Nr. 4. Gießen, 4. Sonntag nach Epiphanias, 1. Februar 1914. 3. Jahrgang.
Untertanenpflichten.
Blies des Apostels Paulus an die Börner 13, 1 — 5, jedermann sei untertan der Dbrigkeit, die Gewalt über ihn hat, Venn e; ist keine Dbrigkeit ohne von Gott; wo aber Dbrigkeit ist, die ist von Gott verordnet wer sich nun wider die Dbrigkeit sehet, der widerstrebet Gottes Drdnung; die aber widerstreben, werden über sich ein Urteil empfahen, Venn die Gewaltigen sind nicht den guten Werken, sondern den Bösen zu fürchten, willst du dich aber nicht fürchten vor der Dbrigkeit, so tue Gutes, so wirst du tob von derselbigen haben, Venn sie ist Gottes Dienerin dir zu gut. Tust du aber Böses, so fürchte dich: denn sie trägt das Schwert nicht umsonst, sie ist Gottes vienerin, eine Uächerin zur Strafe über den, der Böses tut, varum ijt’s not, untertan zu sein, nicht allein um der Strafe willen, sondern auch um des Gewissens willen,
Sn dieser Woche haben wir den Geburtstag unseres Kai- sers gefeiert. Gerade in diesem Jahre nimmt das deutsche Volk an allem, was sich auf seinen Kaiser bezieht, lebhaften Anteil,' denn durch Gottes Gnade konnten wir im vergangenen Sommer den Tag feiern, an dem der Kaiser vor 25 Jahren den Thron seiner Väter bestiegen hat, feiert man schon den Tag, da der Privatmann und der schlichte veamte ein Vierteljahrhunderl ersprießlicher Tätigkeit hinter sich hat, so ganz gewiß den Tag, da der Herrscher eines mächtigen Staates auf 25 Jahre der Regierung zurücksieht, Lin Fürst ist in unseren Tagen viel mehr der Kritik ausgesetzt als in alter Zeit, Friedrich der Große hat es nicht erlebt, daß seine Regierungsmaßnahmen Gegenstand der Debatte in der Deffentlichkeit gewesen sind. Was dagegen Kaiser Wilhelm getan und al; seine Meinung kundgetan hat, hat Parlamenten, Zeitungen und Rächern Stoff zu eingehender, nicht immer liebevoller Diskussion gegeben, Rber unser Kaiser braucht keine Kritik zu fürchten, Lr hat stets das Reste mit seinem Volke gewollt, er hat oftmals unter schwierigen Umständen — den Frieden erhalten, er hat der Kunst, der Wissenschaft, dem Handel, dem Rckerbau und der Industrie wertvolle Rnregungen gegeben. Die Geschichtswissenschaft wird sicher in der Zukunft klarlegen, daß seine Verdienste weit größer sind, als die meisten unter uns heute ahnen, Rndere Völker, wie die Franzosen und die Engländer, beneiden uns um unseren Kaiser und um die lebendigen Wirkungen und Rnregungen, die von ihm ausgehen, Kaiser Wilhelm ist nun 55 Jahre alt, längst liegt die Jugendzeit hinter ihm, Rber, wie auch für ihn die Jahre
dahinschwinden, die Liebe seines Volkes schwindet nicht dahin, von einem Jahre zum andern verbindet ein immer festeres Rand, das Rand der Treue und der Verehrung, das Volk mit seinem Herrscher,
Der Kaiser ist der erste Vertreter der Dbrigkeit, Da mag es sich aus Rnlaß seines Geburtstages geziemen, einmal von den Pflichten zu reden, die wir der Dbrigkeit gegenüber haben. Die vorliegende Stelle bringt des Paulus berühmtes Wort über die Pflichten des Thristen der Dbrigkeit gegenüber, Das ist ein großes und schwieriges Kapitel, welches, will man es in seiner ganzen Tiefe erfassen, den Raum dieser kurzen Retrachtung weit überschreiten würde. Immerhin seien einige Rndeutungen grundsätzlicher Natur gestattet, politische Ratschläge will der Rpostel nicht erteilen. Tr faßt das Gbrig- keitsproblem bei seiner tiefsten Wurzel an und stellt den Fundamentalsatz auf: Die Dbrigkeit ist eine Ordnung Gottes, Damit macht er sie unabhängig von der Parteien Streit und Lärm, Und seine Ruffassung deckt sich mit der eines weit höheren: mit derjenigen des Heilandes selbst, Rls Pilatus zu diesem sagt: „Weißt du nicht, daß ich Wacht habe, dich zu kreuzigen, und Macht, dich loszugeben?" erwidert er: „Du hättest keine Macht über mich, wenn sie dir nicht wäre von oben herab gegeben!" Rn der Grundstellung, daß alle Dbrigkeit eine Grd- nungGottes, ist also unbedingt sestzuhalten, Rberpaulus schiebt mit seiner Forderung an die Untertanen auch aller Obrigkeit eine überaus hohe Verantwortung zu: sie muß sich selbst bewußt bleiben, daß sie eine Ordnung Gottes ist. vergißt sie es dennoch, so ist des Paulus Rat noch in ganz anderem Sinne, als er hier im Zusammenhang gemeint ist, von ausschlaggebender Redeutung: „Willst du dich aber nicht fürchten vor der Dbrigkeit, so tue Gutes," — auch selbst dann, fügen wir in unserm Sinn hinzu, wenn du dafür nicht Lob von ihr haben wirst. Das wird in Gewissenskonflikten der Dbrigkeit gegenüber jedenfalls stets ein wahrhaft befreiender Weg sein. Diese Forderung, welche in allen Lebenslagen auf dem Weg des Rechten erhält, ist zugleich der Rusfluß einer letzten, höchsten Uorm, somit auch der Dbrigkeit gegenüber, Rber freilich, um eben deswillen darf sie nun nicht gleich zu einer oberflächlichen Reschwichtigung und Rusrede des Gewissens in schwierigen Fällen werden, sondern sie greift nur dann Platz, wenn es sich auch im politischen Leben um höchstes und Letztes


