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Nr. 9. Gieren, Sonntag Reminiszere, 8. März 1914. 3. Jahrgang.

Zwei Lebenswege.

2. Brief des flpoftels Paulus an die Korinther 6, 1 —10. lvir ermahnen aber euch als Mithelfer, datz ihr nicht vergeblich die Gnade Gottes empfanget. Venn er spricht: Ich habe dich in der angenehmen Zeit erhöret und habe dir am Tage des Heils geholfen. Sehet, jetzt ift die angenehme Zeit, jetzt ift der Tag des Heils Und wir geben niemand irgend ein Aergernis, auf daß unser Amt nicht verlästert werde, sondern in allen vingen beweisen wir uns als die Diener Gottes, in großer Geduld, in Trübfalen, in Nöten, in Aengften, in Schlägen, in Gefängnissen, in Aufruhren, in Arbeit, in Wachen, in Lasten, in Keuschheit, in Erkenntnis, in Langmut, in LreundliGkeit, in dem heiligen Geht, in ungefärbter Liebe, '.. uem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, durch Waffen der Gerechtigkeit zur liechten und zur Linken, durch Ehre und Schande, durch böse Gerüchte und gute Gerüchte, als die Verführer und doch wahrhaftig, als die Unbekannten und doch bekannt, als die Sterbenden, und siehe wir leben, als die Gezüchtigten und doch nicht ertötet, als die Traurigen, aber allezeit fröhlich, als die Armen, aber die doch viele reich machen, als die nichts innehaben und doch alles haben.

Meder sind wir in die Passionszeit eingetreten, jene be­sinnlichen Wochen, die uns das Verständnis für das große Karfreitag-Geheimnis erleichtern sollen. Wirkliche Lehnsucht danach wird freilich nur der schon von Lhristus erfaßte Mensch empfinden können. Gerade an solche Menschen wendet sich aber auch Paulus im vorliegenden Gert, wenn er seine Leser warnt, „nicht vergeblich die Gnade Gottes empfangen zu haben" oder wenn er sie an die Erfüllung des alten Jesaiaswortes (49, 8) von der „angenehmen Zeit, dem Tage des Heils" erinnert, die natürlich nur die für Nichtchristen unverständliche Lpanne zwischen der Auferstehung Jesu und der Endwiederkunft des Herrn bedeuten kann. Lo gilt denn das Paulus-Wort auch in vollem Umfang noch uns heutigen Thristen, die wir uns alle als seine „Mitarbeiter" betrachten sollten. Und da stellt er uns in der Passionszeit vor die Frage, welchen der zwei Lebens­wege wir einschlagen wollen, den des bloß irdischen Erfolges oder den des Ewigkeitsberufs. Wie letzterer durchschnittlich verläuft, das zeigt uns der Apostel in geradezu erschütternden Aufzählungen an seinem eigenen veispiel; und man kann ge­trost sagen, die Stationen dieses Lebensweges sind dar aus­gesprochene Gegenteil von denen, die man bei der Ltufcnleiter irdischen Erfolges sich wünscht und ersehnt: Trübsal, Nöte und Acngste Leibes und der Seele in mannigfachster Abwechslung und Steigerung, mit dem Schluß, daß wir dastehen, „als die nichts haben". Noch wundersamer ist, was der Apostel trotz

dieses äußeren Lebensbankerotts bei uns voraussetzt: große Geduld, Langmut und Freundlichkeit, ungefärbte Liebe, ver­kannt, verleumdet, geschmäht, ausgestrichen aus allen Listen irdischer Ehren, schier zu Tode gehetzt, und doch allezeit fröh­lich, dastehend im Schmuck des Lebens und der Kraft Gottes, „als die doch alles inne haben." - Paulus wählte die vei- spiele, die er bringt, aus den Erfahrungen seiner Zeit. Mancher Schrecken jener Tage mag sich in unserem zwanzigsten Jahr­hundert gemildert haben, wiewohl auch Hunderten von Vor­kämpfern iu der Heide,lwelt noch heute wörtlich jene düs.eien Gefahren drohen. Aber das Line bleibt gewiß: Jede Zeit hat ihre schweren Fährnisse und Versuchungen, äußere und innere Kämpfe, in denen sich der Ehrist von heute genau so zu be­währen hat, wie Paulus und seine Mithelfer in jenen fernen Tagen der ersten Ehristenheit. Und dabei wird es bleiben, so lange Menschen über die Erde wandern. Venn unser ganzes Leben ist, in seiner Fülle erfaßt, weiter nichts als die große Entscheidung, die wir für uns zu wählen haben: Bloß irdischen Erfolg oder Ewigkeitsberuf, Materialismus oder Thristus, vegetieren oder leben. Sn dem großen Entweder-Oder, Staub­geborene oder Kinder Gottes sein zu wollen, begreift sich der Sinn des Lebens, spielt sich das gewaltige Menschheitsdrama ab. Und wohl denen, die sich auf dem Lebenswege empor­gerungen haben zu der hohe derer im Sinne des Paulus, „als die nichts haben und doch alles haben!"

Lhrifti ttreuz — unser kreuz.

Tv. Luk. 18, II. 33. 34.

Willst du das tiefe Wort verstehen, vann darfst du nicht im Glücke sein,

Dein Aug' nicht lauter Nosen sehen Und nur des Lebens Sonnenschein,' vann mußt du auch die vornen kennen, Vas, was wir Trübsal, Leiden nennen, Und still in deiner Passion Zum Kreuz aufschau'n zu Gottes Sohn. —

vem Heiland, der so viel gelitten Geduldig, ohne Klageschrei,

Und standhaft für dich hat gelitten, vaß leichter deine Last dir sei,