Ausgabe 
5.7.1914
 
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Nr. 26. Gießen, 4. Sonntag nach Trinitatis, 5. Juli 1914. 3. Jahrgang.

wie finden wir Lebensfreude?

1. Brief der Petrus 3, 10-15. Mer leben will und gute Tage sehen, der schweige feine Zunge, daß sie nichts böses rede und feine Lippen, datz sie nicht trügen. Er wende sich vom Bösen und tue Guter: er suche Frieden und jage ihm nach, heiliget aber Gott den kjerrn in eurem Kerzen.

Wer Freude am Leben haben und gute Tage sehen will" mit dem redet Petrus im vorliegenden Ubschnitt. Wer wollte das wohl nicht? Und erst recht in heutiger Zeit! Map Kann i'ch Kaum einen moderneren Wunsch denken, als Levens, reuoe uns guie Tage! Wer hierfür das schmackhafteste Uezept verschreiben kann, der ist in Wahrheit unser Wann! Nun wohlan, was bietet uns Petrus? Tine Weisung, die er an seinem eigenen Sch erprobt hat. Sie lautet mit einem Wort: Sei ein rechter Thrist! Und wenn man unseren Ubschnitt auf seinen genauesten Inhalt prüft, dann kann man sagen: er bildet eine gedrängte Zusammenfassung der Bergpredigt Jesu. Tine Stelle (Vers 14) ist ihr ja sogar direkt entnommen. Vas sind alles unsermchristlichen" Ohr vertrauteste Forderungen: vergeltet Böses mit Gutem, seid selber gut, ohne Menschen­furcht ; statt dessen steht in der kjeilighaltung des kjerrn. Dazu gehört, sich freimütig zu ihm bekennen und nach seinem Bei­spiel handeln und wandeln. Dann habt ihr ein gutes Ge­wissen. Und ohne dieses keine Lebensfreude und keine guten Tage! Ulso nochmals: Seid rechte Thristen! Charakteristisch an dieser Petrus-Mahnung könnte noch das sein, daß sie be­tont an solche Leute gerichtet ist, die sich in eine ihnen feind­liche, unchristliche Umgebung versetzt wissen. Was sollen wir nun dazu sagen? Ist's nicht so: Vas Uezept des Upostels klingt uns gar zu alltäglich! Das haben wir ja schon auf der Schul­bank von kleinauf gehört, das hören wir seitdem bei jedem Besuch in der Uirche, das steht in jedem christlichen Buch und in jedem christlichen Sonntagsblatte. Vas ist so bekannt, datz man nichts Rechtes mehr damit anzufangen weiß! Uber da fällt uns ein Urtikel ein, den wir jüngst in einem Blatt lasen. Tr handelte von der diesjährigen Großen Berliner Uunstausstellung, insbesondere von den vielen dort ausge­stellten Porträts. Und dem Beschauer war als hervorstechend­stes Tharakteristikum aufgefallen, daß auch nicht auf einem einzigen Gesicht sich Freude am Leben ausdrllckt, obwohl alle, die da gemalt wurden, was man so nennt, rechtgute Tage"

gesehen haben und sehen! ver Urtikelschreiber hat an nichts weniger als einenchristlichen Standpunkt" gedacht. Um so, fast möchte man sagen erschütternder ist seine Feststellung. Uber nun die andere Frage: Wo sind denn heute auch noch Thristen im Sinne der Bergpredigt? Vas heißt von innen heraus ganz neu gewordene Menschen! Fast fürchten wir, daß die heutige Zeit erst wieder in Wahrheit gute Tage sehen und Freude am Leben haben wird, wenn ihr dar Uezept des Petrus nichts Ulltägliches und längst Bekanntes mehr, son­dern ';bri bcfrcirndcr ^-be»?inhal! geworden ist.

Griechische Reisen und Sommerfrischen.

von Geh. Gberkonsistorialrat v. W. petersen in varmstadt.

(Fortsetzung.)

Nach Uauplia kehrten wir nicht mehr zurück, sondern fuhren mit der Bahn nach Mpli d. h. den Mühlen, ver west­liche Teil der argolischen Tbene ist ganz mit Wein bepflanzt und wird in seiner südlichen Trstreckung mehr und mehr durch die dem Meere immer näher tretenden Berge geschmälert. Man sieht aus der Bahn über die üppige, grüne Umgebung weg auf das blaue Meer und das malerische Uauplia. Mpli heißt übri­gens offiziell Lerna, ist also der Standort der lernidischen Schlange, was immer auf Fieber deutet, ver Sonnenheros Herakles überwand sie mit Hilfe seines vieners Folaos. Ihre Uöpfe waren die Tsuellen (noch heute heißen sie in Griechen­land kephalaria), die an einer Stelle verstopft, an anderen Drten immer wieder hervordringen. Nur durch Ubbrennen des Waldes, der den Sumpf bedeckte, Konnte die Urbarmachung begonnen werden. Noch heute ist die ganze Gegend zum Unter­schied von dem übrigen durstigen Urgos sehr wasserreich durch Rinnsale aus den Bergen und Tsuellen von einer Mächtigkeit, daß man an deren Speisung aus dem arkadischen Hochland ge­dacht hat.

von Mpli aus dringt die Bahn ins Innere des Pelo­ponnes. Wir stiegen daher in einen anderen Zug. Tinige Tage vorher hatte man erst den Betrieb dieser damals neuesten Bahn begonnen. Ts folgten nun genußreiche Stunden. Vie Bahn grub sich immer tiefer ins Gebirg hinein in beständiger Steigung. Vas Gelände, wenn auch nicht bewaldet, war grün