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Nr. 13. Gießen, Sonntag Palmarum, 5. April 1914. 3. Jahrgang.

vutz- und Vettag.

Evangelium des Lukas 13, 6—9: „Cr sagte ihnen aber dies Gleichnis: Es hatte einer einen Feigenbaum, der war gepflanzt in seinem Weinberge: und kam und suchte Frucht daraus und sand sie nicht. Da sprach er zu dem Weingärtner: Siehe, ich bin nun drei Jahre lang alle Jahre gekommen und habe Frucht gesucht auf diesem Feigenbaum und finde sie nicht: haue ihn ab, was hindert er das Land? Er aber antwortete und sprach zu ihm: Herr, laß ihn noch dieses Jahr, bis daß ich um ihn grabe und bedünge ihn, ob er wollte Frucht bringen, wo nicht, so haue ihn darnach ab "

Dadurch, daß unser Landesfllrst nach alter, schöner Sitte die biblischen Texte für die Rußtagspredigten bestimmt, be­kommt der Tag auch einen Teil seiner besonderen Bedeutung. Tr wird dadurch aus der gesamten Reihe der kirchlichen Fest­tage herausgehoben als ein Tag, an dem Fürst und Volk in einzigartiger weise gemeinsam vor Gott sich beugen. Tine „Reformation an Haupt und Gliedern" war ja nicht nur zu Luthers Zeit und nicht nur in der Katholischen Rirche nötig. Sie ist immer nötig. Die Unterschiede zwischen Fürst und Volk, hohen und Niederen haben ihr Recht und mögen für diese Erde bestehen, — vor Gott sind wir alle gleich, auch alle Sün­der und verloren, wenn seine Heiligkeit und Gerechtigkeit es nicht erlauben, daß er sich unser erbarmet. So ziemt uns allen vor Gott Dank und Ruße. Und das freilich nicht nur am Ruß- Rettag, jeder Tag muß für den Thristen ein Ruß- und Ret- tag sein. Uber was ist das wort Ruße vielen ein unaussteh­liches wort! Ja, man hält schon deshalb die Ruße nicht für nötig, weil man überhaupt die Sünde leugnet. Ts gibt wohl Unarten, Verirrungen, Entgleisungen, aber sie ergeben sich aus der Raturanlage. Dafür kann der Mensch im Grunde genommen nichts, ist deshalb auch nicht dafür verantwortlich und braucht sich darüber kein Gewissen zu machen, wer sich, wie ja jetzt der Thrist soll, ein wenig mit Rndacht in die Be­trachtung der Leidens und Sterbens Jesu versenkt, wird leicht eines anderen belehrt werden und müßte einen klaren Be­griff bekommen von der Entsetzlichkeit der Sünde, wegen der der heiligste, den die Erde trug, ans verfluchte Rreuzesholz geschlagen wurde. Und weil die Sünde der Welt am Tode Jesu schuld war, und wir doch auch zur Welt gehören, so ist eben jeder einzelne von uns mitschuldig an Jesu Tod. Diese

einfache Erwägung sollte uns doch wohl auf das Gewissen fallen.

was hilft es uns am Ende, daß wir auf allen Gebieten des irdischen Wissens und Rönnens so herrliches leisten, daß wir ein Volk von Denkern, Dichtern, Rünstlern, Erfindern, Technikern, Fliegern sind, daß wir Meer und Luft beherr­schen und die Eingeweide der Erde durchforschen, — wir fal­len doch alle unter das Gotteswort: es ist keiner, der Gutes tue, auch nicht einer.

Gott hatte Großes mit dir vor. Er pflanzte dich in sei­nen Weinberg. Er nahm dich durch die heilige Taufe in seine Rirche, in sein Reich auf. Er prägte dir das Siegel seiner Rindschaft auf, worin zugleich die Verheißung des ewigen Lebens lag. Und als du unterscheiden gelernt hattest, was gut und böse ist, da kam er und suchte.Frucht an dir, 3 Jahre, 20 Jahre, vielleicht schon 50 oder 60 Jahre. Fand er die Frucht, die er suchte? Du meintest ihn vielleicht damit zu­frieden stellen zu können, daß du dich ihm als einen sogenann­ten ehrbaren und tüchtigen Menschen vorstellen konntest, dem niemand etwas Böses nachsagen konnte. Du hattest ja noch niemand tot geschlagen oder bestohlen, warst mit groben Flei­schessünden unverworren, mochtest keinen Streit leiden, ja du warst auch ein religiöser Mensch, der sich von Zeit zu Zeit in der Rirche blicken ließ und regelmäßig zum Rbendmahl kam, sahst auch streng daraus, daß deine Rinder beten lern­ten, — warst du nicht ein vortrefflicher Mensch, an dem der liebe Gott seine Helle Freude haben mußte? Sähe es in der Welt nicht tausendmal besser aus, wenn es recht viele solcher Leute gäbe? — (Es könnte leicht sein, daß du mit dieser Vor­trefflichkeit zu den Toren gehörtest, denen der Herr am jüng­sten Tag zurufen zu wollen gedroht hat: weichet von mir, ihr Uebeltäter, ich kenne euch nicht, daß du dem Feigenbaum glichest, der wohl heute schon verdiente, abgehauen zu wer­den und nur noch bleibt, weil der Weingärtner, dein Mittler und Versöhner Jesus Thristus, für dich bat, und weil die Hoff­nung ja noch nicht aufgegeben zu werden braucht, daß du mit der Zeit vielleicht doch noch richtige Frucht bringst, wo nicht, dann müßtest du allerdings danach abgehauen werden.

Und was für Frucht sollst du denn bringen? Die hat schon der Vorläufer und Wegbereiter Jesu den Leuten, die zu ihm in die wüste kamen, vortrefflich anzuraten verstanden: