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3m übrigen wurde das Land wie eine eroberte Provinz behandelt, eine kleine französische Lesatzung lag scheinbar ständig hier, aber sie waren rücksichtsvoll genug, sich bei Johann Adam Lramm auf der unteren Ziegelhütte häuslich niedsrzulassen. Alldorten pflegten die Soldaten täglich eine Zeche zu machen, bestehend in 8 Weißbroten, 4 Liter Schnaps, 4 Liter kipfelwein und 16 Liter vier.
Aber wie schon oben gesagt ist, die Zeit von 1808- 1811 war verhältnismäßig ruhig und friedlich. Die Dinge, die wir erwähnt haben, waren Kleine Nadelstiche im vergleich zu den wuchtigen Keulenhieben, die man vorher erduldet hatte. Erst recht im vergleich zu den Dingen, die dem Städtchen nun bevorstanden. Es Kam 1812, das Jahr der Schicksalswende und diese Schicksalswende schuf die Vorbedingung für die deutsche SturmZeit von 1813—1815.
5. DieZeitvon 181 2 bis 1815.
(Es lag während des ganzen Jahres 1012 wie drückende Gewitterschwüle nicht nur über Europa, auch über unserem Städtchen. Etwa zwanzig Söhne Grünbergs, zum Teil noch blutjunge Nlenschen, mußten mit ins Feld ziehen. Gegen wen Napoleon diesmal seine Scharen werfen wollte, wußte noch niemand in Hessen. Ls war Schmerz genug, daß soviel junge INänner dem Nuf des Großherzogs, der ja auch Nheinbund- fllrst war, folgen mußten. Die zurückbleibenden Bürger hatten nicht so unsäglich unter den Kriegsoorbereitungen zu leiden wie vor sechs Jahren; denn der Franzosenkaiser zog ja diesmal seine ungeheueren Truppenmassen und die Vorräte für sie in den preußischen Provinzen östlich der Elbe zusammen. Aber die staunenerregenden Vorkehrungen, die er traf, ließen auch unsere Leute ahnen, daß Dinge im Werk seien, die für eine ganze Welt entscheidend werden mußten.
Seit April etwa hatte Grünberg unter Truppendurchmärschen zu leiden. Wieder wie vor Jena und Auerstädt wurde Fourage geliefert und verpackt in der Schirn, und da die nicht ausreichte, in der Kirche. Die Geistlichen haben sich sicherlich gegen diese Entweihung des Gotteshauses gesträubt. Aber es hat sie wenig geholfen,' sie mutzten Zusehen, daß das altehrwürdige Gotteshaus behandelt wurde wie eine Scheuer. Ohnmächtig mußte man hören, daß derbe französische Flüche die geweihten Näume rücksichtslos durchhallten. 3m ,,Wilden Mann" logierte eine Art Etappengeneral, der für ordentliche Ausführung der Lieferungen Sorge trug. Aber es waren Ausgaben und Verärgerungen, die schnell vorübergingen,' denn die Krieger eilten in die Länder des Ostens. Es mag den Söhnen Grünbergs, die unter klingendem Spiel mit fliegenden Fahnen die neu errichtete Straße am Ziegelberg hinauszogen, manch heißes Gebet nachgesandt worden sein, Gebete, die später vielleicht einen Widerhall fanden in den Herzen der jungen Schlachtopfer, die irgendwo in der Gegend von Wilna oder Krasnoj dem Tod in die Arme sanken.
Es mag den ostwärts marschierenden Franzosen auch manche Verwünschung aus ehrlichem deutschen Herzen nachgeschleudert worden sein. Freilich, kein Mensch konnte wissen, daß die Wirklichkeit alle schrecklichsten Verwünschungen noch weit übertreffen würde an Furchtbarkeit und namenlosem kjerzeleid. Darum lag über Deutschland und auch unserem Grünberg eine dumpfe Zeit der gewitterschwülen Erwartung, seitdem die ungeheueren Steppen Nußlands die halbe Million napoleonischer Streiter in ihren Schoß ausgenommen hatten.
Wann die erste Kunde von der entsetzlichen Katastrophe in Nußland nach Grünberg gekommen ist, wissen wir nicht. Wohl gegen Ende des Jahres 1812. Sicher hat man zuerst
nicht daran glauben wollen: denn Napoleons Unbezwinglich- lichkeit war durch sechszehn Jahre hindurch unerschüttert geblieben. Als man dann aber doch einsah, daß die große Armee vernichtet sei, da ist nach meiner Ueberzeugung zunächst nicht Freude laut geworden über den schweren Schlag, der den gehaßten Tprannen getroffen hatte, sondern da sind zunächst Schmerz und Jammer zum Himmel emporgestiegen,' denn etwa zwanzig Familien klagten um ihre blühenden Söhne. Wir empfinden heute alle Mitleid mit einer einzigen Familie, wenn ihr ein junger hoffnungsvoller Sohn ins Grab sinkt. Damals aber waren es zwanzig Häuser, in denen verzweiflungsvolle Klage herrschte! vorher schon waren in dem spanischen Kleinkrieg eine Anzahl Rürgersöhne gefallen, Ludwig Karl Thri- stian Ebel als Sekondeleutnant und Johannes Meper, jener des Pfarrers und 3nspektors Ebel Sohn, dieser der Sohn des Natsverwandten Johannes Meper, außerdem Johann Georg Leister, versetzen wir uns nur einen Augenblick in die Seele des Vaters, des 3nspektors Ebel, der zu Anfang 1815 mit blutendem Herzen und zitternder Hand unter den Taufeintrag eines zweiten Sohnes schreiben mußte: „3st in Nußland 1812 in der Schlacht bei Krasnoj als großherz. Leutnant geblieben." Dann verstehen wir, daß damals über dem ganzen Städtchen eine schicksalsharte Stimmung der Trauer lag. Und diese Stimmung der Trauer wurde auch nicht gehoben, als im Februar und März klägliche Neste des stolzen Franzosenheeres hierherkamen. Denn diese abgehetzten, verhungerten Menschen konnten den Angehörigen erzählen von den namenlosen Leiden, denen auch ihre Söhne in dem eisigen Schneewinter Nußlands ausgesetzt waren, bevor sie einem frühen Tod verfielen.
Aber eins wurde durch die Trauer erreicht: der 3ngrimm und der heiße Haß gegen den Völkerverderber Napoleon erhielt neue und reichliche Nahrung. Und dann hatte man nun einmal doch gesehen, daß auch der große Stratege Napoleon nicht unbezwinglich sei, daß ein Stärkerer über ihn Fjcrr geworden war. (Es wird uns davon keine Silbe berichtet, aber ich bin gewiß, daß aus dem Gottesgericht in Rußland, aus dem bitteren Schmerz um die gefallenen Söhne und Brüder und aus dem Grimm gegen Napoleon der Gedanke der deutschen Freiheit auch bei unseren Grünberger Vorfahren entstanden ist. Wie ich oben schon einmal betonte: es mußte mit unseren Vätern so in die Tiefe gehen, bis sie wieder auf Gott vertrauen und an die Möglichkeit der deutschen Befreiung glauben lernten. Das war für Grünberg der Erfolg von 1812.
(Fortsetzung folgt.)
Sin pfälzischer Musikant.
Erzählung von Heinrich Bechtolsheimer.
(Fortsetzung.)
3ch teilte der Familie mit, daß die Wertsachen des Toten damals dem Bürgermeister übergeben worden seien, damit er sie den Angehörigen zustelle. Selbstverständlich war an diese niemals auch nur die geringste Benachrichtigung gelangt, sonst wären sie über das Schicksal des Hausvaters nicht im Ungewissen gewesen. 3ch erbot mich sofort, nach meiner Rückkehr in die Heimat bei der Bürgermeisterei Nachforschungen anzustellen, aber die junge Witwe meinte, sie wolle lieber auf der Stelle nach Ruppertsecken schreiben und um Auskunft bitten. Sie bat mich um die nähere Adresse. Aber, an wen, so überlegte ich, sollte sie schreiben? An Bürgermeister Noden- bucher? Das hätte keinen Sinn gehabt: denn eine Antwort wäre doch nicht erfolgt. Da durchfuhr es mich, daß Pfarrer Weber in Marienthal hierzu der rechte Mann sei. 3ch wußte,


