Nr. 5. Bietzen, Sonntag Septuagesimä, 8. Februar 1914. 3. Jahrgang.
Der Kampf um den Glauben.
1. Brief bes flpojtels Paulus an bie Korinther 9, 24-27. TOijfet ihr nicht, batz bie. so in ben Schranken lausen, bie lausen alle, aber nur einer erlanget bas Kleinob. Ein jeglicher aber, ber ba kämpfet, enthält sich alles Dinges; jene also, baß sie eine vergängliche Krone empsahen, wir aber eine unvergängliche.
Es läßt sich kein Ziel, auch nicht das bescheidenste, in äußeren Dingen und im Beruf, es läßt sich keine Grundlage für eine wissenschaftliche Ueberzeugung, für irgend eine Lebens- oder Weltanschauung erreichen, ohne den Willen dazu. Und wenn bei all diesen Dingen, so verschiedenartig sie sind, irgend etwa Gescheites, etwas Gefestetes, Bleibendes herauskommen soll, muß sich zum Willen die Tatkraft gesellen, muß Energie vorhanden sein. Kein vernünftiger wird dies für fast die gesamten Lebensgebiete bestreiten; die schlichteste Erfahrung lehrt es ja. Bur Gott und dem Göttlichen, dem Heiland und dem Evangelium, dem Ueberweltlichen und Religiösen gegenüber glaubt man anders verfahren zu können. Ulan verschanzt sich da hinter den „Glauben", der nicht jedermanns Ding sei, wobei man unter „glauben" überdies noch ein möglichst verwässertes „für wahr halten" versteht, und redet sich damit heraus: „Ich möchte ja ganz gern glauben, ich kann nur leider nicht." Nein, mein Lieber, du willst einfach nicht! Du denkst, das höchste, was es überhaupt für das Menschen- dasein gibt, das Erleben Gottes, müsse dir gedanken- und mühelos im Schlaf beifallen; du hast keine Energie aufs Göttliche hin! Dabei ist die Busrede mit dem „nicht glauben können" noch besonders eitel Gerede. Ruf allen Gebieten des Geistes, der Wissenschaft wie der Lebens- und Weltanschauung, ist Glauben die unerläßliche Vorbedingung. Denn bei allen Disziplinen der Wissenschaft wie allen Systemen der Philosophie kommst du an eine Grenze, wo das Wissen aufhört und an deren Stelle die Voraussetzung, das Rxiom (in der Mathematik der nicht mehr beweisbare „Grundsatz"), die Prämisse, die Theorie tritt. Ohne sie ist kein physisches noch logisches Gesetz denkbar, auf sie ist alles gegründet, daher der Mensch recht eigentlich ein Glaubenswesen ist. Der Monist und Rlheist muß so gut glauben wie der Pantheist und Ehrist. Und nicht bloß beim Christen, sondern bei ihnen allen hängt die ganze Energie ihrer Ueberzeugung ab von der Energie ihres Glau- benwollens, Paulus hat in seiner heute vorliegenden wunder
vollen Stelle über die Energie aufs Göttliche hin die überzeugende parallele direkt dem — Sport mit seinem „Training" entnommen, wie er den Uorinthern von den weltberühmten Wettspielen auf dem Isthmus von Korinth besonders bekannt war und uns Modernen wieder besonders vertraut geworden ist. Und zugleich hat er damit das innerste Lebenselement auch aller echt evangelischen Energie verraten, die Selbstverleugnung. Es ist ergreifend, wie er in den vorausgehenden Kapiteln den Weg dazu beschreibt: Verzichtleistung auf Rechte, auf die er in der Gemeinde durchaus Rn- spruch hätte, Verzichtleistung selbst auf das, was er als das höchste des durch Jesus Gewonnenen preist, auf die Freiheit des Ehristenmenschen. Und dies alles, „um des Evangeliums willen, auf daß ich seiner teilhaftig werde". Darum weg mit der Phrase: Ich kann nicht glauben; sage dem, ders behauptet, mutig ins Gesicht: „Nein, du willst bloß nicht! Und warum nicht? Weil dir des Paulus Energie nicht gefällt: „Für einen ew'gen Kranz dies arme Leben ganz!""
Gietzen im ZOjährigen Kriege.
(Schluß.)
Die Schilderungen des leider unbekannten Verfassers, die wir in Ur. 2—4 des „Sonntagsgrußes" zum Rbdruck gebracht haben, geben ein anschauliches, wahrheitsgetreues Bild von den Drangsalen, die im ZOjährigen Kriege über die Stadt Gießen und ihre Nachbarschaft gekommen sind. Was wir hier vernehmen, das stimmt ganz mit dem überein, das aus anderen Teilen Deutschlands berichtet wird, namentlich mit dem, was Gustav Freytag uns in seinen „Bildern aus der deutschen Vergangenheit" in so fesselnder Form mitteilt. Eine Tatsache ist besonders bemerkenswert. Im ganzen verlaufe des Krieges ist die Stadt Dießen nicht ein einziges Mal von einer feindlichen Nrmee eingenommen worden. Mithin müssen sich ihre Festungswerke damals in gutem Zustand befunden haben, und ihre Besatzung tat allezeit ihre Schuldigkeit, hochinteressant ist die Schilderung der Belagerung der Stadt durch die Schweden im Jahre 1646 und ihre Errettung durch eine Naturkatastrophe. Wer denkt, wenn er das liest, nicht an die Errettung der Stadt Jerusalem von einer Belagerungsarmee, wie sie uns Psalm 46 in so ergreifender Weise schildert. Die


