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Nr. 25. Gießen, 3. Sonntag nach Trinitatis, 28. Juni 1914. 3. Jahrgang.

Gottes Fügungen.

Brief des Apostels Paulus an die Römer 8, 28. Wir wissen aber,

datz denen, die Sott lieben, alle vinge zum Besten dienen.

wir wissen aber, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen. Das ist ein Wort aus dem goldenen Spruch- schatze des Neuen Testaments, so schön und so lies, wie kaum ein zweites in der ganzen heiligen Schrift, und den­noch ein wort, das schon manchen ernsten Menschen zum zorn­erfüllten Widerspruch herausgefordert oder ihm unendlich wehe getan hat.

wir wissen aber, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen. So kann der Junge, Gesunde, Glückliche leichten Herzens sprechen. So können Verlobte in der schönen Brautzeit reden, so kann der jubeln, der im Vollgefühle seiner Körperkraft und Gesundheit, erfüllt von derber Lebenslust, ledig aller Pflicht, am schönen Sommertage auf die Berge steigt, so kann der reden, dem Erfolg auf Erfolg in seiner Arbeit beschieden ist, und dem ein schönes Familienleben den Erdentag freundlich gestaltet.

Bber es gibt fromme Menschen, Menschen, die ihr Leben lang auf Gottes wegen zu wandeln sich bemühten, die Ge­fahr laufen, durch dieses Wort in ihrem Glauben wankend zu werden. Da ist ein Elternpaar, dem ist ein Kind geschenkt, das das Haus mit steter Freude erfüllt. Kührend ist die Liebe des Kindes zu den Seinen. Oft umschlingt es mit seinen kleinen Krmen Vater und Mutter und sagt ihnen mit unbehilflichen Worten und dem treuen Blick seiner Bugen, daß es sie lieb hat. Kührend auch ist die Frömmigkeit des Kindes. Es faltet am Kbend, wenn die Mutter es zu Bett gebracht hat, die Händchen und spricht fromm und herzlich sein Gebet, wenn der Vater zur Kachtzeit einen weiten weg durch eine einsame Gegend zu machen hat, so betet es, daß Gott ihn behüten möge, und wenn die Mutter krank ist, so sucht es in emsiger Geschäf­tigkeit sie zu pflegen. Kein Krg und Falsch trübt die reine Kin­desseele, es weiß noch nichts von Sünde und Schuld. Buch im Spiel, der gottgewollten Beschäftigung des Kindes, offenbart es die Lauterkeit seines Herzens. Dieses Kind wird plötzlich von einer tückischen, ansteckenden Krankheit erfaßt. Ls kann im Hause der Seinen nicht bleiben, weil dort noch mehr Kinder wohnen, es wird in aller Eile weggebracht, herzzerreißend

ist der Kbschied auf beiden Seiten. Das Kind selbst fagt: ich muß sterben. Fern von den Seinen, umgeben von fremden Menschen, die bei aller Freundlichkeit ihm doch die Elternliebe nicht ersetzen können, verbringt es Tage in Kngst und Kot. In der Morgenfrühe eines trüben Kegentages pocht dann ein fremder Mann an die Tür der Eltern und sagt, datz das Kind in der Kacht verschieden sei. Das soll uns zum Besten dienen? So fragt sich das Elternherz und fragt sich noch Jahrzehnte später,' denn bei der leisesten Berührung bricht die alte Wunde wieder aus.

Und dort sitzt ein armer, verzweifelter Mensch auf der Knklagebank vor dem Schwurgericht. Falsche Bnschuldigung, vielleicht seiner nächsten Angehörigen, hat ihn dorthin ge­bracht. Ist es doch in der Gegenwart nichts Seltenes, daß die Kachsucht der Ehefrau, um sich des Mannes zu entledigen, nicht davor zurückschreckt, ihn der ehrlosesten Handlungen zu beschuldigen. Tine unheilvolle Verkettung der Vinge bringt es mit sich, daß die Kichter aus dem Volke den unglücklichen Mann für schuldig befinden. Schmach und Schande kommen über ihn, entehrt und verachtet steht er vor der Geffentlichkeit, seine Menschenwürde wird mit Füßen getreten. In der Ein­samkeit der Gefängniszelle fürchtet er, den verstand zu ver­lieren. Kann er auch leichten Herzens sagen: das soll mir zum Besten dienen?

In der Tat, wenn Paulus nur diesen Satz aufgestellt hätte, so wäre es schwer, seine Kichtigkeit anzuerkennen. Aber der Apostel gibt auch die Begründung dazu. Einige Verse weiter sagt er von Gott: welcher auch seines eigenen Sohnes nicht hat verschonet, sondern hat ihn für uns alle dahinge­geben, wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? von dem Leiden und Sterben des Heilandes aus lernen wir ver­stehen, daß alle, auch die leidvollsten Dinge uns zum Besten dienen. Gott hat seinen Sohn das Furchtbarste erdulden lassen, er ließ ihn sterben unter den Händen der Uebeltäter, er machte ihn zum Fluch der Welt. Dennoch hat er sich hinterher zu ihm bekannt und ihn glorreich auferstehen lassen. Jesu entsetzliches Sterben hat der Welt das heil erworben. Gewiß, wir werden unter dem Drucke schwerer Schicksalsschlüg: hienieden nie ganz verstehen lernen, warum sie Gott über uns kommen ließ. Erst die Ewigkeit wird alles aufdecken. Aber wir können es jetzt