wir unser Tagesziel, Bndritsäna. Der Grt liegt zu beiden Seiten eines wasserreichen Gießbachs. Ts war etwas halsbrecherisch in dem Dunkel. Wir stiegen ab, unsicher auf den Beinen nach dem langen Ritt. Bald fiel einer einige Meter den Bbhang hinunter, bald lag ein anderer auf dem Bücken. Straßenbeleuchtung gab es nicht. Tndlich bogen wir in die Hauptstraße ein. In den Magazinen arbeitete man bei Gellampen alten Stils, die ein kümmerliches, unsicheres Licht auf die Straße warfen, vor den Häusern waren Schutzdächer aus Leinwand oder Sackleinen. Unsere Kavalkade erregte öffentliche Bufmerksamkeit. Wir hatten schnell ein Geleit von Jungen, die sich besonders über den indischen Tropenhelm eines unserer Mitreisenden freuten. Wir kamen schließlich an ein Haus, wo man uns aufnehmen wollte. Man führte uns in


