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Nr. 7. Giehen, Sonntag Estomihi, 22. Februar 1914. 3. Jahrgang.

Winter.

Psalm 74, 17. Sommer und lvinter machest du.

Die muntre Melle ist zu dis erstarrt. So wurde manches Herz auch hart im Frost der Ivelt. Es scheint, als ob es schliefe, doch heimlich rinnt und rieselts in der Tiefe." So sagt ein sinniges Mort, das einer Seele entsprungen ist, die in den Er­scheinungen der Natur Gleichnisse auf das Menschenleben ge­sehen hat. Mir wissen, wer in dieser Kunst der unvergleich­liche Meister gewesen ist, nämlich derjenige, der mit Pflanzen und Vögeln auf so vertrautem Fuße stand, daß sie ihm in ihrer Sprache die Geheimnisse des Himmelreiches offenbarten. Wenn er in unseren Breiten gelebt hätte, dann wäre ihm wohl auch die Sprache des Mintereises, dieses frostigsten Elements, nicht verborgen geblieben, und es wäre wohl auch ein dem obigen ähnliches Mort in die Bibel gekommen. Und auch das dürfen wir glauben, daß die Morte seines Evangeliums mit demselben Feuer durch die nordischen Schneelandschaften gelaufen wären, wie über die heißen Steppen Palästinas. Das Leben läßt sich nicht umbringen, auch wenn des Frostes Starrheit metertief in das Erdreich eingedrungen fein sollte. Ganz heimlich rinnt und rieselts in der Tiefe. So gibt es Menschen, die scheinen an der Minterseite des Lebens geboren zu sein. Ihr Benehmen stellt sich als Kälte und Fühllosigkeit dar. Wenn sie von dem Unglück von Mitmenschen hören, dann gehen sie darüber mit anscheinender Gleichgültigkeit hinweg. Im Verkehr mit an­deren ist der Rrgwohn ihr oberster Grundsatz,' sie lassen sich nicht herbei, einem Freunde ihr Herz zu öffnen oder einer mit­teilenden Rede zu lauschen. Kalt und unberührt von den menschlichen Geschicken gehen sie ihren Meg durchs Leben, so- daß schließlich die Umwelt auf den Gedanken kommt, sie seien nicht wie andere, sie haben einen Stein in der Brust. Und doch treten auch bei solchen Menschen Rugenblicke auf, wo es sich zeigt, daß es in der Tiefe doch rinnt und rieselt. Es muß nur die rechte Stelle berührt werden, an der ihr Herz empfindlich ist, und es offenbart sich plötzlich ein Leben, das niemand für möglich gehalten hätte. Der liebe Gott weiß, wo er auch solche Herzen zu packen hat.

Betrachtet man das Gebiet unseres religiösen Lebens, so scheint unsere sogenannte gebildete Melt in dem Zustand der Starrheit zu liegen. Sie scheint kein höheres zu kennen, als den Glaubensansprüchen Nichtachtung und Zurückweisung zu­

teil werden zu lassen. Der Glaube wird vielfach als eines ge­bildeten Mannes nicht würdig angesehen. Und doch wissen wir: es rinnt und rieselt auch da in der Tiefe. Eine falsche Scham hält die gebildete Weit nur zurück, die Lebensströme an die Geffentlichkeit dringen zu lassen. Wann wird das Eis brechen? Wann wird es Frühling werden ? K. G.

Lin paar neuere Znschriftenfunde.

Zahlreiche Inschriften auf Stein und Metall sind uns aus dem Rltertum erhalten geblieben und dienen uns als wichtige (Quellen für die Kenntnis der alten Geschichte und Kultur. Fast täglich fördern die Rusgrabungen neues Inschriften­material zu Tage, das der Altertumsforscher mit gespanntester Erwartung zu entziffern sich bemüht, um daraus neue Ruf­schlüsse, neue Erkenntnisse oder doch wertvolle Ergänzungen und Bestätigungen für seine Wissenschaft zu gewinnen. Ruch die neutestamentliche Wissenschaft hat der Epigraphik schon manchen wichtigen Beitrag zu verdanken, von ein paar in­teressanten Inschriftenfunden der Rrt aus neuerer Zeit wollen die folgenden Zeilen dem Leser berichten.

Die berühmte, in allerjüngster Zeit wieder besonders viel besprochene Rreopagrede (Rpostelgesch. l7, 22 ff.) geht aus von der Gottesfurcht der Rthener, die sich in ihren zahlreichen Heiligtümern zeige, und speziell von einem Rltar, der die In­schrift trageEinem unbekannten Gott" <so ist zu übersetzen, nichtDem unbekannten Gott"). Schon die Kirchenväter, die diese Stelle erklärten, haben dazu bemerkt, Paulus habe hier geändert", er habe die Einzahl für die Mehrzahl eingesetzt, um daran besser die Verkündigung seines den Rthenern bis­her noch unbekannten wahren Gottes anknüpfen zu können. Und in der Tat haben wir kein Zeugnis dafür, daß es solche Rltäre mit der RufschriftEinem unbekannten Gott" im Rlter- tum gegeben hat, wohl aber wird uns wiederholt von Rl- tärenunbekannter Götter" berichtet. Solche habe es z. 8. im phaleron, einem Hafen Rthens, und in dem großen Heilig­tum des Zeus in Glpmpia gegeben. Erhalten geblieben ist uns, soweit wir bis jetzt wissen, nur ein Marmoraltar mit dieser Weihung. Er wurde 1 909 in Pergamon in Kleinasien gefunden in dem heiligen Bezirk der Göttinnen Demeter und Kore, deren Kult hier im zweiten Jahrhundert v. Ehr. einen