— 9—
noch lange unter der politischen und wirtschaftlichen Leitung der Weißen stehen. Die Industrieländer können auf die Rohstoffe nicht verzichten, eben⸗ sowenig auf den Absatz der Industriewaren in diesen Gebieten.
Die Lage für eine gesunde Volksvermehrung ist somit in den west⸗ europäischen Industriestaaten vor allem wegen der Raumfrage kritisch. In allen anderen Gebieten ist noch Raum innerhalb der Staatsgrenzen vor⸗ handen, wenn auch teilweise die einzelnen Völker oder die Staaten infolge geringer Kultur nicht oder nicht ganz in der Lage sind, die entsprechenden Intensivierungen vorzunehmen.
Zu den In dustriestaaten gehört auch das Deutsche Reich. Die Grundbedingungen für die Industrie, Kohle und Eisen, waren nach der Einigung des Reiches 1871 innerhalb seines Staatsraumes vorhanden. Aber bei weitem nicht in allen Rohstoffen war das Reich autark oder sich selbst⸗ versorgend. Durch die Sparsamkeit und den Fleiß des Deutschen Volkes konnten die Mittel aufgebracht werden, die für den Aufbau einer Industrie notwendig sind. Durch Gediegenheit der Waren, durch Zuserlässigkeit des Handels wurden die Absatzgebiete gewonnen. In Tausenden von Erfin⸗ dungen zeigten sich geistige Begabung und der hohe Stand der deutschen Wissenschaft und Technik. Gleichzeitig wurde die Landwirtschaft in einer vorbildlichen Weise ausgebaut, so daß im Laufe eines Jahrhunderts mehr als das Doppelte aus dem heimischen Boden gezogen werden konnte. Nur durch diese Eigenschaften war es möglich, auf dem begrenzten Staatsraum eine gesunde Volksvermehrung sicherzustellen, die auch tatsächlich stattfand. Auf der Fläche des Deutschen Reiches, auf der um 18oo etwa 20 Mill. Menschen lebten, war die Zahl 1870 auf 40 Mill. angewachsen und 1914 auf 65 Mill., wovon etwa ein Drittel außenbedingt ernährt werden mußte. Die Ereignisse des Weltkrieges sind bekannt. Deutschland hatte seit 1871 sicher keine imperialistische Politik betrieben. Nachdem es die alten deutschen Gebiete Elsaß⸗Lothringens, die Frankreich in den Raubkriegen Ludwigs XIV. und seiner Nachfolger genommen hatte, wieder gewonnen hatte, hatte es in Europa keinerlei Ansprüche territorialer Art gemacht. Die Erwerbung der deutschen Kolonien in dieser Zeit war ein bescheidener Anspruch gegenüber den Gebieten, die Frankreich und England schon früher und gerade auch in dieser Epoche erworben hatten. Bescheiden waren aber die deutschen Erwerbungen nicht allein zu der Größe des Besitzes der anderen Mächte, sondern auch weil Frankreich in der Bevölkerung des Mutterlandes von 1870—1914 nur einen Bevölkerungszuwachs von 3,5 Mill. zu verzeichnen hatte, der noch hauptsächlich auf Zuwanderung beruhte, während das Deutsche Reich um 27 Mill. zugenommen hatte. Frankreich bedurfte sicher keiner Gebiete, um etwa einen Bevölkerungsüberschuß unterzubringen, denn es hat auch heute mit einer Bevölkerungsdichte von 76 je Quadratkilometer die innenbedingte Tragfähigkeit seines Landes noch nicht voll ausgenützt, da es ohne Außen⸗ ernährung eine Volksdichte von 97 je Quadratkilometer tragen könnte. Es steht gegen das Deutsche Reich in der Intensivierung seiner Landwirtschaft noch stark zurück. An Kolonialgebieten stehen ihm aber 11 Mill. Quadrat⸗ kilometer mit 60 Mill. Einwohnern zur Verfügung. Dabei hatte es sogar Mühe, die nötigen Menschen für seine Kolonien zu gewinnen. Großbri⸗


