Nr. 6. Gießen, Sonntag Sexagesimä, 15. Februar 1914. 3. Jahrgang.
Zugend von heute.
Psalm 119, 9. wie wird ein Jüngling seinen Weg unsträflich gehen?
Wenn er sich hält nach deinen Worten.
Seit mehreren ITionaten sieht man durch die belebten Straßen deutscher Städte Jünglinge gehen, die den Hut in der Hand tragen und auch durch strenge Winterkälte sich nicht bewegen lassen, ihr Haupt zu bedecken. Man weiß zunächst nicht recht, warum sie das tun. Tun sie das aus Gesundheitsrücksichten? wir haben in unseren Tagen Gesundheitsfanatiker genug, die mit ängstlicher Behutsamkeit für die Gesundheit ihres Körpers mehr sorgen als für die Gesundheit ihrer Seele und alle Welt zwingen wollen, sich ihrer Ansicht über Pflanzen- oder Milchkost und über den Nutzen der wollkleidung anzuschließen. Line Jugend, die es der grämlichen Hypochondrie gleichtut und ewig sich um ihre Gesundheit sorgt, könnte uns leid tun. Da müßte man sich fragen: werden die, die heute den Hut in der Hand tragen, einmal viele Stunden, ja Tage lang einen Helm tragen können, werden sie, wenn das Vaterland ruft, Hunger und Durst, Strapazen, Unbequemlichkeiten und die Unbilden der Witterung ertragen können? Uber e; scheint, daß Gesundheitsrücksichten hierbei nicht in Betracht kommen. Nichts als die liebe Eitelkeit ist der treibende Grund; denn auffallend ist das gespreizte Wesen, das die Barhäuptigen zur Schau tragen. Sie tun ungeheuer wichtig, fühlen sich als Herren der Situation, sind sich bewußt, im Mittelpunkte der Beachtung der Umwelt zu stehen. Sie wollen beachtet sein, und da man das nicht immer durch positive Leistungen, durch gute Schulzeugnisse, durch Strebsamkeit in der Rr- beit und Berufsausbildung erreichen kann, so gefällt man sich in einem Tun, das die Lachlust eines jeden natürlich Empfindenden weckt.
Die Jugend ist eine schöne Zeit. Noch steht der Mensch nicht im harten Kampfe um die Existenz, noch sorgen andere für ihn, noch blüht ihm das Leben, noch ist sein Herz voll von Idealen. Uber nicht alle junge Menschen wissen von ihrer Jugend den rechten Gebrauch zu machen, viele unter ihnen sind von unleidlichem Hochmute erfüllt. Die Jungen sind es, die die scharfe Kritik an dem Lebenswerk der Uelteren üben, die dreiste Worte gegen die reden, die unter bitteren Lebenskämpfen Werke geschaffen haben, die vielen zugut kommen. Sie laufen Sturm gegen das Ulte, Bewährte, Verdienstvolle;
in ihren Reihen sind die unpraktischen Weltverbesserer und Reformer zu suchen. Und eins darf nicht vergessen werden, so hart es klingt: Verhängnisvolle Taten, über die sich die Welt entsetzt, werden zumeist von den Jungen begangen, die noch nicht erkannt haben, daß die Sünde nichts als Elend im Gefolge hat.
Die heutige Jugend ist gewiß nicht schlechter als die der vergangenen Jahrzehnte, aber ihr schadet es, daß man so viel aus ihr macht. Einst hieß es — und das ist ein echt biblischer Grundsatz —, daß das Ulter regieren und die Jugend gehorchen und sich bescheiden zurückhalten soll, bis sie selbst erfahren und lebenstüchtig genug ist, um anderen die Wege zu zeigen, heute soll die Jugend sich ausleben und sich selbst erziehen. Die männliche und weibliche Jugend soll längst vor der Zeit, da der Eharakter gefestigt ist und da Geist und Gemüt über einen gewissen Besitz verfügen, im öffentlichen Leben hervortreten. Die Bestrebungen, die man heute unter demRamen „Jugendpflege" zusammenfaßt, sindgewiß segensreich, und die Männer, die sich diesen Bestrebungen widmen, verdienen alle Rnerkennung, aber mit Jugendpflege kann man nicht alles machen. Im letzten Grunde wird hierdurch nur auf einen Mangel aufmerksam gemacht, nämlich darauf, daß das Elternhaus in unseren Tagen versagt, was Luther, Goethe und Bismarck geworden sind, das wären sie gewiß nicht durch Jugendvereine geworden, wenn es in ihrer Jugend schon solche gegeben hätte. Gerade die tüchtige Jugend will nicht immerdar am Gängelband geführt werden, sondern sucht in der Rnlehnung an große Muster und im Gehorsam gegen ihre Erzieher sich den weg selber.
Das nur wird immer eine gesunde Jugend sein, die sich nach dem Gotteswort richtet, daß ein Jüngling dann seinen weg unsträflich geht, wenn er sich hält an Gott. Besonders in der Jugendzeit braucht der Mensch einen festen halt, den halt, den ihm Gottes Gnade darbietet, wer diesen halt hat, der bemüht sich auch, Gottes willen zu erfüllen. Er führt den Kampf mit der eigenen Sünde, er arbeitet an sich selbst, um mit jedem Tage reiner, besser und reifer zu werden, und hat ein Rüge dafür, daß man sich durch anmaßendes Wesen weder Freundschaft noch Rchtung erwirbt, sondern nur durch ernsthaftes Streben vorankommt. h. B.


