Nr. 12. Gießen, Sonntag Iudika, 29. März 1914. 3. Jahrgang.
Geheimnisse der Glaubenshelden.
2. Brief des flpojtels Paulus an die Korinther 12 , 7-10. Huf daß ich mich nicht der hohen Gffenbarungen überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satanas Engel, der mich mit Fäusten schlage, auf daß ich mich nicht überhebe. Dafür ich den Herrn dreimal geflehet habe, daß er von mir ujidje; und er hat zu mir gesagt: Laß dir an meiner Dnade genügen: denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, auf daß die Kraft Christi bei mir wohne. Darum bin ich guten Mutes in Schwachheiten, in Schwachen, in Nöten, in Verfolgungen, in Nengsten, um Christi willen: denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark.
In der heutigen Schriftstelle lüftet Paulus einmal den Schleier ein wenig vor dem geheimen Innenleben der Glaubenshelden. Und da ergibt sich etwas Eigenartiges. Ulan begegnet solchen wahrhaft Großen im Geiste ja nur sehr selten. Uber wer die Gnade gehabt hat, in seinem Leben einen ihrer Urt kennen zu lernen und tiefer in sein Wesen ein- dringen zu dürfen, wer dann geschichtliche Zeugnisse von anderen Helden des Glaaubens, so von Luther, Melanchthon u. a., daneben hält und sie mit den vorliegenden Gffenbarungen des Paulus vergleicht, der findet eine merkwürdige Uebereinstimmung all dieser Erfahrungen, wie sie in dem Heiland zweifellos am deutlichsten in die Erscheinung traten: Gewisse außerordentliche innere Erlebnisse, die das normale Ulaß des Erlebens der sozusagen Durchschnitts-Neligiös- gesinnten überschreiten, aber auf Kosten von Leiden Körpers und der Seele, die zumeist ebenfalls das Erleben der Durchschnittsgläubigen weil überragen. Es tritt da ein Martyrium zutage, das durchaus nicht immer erst mit der Verfolgung durch bös oder fanatisch gesinnte Gegner einzusetzen braucht, sondern das ein Grundzug ihrer ganzen Persönlichkeit und ihres Lebensschicksals ist. Man kann sagen: kurze, allerdings überwältigend herrliche Blicke von den Gipfeln menschlich möglichen Erfassens in die Welt des Unsichtbaren, in ein Erleben Gottes von höherer Urt, werden mit furchtbarsten Gegensätzen, wie aus einer direkten Welt der unsichtbaren Finsternis herausgeboren, so teuer bezahlt, daß es wenige gelüsten mag, gleiche Wonnen mit gleichen Schmerzen auszutauschen. Und das kann man weiter sagen: Nicht das unsagbar hohe eines noch dazu rein innerlichen Erlebnisses, das nur wie ein gleichsam verirrter Gottesstrahl auf
kurze Nugenblicke die Menschenseele in unaussprechliche Lichtwonne taucht, macht diese Helden des Glaubens zu dem, was sie sind, sondern gerade das Nndauernde des Gegenteils, eine fast ununterbrochene Kette eigenen Leidens und des Mitleidens für andere. Ein unheimlich geschärfter Blick so für die Nachtseiten des eigenen Ich wie für die der Menschheit überhaupt, gibt ihnen jene überragende, einfach ehrfurchtgebietende Neife des Geistes. Und die Frucht dieses Geistes ist jedesmal eine Demut ihrer Seele, ja ihres ganzen Menschen, die uns weniger Begnadeten einfach ein Nätsel, eine unbekannte Welt bleibt. Wofür uns höchstens in besonderen Gnadenstunden einmal ein lichtvolles Verständnis aufgeht und selbst dann als ehrliches Bekenntnis kaum gewagt wird: „Wenn ich schwach bin, so bin ich stark", das ist die tägliche Atmosphäre jahrein jahraus, in der sich jene Großen im Geiste bewegen und ohne die sie nicht glauben würden weiterleben zu können! Uber freilich, aus dem Vollgefühl dieser Schwäche heraus wird auch in ihnen ein Vollgefühl für die Gnade Gottes von so ungeheurer Stärke geboren, daß es ist, als wäre ihre Seele, eben weil sie sich vor Schwäche wie entleert fühlt, selbst ganz von dieser Gnade Gottes bis in den letzten Winkel angefüllt, von diesem Erlebnis des göttlichen Gnadenstroms in der Seele der Glaubenshelden trinken wir Kleinen dann oft noch jahrhundertelang und werden nur deswegen satt, weil ihre Seele so unauslöschlich nach Gott dürstete!
Nur heute!
Du brauchst nicht mehr zu tragen, Als nur die Last von heut',
Und sollst nichts weiter fragen,
Als was Gott jetzt gebeut.
Mehr soll dein Fuß nicht gehen, Als nur den nächsten Schritt,
Mehr nicht dein Herz verstehen, Als was es heute litt.
Nicht weiter darfst du sorgen,
Als was Gott heut' gefällt,
Das „Später" und das „Morgen" Sei ihm anheimgestellt.


