Nr. 27. Gießen, 5. Sonntag nach Trinitatis, 12. Juli 1914. 3. Jahrgang.
Gottes Stimme im Gewitter.
nat)um 1,3. Oer Herr ist geduldig und von großer Kraft, vor welchem niemand unschuldig. Lr ist der Herr, des Iveg in Wetter und Sturm ist.
Ls ist Nacht, glühend heiße, gewitterschwüle Sommernacht. Der fahle Schein des Mondes verblaßt, dunkle Molken schieben sich wie finstere Massen über den Gebirgszug des Thüringer Waldes, welcher das Werratal an manchen Stellen kesselartig einschließt. Der Horizont ist hier eng begrenzt, nicht weit in die Ferne schweift der Blick, die waldumkränz- ien Höhen ringsumher setzen ihm bald eine enge Schranke. Da zucken die ersten Blitze, nicht in der Ferne, sondern ganz nahe hernieder, fast kerzengerade geht der grelle Schein vom Himmel zur Lrde. Und kaum ist der Schein verblaßt, so folgt mit lautem Rollen und Grollen der erste Donnerschlag, viel lauter und unheildrohender als in der Heimat. So wiederholt es sich fast jede Minute. Blitz auf Blitz, Schlag auf Schlag! Ön den Schluchten und Tannenwäldern der Berge weckt jeder Donnerschlag ein fürchterliches, unheimliches Echo. Ringsumher haben finstere, himmelhohe Wolkenwände den Talkessel umschlossen wie ein feindliches Heer, wie in einem schweren Rrtilleriekampf hallen die Donnerschläge in schneller Folge, einer immer schrecklicher als der andere.
In unserem Hotel wird es lebendig. Frauen, die mit kleinen Rindern zur Rur anwesend sind, kommen aus ihren Stuben und finden sich im Wohnzimmer des Wirtes zusammen, vor lauter Rngst halten sie es in ihren Zimmern und Betten nicht mehr aus. „wenn es so donnert und wettert," sagte mir eine Dame am nächsten Morgen, „dann fürchte ich mich vor dem lieben Gott!" — In den meisten Häusern im Städtchen sehe ich Licht,' auch dort hat die Gewittergesahr die Bewohner im Familienzimmer vereint.
In mir erwacht die Erinnerung an meine Jugendzeit, da die Hausmutter in dem kleinen Gymnasialstädtchen uns Schüler auch immer aus den Betten trieb, wenn in der Nacht ein Gewitter ausbrach. Hier wie dort ist das enge Tal von steilen Gebirgszügen umschlossen, hier wie dort tobt das Gewitter viel schrecklicher, als ich es je erlebt.
Die Gedanken werden in mir lebendig. Soll man sich bei einem Gewitter fürchten? Ist das männlich und christlich? Ich sage mir: ja! Unser Prophetenwort bestärkt mich in meiner
Empfindung: „Der Herr ist von großer Rraft,' vor welchem niemand unschuldig ist. Er ist der Herr, des weg in Wetter und Sturm ist." Und was wir allein in diesem Sommer erlebt haben an Verheerungen und Schäden, welche die Gewitter in so vielen Gegenden Deutschlands angerichtet haben, das bringt mich ebenfalls auf den Gedanken, daß Gott ein gewaltiger Gott ist, daß er nicht bloß segnen und lieben, sondern auch zürnen und strafen kann.
In einer Zeitung aus der Heimat lese ich den Rufruf zu Spenden für die kleinen Bauern des Rreises Erbach, denen der Gewitterregen die Erde samt der Ernte von den Berg- äckern weggeschwemmt und die Talwiesen meterhoch mit Steinen und Geröll bedeckt hat. Nicht bloß für dieses Jahr, auch für die nächsten zwei bis drei Jahre ist die Ernte vernichtet. viel Entbehrung, viel Mühe, viel Einschränkung wird es kosten, bis die Folgen überwunden sind, bis die Recker und wiesen wieder eine normale Ernte liefern. — vor Pfingsten ging der Briefträger von Feldkrücken auf seinem Nachmittagsdienstgang nach Ulrichstein zurück. Rls der Mann auf der Höhe angelangt war, überraschte ihn ein Gewitter. Ein Blitzstrahl fuhr in seinen Rörper und tötete ihn auf der Stelle. Seine Dienstmütze hatte ein großes Brandloch, die Rleider waren stellenweise versengt. Zu Hause aber warteten eine junge Frau und ein kleines Rind auf den Vater, welcher nicht mehr wiederkehrte, sondern tot auf der Landstraße lag.
Die Zahl der Menschenleben, welche der Blitz in diesem Jahre getötet, und die Zahl der Schäden, welche die Gewitterfluten in diesem Sommer an dem Feld und den Werken der Menschen angerichtet haben, sind so groß, daß ich sie hier nicht alle aufzählen kann.
Das alles zeigt uns: Unser Gott ist ein gewaltiger Gott, vor dem wir kleinen Menschen uns noch immer beugen müssen. Rein Blitzableiter, keine Hagelversicherung gibt uns ausreichenden Schutz gegen Gottes Gewalt in Sturm und Wetter. Trotz der vielgerühmten und bewundernswerten Fortschritte der Technik hat sich die Zahl der Blitzschläge nicht vermindert, sondern vermehrt.
wir müssen wieder mehr lernen, unsern Gott zu fürchten, den Ernst seiner Gerichte, seine Stimme in den Vorgängen der Natur zu verstehen. Jeder wahrhaft religiöse Mensch hat vor Gott eine gewisse Furcht oder Scheu. Luther läßt die Erklä-


