86
Mädchen, dann kamen wir Jungen, die wir uns in der neuen schwarzen Kleidung und in den neuen Mühen, noch mehr aber in der neuen lDürde etwas unbehaglich fühlten. Ls ist gut, daß ein Kindermagen noch leistungsfähig ist, sonst hätten wir bei unserem Umzuge wohl schon in dem vierten Hause die uns angebotenen Genüsse dankend ablehnen müssen. Mindestens eine Tasse Kaffee und mindestens ein Stück Kuchen mußte doch in jedem Hause bewältigt werden, sonst hätten wir die Eltern schwer beleidigt. Ls gab aber auch einige unter uns, die über dieses Mindestmaß erheblich hinausgingen. Sch erinnere mich, daß einer meiner Kameraden in einem Hause fünf Stücke Zucker in eine Tasse Kaffee tat und dabei sagte: „Ich versüße mir mein Leben." Gb er am nächsten Morgen noch von der Süßigkeit des Daseins reden konnte, davon hat er mir nichts gesagt,' ich möchte annehmen, daß Leibschmerzen ihn an das Wort erinnerten: „Des Lebens ungemischte Freude ward keinem Sterblichen zuteil."
Um Übend dieses Tages nahm ich meine Trompete und stieg ganz allein auf den Schloßberg. Ich war im letzten Winter entschieden im Trompetenblasen vorwärts gekommen. Nun blies ich in den milden Übend hinein, was mir das Herz bewegte: „Thristus, der ist mein Leben" — das war die Melodie, nach der wir unser Konfirmationslied gesungen hatten, aber auch „Ich bete an die Macht der Liebe", ,,® heil'ger Geist, kehr bei uns ein", und was ich sonst noch an passenden Thoralmelodien auf meinem Instrumente spielen konnte. Es war ein wundervoller Übend. Eine balsamische Luft ward von den Ueckern und von dem Walde her emporgetragen, in dem alten Gemäuer zirpten die Grillen, durch das Ulsenz- tal rollte ein Zug, stiller und stiller wurde es im Dorfe. Uls der Mond aufgegangen war, blies ich das Lied: „Guter Mond, du gehst so stille an dem Ubendhimmel hin." Dann, als der Nachtwind stärker und stärker wurde, nahm ich meine Trompete unter den Nrm und ging nach Hause, um traumlos und tief in den nächsten Morgen hineinzuschlafen.
6 .
Ich war gern in die Schule gegangen, und das Lernen hat mir nie Mühe gemacht, dennoch war ich jetzt froh, der Schule entwachsen zu sein. Nls ich nach meiner Konfirmation zum erstenmal wieder morgen; um 7 Uhr das Schulglöcklein läuten hörte und nun seinem Kufe nicht zu folgen brauchte, da dünkte ich mich schon, ein erwachsener, selbständiger Mann zu sein. Uber ich fand bald, daß das Leben der Arbeit, das jetzt für mich angehoben hatte, doch auch nicht lauter Freiheit und Freude war. Mit dem Vater und dem Bruder Fritz ging ich zunächst in den Wald, wo wir Ninden schälten. Frühmorgens um 4 Uhr mußte allemal aufgestanden werden, und wenn wir zu unserem Hoftore hinausgingen, war ich meist noch so müde, daß ich mit den Füßen unsicher hin und her tappte. Ts war ja ein schönes Leben im Walde. Die Holzmacher, die mit uns arbeiteten, waren lustige Gesellen und wußten viel Interessantes zu erzählen. Namentlich, wenn sie Geld hatten, waren sie guter Dinge. Einmal hatten sie sich gemeinsam ein Fäßcken Bier gekauft und tranken e; im Walde bei der heißen Arbeit. Buch der alte Forstwart Greb von dem Forsthause Notenstein, der so leicht einem Freitrunk nicht aus dem Wege ging, trank mit. Gerade sang die ganze Gesellschaft das Lied „Noch ist Polen nicht verloren", da rief einer: „Der Gberförster kommt". Und richtig, man hörte von einem benachbarten Waldwege her den hufschlag eines Pferdes. Da jammerte Greb einmal um das anderemal: „Ihr Männer, ich komme um mein Brodchen, ich komme um mein Brodchen." Uber da der Dberförster zuerst von seinem Pferde absteigen
und dieses an einen Baumstamm binden mußte, bevor er an die Stelle kommen konnte, wo wir arbeiteten, so fand sich Gelegenheit, Faß und Gläser rasch verschwinden zu lassen, und Greb behielt einstweilen noch sein „Brodchen". Fehlte es somit beim Nindenschälen und holzmachen nicht an ergötzlichen Zwischenfällen, so war der Arbeitstag doch entsetzlich lang; von morgens 4 bis abends 7, das will bewältigt sein. Als wir mit dieser Arbeit fertig waren, kam die Heuernte. In dieser Zeit wurde mir auch nichts geschenkt. Abends war ich so müde, daß ich mit den Kleidern auf mein Bett sank und mich erst auszog, wenn ich zwei Stunden später wieder erwachte, weil meine Lage meist lag ich quer über de m Bett zu unbequem war.
Bald aber merkte ich, daß für mich zu Hause keine Gelegenheit war, etwas Nechtes zu leisten. Als die Heuernte zu Ende war und wir weder im Feld noch im Wald viel zu tun hatten, sagte mein Vater zur Mutter: „Es wäre doch gut gewesen, wenn wir den Peter ein Geschäft hätten lernen lassen." Nun fingen wir an, in der ganzen Nmgegend bei den Handwerksmeistern anzufragen, ob sie keine Stelle für einen Lehrling hätten. Glasermeister Kilp konnte mich noch immer nicht brauchen. Beinahe wäre ich nach Gau-Grehweiler zu einem Schreinermeister gekommen, aber die Sache zerschlug sich, weil den Eltern das Lehrgeld zu hoch war. Ein andermal standen wir in Verhandlung mit einem Steinmetzmeister in Alsenz. In zwei Tgen sollte schon der Lehrvertrag abgeschlossen werden, da machte Dr. Walter aus Nockenhausen einen Strich durch die Nechnung. Als er davon gehört, welchen Beruf ich erwählen wollte, sagte er zu meinem Vater: „Um Himmelswillen, Hannes, laß deinen Buben nicht Steinhauer werden. Vas ist ein ungesundes Geschäft. Den feinen Staub einatmen, das kann nicht jeder vertragen. Lieber behalte ihn bei dir zu Hause und laß ihn im Feld und im Wald arbeiten, es gibt ja keine gesündere Luft als hier am Donnersberg." wieder ein andermal hätte ich nach Kaiserslautern zu einem Schneider in die Lehre kommen können, aber dagegen wehrte ich mich mit Händen und Füßen, woher die törichte An- schauung gekommen ist, weiß ich nicht, jedenfalls hält man in meiner Heimat von einem Geschäfte, zu dem keine besondere Körperkraft nötig ist, nickt viel. Kesselflicker und Siebmacher wäre mancher Junge schon geworden, aber Schneider zu werden, das ging, wie er meinte, gegen seine Ehre. Die Schneider, die es in unseren Dörfern gab, waren in der Tat auch keine Künstler. Bei den Kitteln und Hosen, die sie für die Buben machten, konnte man nie mit völliger Bestimmtheit sagen, was vorn und was hinten sei und die Kirchenröcke, die sie für die Männer machten, wiesen auf dem Nücken Falten auf, die so groß waren wie Ackerfurchen.
Nus dieser unbehaglichen Lage errettete mich die Alt- petcr-Lene. An einem Sonntagnachmittag, da ich bei meinen Eltern im wohnzinrmer saß und wir gerade wieder über Meine Berufswahl sprachen, kam sie in unser Haus, setzte sich auf einen Stuhl, der in der Nähe des Gfcns stand, und fing an, herzbreckend zu schluchzen.
„Ist dir etwas passiert, Lene?" fragte mein Vater.
Lene schüttelte den Kopf und machte weiter „hu hu".
,.Baben deine Kinder aus Amerika geschrieben?" meinte die Mutter.
wieder Kopfschlltteln und neues Schluchzen.
Der Vater, der das gefühlvolle Wesen der Lene kannte, die über alle Dinge weinen konnte, die sonst keinen Menschen betrübten, stand auf und wollte das Zimmer verlassen. Er hatte schon früher gesagt, das Schwätzen der Lene sei ihm in


