Ausgabe 
19.7.1914
 
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Gemeinüeblatt süröie evangelische Kircbengemeinöe

Gieszew

Nr. 28. Gießen, 6. Sonntag nach Trinitatis, 19. Juli 1914. 3. Jahrgang.

Die Gewerbe-Ausstellung.

2eremia9, 23 und 24. So spricht der Herr: Einweiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums, sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, daß er mich wisse und kenne, daß ich der Herr bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtig­keit übet auf Erden.

Die Gewerbe-Nusstellung, die in diesem Sommer sehr viele Besucher nach Gießen zieht, ist sehr lehrreich. Man gewinnt aus ihr einen Eindruck davon, was die Provinz Gberhessen auf dem Gebiete der Industrie, der Technik, des Handwerks und des Kunstgewerbes leistet, vor IOO Jahren waren bei uns Nckerbau und Kleingewerbe vorherrschend. Buch die Bewohner der Stadt Gießen befaßten sich neben ihrem Geschäfte, das sie nicht immer nährte, mit Nckerbau, Gartenbau und Viehzucht. Ls gab ganze Landstriche in un­serer Provinz, in denen die Bewohner Mangel litten. Darum zogen aus der Gegend zwischen Gießen und Grünberg viele Leute nach Paris, wo sie die Straßen kehrten und durch Fleiß und Sparsamkeit vorwärts kamen.

Gott hat die Geschicke unserer Nation so gelenkt, daß das alles ganz anders geworden ist. Wie reich und vielseitig jetzt bei uns die Lrwerbstätigkeit ist, zeigt uns die Gießener Nusstellung. Sie gibt uns ein Bild davon, wie der Menschen­geist von Jahrzehnt zu Jahrzehnt weiter schreitet. Die Setz­maschine, die in der Nurstellung zu sehen ist, ist ein Wunder­werk der Technik. Durch bloßes Nnschlagen der Typenhebel wird der Satz nicht nur zusammengefügt, sondern auch ge­gossen, so daß er sofort durch die Rotationsmaschine verviel­fältigt werden kann. Man denke sich daneben den lang­samen und unvollkommenen Druck der Handpresse in früherer Zeit, vielleicht stellt sich uns der Triumph der modernen Technik am deutlichsten dar, wenn wir uns in der Nusstel­lung die elektrischen Beleuchtungskörper ansehen und damit das Rüböl- und Kienspanlicht der alten Tage vergleichen. Die Schreiner- und Schlosserarbeiten, die vielerlei Geräte, die im Haushalt Verwendung finden, die Vorrichtungen, die den Bergbau illustrieren, das alles gibt ein eindrucksvolles Bild von menschlichem Rönnen und von der Kultur unserer Zeit.

Ls gibt fromme Menschen, die diese Errungenschaften für recht nebensächlich ansehen. Diese Nuffassung herrscht

in den Kreisen der sogenanntenStillen im Lande". Wenn es nach ihrem Willen ginge, so würden gewiß keine Nus- stellungen veranstaltet werden.

Wir können ihnen hierin nicht recht geben. Nusstel­lungen, die von menschlicher Tüchtigkeit Kunde geben, sind sehr wertvoll. Sie reden zu uns von Menschen, die die Kräfte und Nnlagen, die ihnen der große Gott gegeben hat, in treuer Nrbeit ausgenützt haben. Sie zeigen uns, wie derMensch sich die Natur und ihre Kräfte untertan macht. Nlle wahre Kultur­arbeit dient der Förderung des Reiches Gottes auf Erden. Die Vervollkommnung der Verkehrsanlagen bringt es mit sich, daß wir den Heiden, die uns früher unerreichbar waren, das Evangelium bringen können. Die Nusdehnung der In­dustrie schafft den Nrmen, die früher stumpf und verzweifelt auf der Straße lagen, Nrbeit und Brot, so daß sie Nchtung in den Nugen der anderen gewinnen und ein zufriedenes Leben führen. Ueber eine Thristenheit, die sich geistig nicht mehr regen würde, würde die Weltgeschichte rasch zur Tages­ordnung übergehen.

Nber in einem haben die Frommen, dieStillen im Lande", diePietisten" oder wie man sie nennen will, recht. Sie haben von jeher mit Nachdruck betont, daß aller Große, das der Mensch schafft, nicht auf sein, sondern auf Gottes Verdienst zurückzuführen ist. Die Kräfte und Schätze der Natur, wie sie die Wissenschaft von Jahr zu Jahr mehr ent­deckt, wie auch die geistigen und leiblichen Kräfte gibt uns Gott. Darum sollten wir uns, wie der Prophet sagt, nicht unserer Weisheit, unserer Stärke und unserer Reichtums rühmen, sondern allein der Gnade Gottes. Nuch dafür wollen wir den Frommen von Herzen dankbar sein, daß sie stets die Meinung vertreten haben, daß alle Kultur uns nicht selig machen kann. Das Leid, da; eines Menschen Herz er­füllt, ist dasselbe, ob er in einem Schnellzuge fährt oder ob er mit dem Postwagen langsam im Lande vorwärts kommt. Sünde und Schuld belasten uns genau so schwer, ob wir in einem Zimmer sitzen, das von elektrischen Flammen taghell erleuchtet wird, oder ob wir beim Schein der Petroleumlampe die Hand auf das Haupt stützen. Und wenn es zum Sterben geht, so macht es keinen Unterschied, ob wir in einem Kranken­zimmer liegen, das mit allem Komfort der Neuzeit ausge­stattet ist, oder ob wir in einer stillen Kammer in einem