nichts besinnen wollen, dann aber, als davon die Hebe war, daß man sich an das Bezirksamt wenden müsse, hatten sie in ihrer Erinnerung nachgeforscht und waren allmählich zu der Erkenntnis gekommen, daß sie die Lache möglicherweise doch vergessen hätten, Auf die Nachfrage nach den Wertsachen des verstorbenen hatten sie sich auf die Luche begeben, und siehe da, in einer Niste, die im Beratungszimmer des Gemeinderats stand, und mit alten Zeitungen, den Zetteln von der letzten Volkszählung her und alten Voranschlägen vollgestopft war, hatten sich ganz unten die Brieftasche, die Geldbörse und die Uhr des Neservisten Hansen von der 2. Kompagnie des 86. Regiments gefunden. Wären die beiden Männer sich ihrer Pflicht bewußt gewesen, so hätten sie ohne Mühe einer schwer bekümmerten Familie Auskunft über das Abscheiden ihres Ernährers geben können: denn der Tote hatte in seiner Brieftasche sorgsam die Adresse seiner Frau notiert: Frau Raren Hansen zu Gsterbarderup, Rreis Flensburg, Provinz Schleswig-Holstein. Pfarrer Weber schrieb, der alte Bürgermeister entschuldige sich damit, daß damals bei den Truppendurchmärschen und der Erntearbeit alles drunter und drüber gegangen sei. Aber noch etwas anderes hatte sich herausgestellt. Weber schrieb, daß die sämtlichen Uniformstllcke und auch das Gewehr des Vahingeschiedenen auf dem Speicher des Lpritzenhauses sich vorgefunden hätten, das Gewehr selbstverständlich total verrostet. Auch einige Mitteilungen über das Grab waren in dem Briefe enthalten. Es sei in gutem Zustande, Leute aus dem Dorfe hätten schon vor mehreren Fahren auf ihm eine Trauerweide angepflanzt und in jedem Frühjahr werde es mit neuen Blumen versehen.
Die Hinterlassenschaft des Toten war mit der Post an die Witwe gesandt worden. Unter Tränen holte Frau Hansen die Lachen aus dem Wandschranke hervor: eine einfache Taschenuhr, eine von der Frau, als sie noch Braut war, gestrickte Geldbörse und dann die Brieftasche mit dem Militärpasse des Toten. Ln dem Notizbuche fanden sich einige Aufzeichnungen von seiner Hand, die er auf der Lisenbahnfahrt von Flensburg nach dem Rheine gemacht hatte. Alle die größeren Ltädte, die der Militärzug berührt hatte, waren notiert, am Lchlusse stand: Biebrich, den 28. Fuli 1870.
Da ich zwei Tage Urlaub hatte, so blieb ich bis zu dem nächsten Morgen bei der Familie, in der ich mich so heimisch fühlte, als ob ich schon jahrelang mit ihr bekannt sei. Immer wieder mußte ich aus meiner Erinnerung heraus und aus dem, was in Ruppertsecken erzählt worden war, mitteilen, wie es in den letzten Tagen des Niels Lwer Hansen zugegangen war. Und immer wieder versicherten mir die Mutter und die Gattin, daß es ihnen ein großer Trost sei, zu wissen, daß der Lohn und Ehemann bei guten, christlichen Leuten gestorben sei. Die Witwe bekundete die Absicht, an Pfarrer Weber zu schreiben, daß er auf ihre Rosten dem Toten einen Grabstein errichten lasse.
Am anderen Morgen nahm ich Abschied. Wenn ich heute an die Liebe und die Freundlichkeit zurückdenke, die mir diese guten Menschen fern im Norden des deutschen Vaterlandes erwiesen haben, so bin ich mir immer bewußt, daß ich es der Treue meines Vaters zu verdanken habe, der für den erkrankten Loldaten gesorgt hatte. 5o habe ich auf meiner Musikantenfahrt die Wahrheit des Wortes erlebt: Oes Vaters Legen baut den Rindern Häuser.
Unser Verdienst war nicht nur in Westerland, sondern auch auf unserer weiteren Fahrt durch Mecklenburg und die Provinz Brandenburg recht gut. Da ich sparsam war, so hatte ich schließlich in meinem Brustbeutel die Lumme von 127MK.
5o viel Geld hatte ich noch nie beisammen gesehen, ich wahrte das Geld wie den köstlichsten Lchatz der Erde.
Als wir in Brandenburg spielten, zog immer mehr der herbst in das Land. Gelb und rot färbten sich die Blätter, auf den Telegraphendrähten und Rirchendächern saßen die Schwalben, um sich zur Reise nach Lüden zu rüsten. Wenn die Lchwalbe nach Lüden zieht, so rüstet sich auch der Musikant zur Heimreise. Wenn Kaller Regen kommt und die Dunkelheit früh hereinbricht, so ist das Wandern auf der Landstraße kein Vergnügen mehr. Man sehnt sich dann nach einem Platz in einer warmen Stube, von dem aus man in aller Seelenruhe durch die Scheiben auf Regenpfützen und grauen Himmel schauen kann. Ln großen Märschen zogen wir der Heimat zu, von Rassel an ließ uns, weil das Wetter zu schlecht war, der Meister mit der Eisenbahn fahren.
Lch hatte auf dieser meiner ersten Musikantenfahrt das Heimweh mehr und mehr überwunden. Fe näher wir aber nach Südwesten kamen, um so mehr packte es mich mit neuer Rraft. Als wir endlich von Münster am Stein nach Rockenhausen fuhren und die nordpfälzischen Berge wieder vor mir auftauchten, da meinte ich, den Zeitpunkt gar nicht abwarten zu können, bis ich wieder in der Heimat war.
Ln Rockenhausen gingen wir auseinander. Mit Gottfried Reiper stieg ich den Berg nach Ruppertsecken hinan, vom Donnersberge her wehte der herbstwind, der Regen sprühte uns in das Gesicht, die welken Blätter bedeckten den Boden. Lm Abenddunkel stand ich vor meines Vaters Haus. Die Mutter kniete im Wohnzimmer vor dem Ofen, um Feuer anzuzünden, vor ihr lag ein Haufen kleingebrochenes Reisig. Fröhlich trat ich durch die Tür und rief: „Guten Abend, Mutter, da bin ich wieder, und 127 Mark habe ich dir mitgebracht." (Fortsetzung folgt.)
Kleine Mitteilungen.
Tin schönes und wirklich harmonisches Fest in des Wortes eigenster Bedeutung war das 4. Rirchengesangvereinsfest unseres Dekanates, das am Nachmittag des l. Sonntags nach Trinitatis, den l4. Funi d. F., in der Ltadtkirche zu Gießen gefeiert wurde. Es hatten sich außer dem Gießener noch neun benachbarte Vereine eingefunden, von Annerod, Beuern, Burkhardsfelden, Großen-Linden, Rlein-Linden, Lang-Göns, Leihgestern, Lollar und Treis a. Lda. Wenn schon die große Zahl der beteiligten Vereine zeigt, daß die Sache der Rirchen- gesangvereine in unserem Dekanat beliebt ist, so beweist das auch die Stärke der Vereine, die jeder zwischen 40 bis 70 Mitglieder zählt, so daß ein Gesamtchor von etwa 500 Sängern und Sängerinnen die Emporen der Stadtkirche nahezu füllte. Dazu kamen noch die beiden Gießener Ehorschulen, die Rnaben unter der Leitung von Lehrer Görlach, die Mädchen unter der des Lehrers Habicht, die durch ihre prachtvollen Stimmen den Eindruck der Feier noch erhöhten. Der Festgottesdienst, dem eine kurze Probe der Thöre vorausgegangen war, begann um 2'h Uhr. Er war ein Lobpreis des Allerhöchsten und stand unter dem einheitlich durchgeführten Grundgedanken : Nun danket alle Gott, mit Herzen, Mund und Händen, der große Dinge tut an uns und allen Enden. Dem entsprachen die vom leitenden Geistlichen, Rirchenrat D. Schlosser, verlesenen Schriftabschnitte wie auch die vom Gesamtchor unter Leitung des Professors Trautmann und der Thorschule vorgetragenen Lieder, die ohne Ausnahme in jeder Beziehung vortrefflich und stimmungsvoll zu Gehör gebracht wurden. Sie legten auch ein gutes Zeugnis ab von der guten Schulung


