tannien besitzt als Industriestaat im Mutterlande allerdings eine Ueber⸗ völkerung relativ zur heimischen Nährfläche, aber sein kolonialer Außenbesitz umfaßt 39 Mill. Quadratkilometer Fläche, das ist über ein Viertel der Land— fläche der Erde, mit 480 Mill. Einwohnern oder einem Fünftel der Gesamt⸗ bevölkerung der Erde. Unter diesem Außenbesitz befinden sich herrliche Sied— lungsgebiete der gemäßigten Zone, wie in Canada, Südafrika, Australien und Neuseeland, in denen weder die eigene Volksvermehrung noch die Einwan— derung die Volksdichte auch nur entfernt zu den Grenzen der Tragfähigkeit dieser Räume hatte anwachsen lassen. In den Tropen besitzt Großbritannien ausgedehnte Kolonien, durch die es mit Rohstoffen, Nahrungs- und Genuß⸗ mitteln aller Art reichlich versorgt werden kann. Rußland mit einem Staatsgebiet von 20 Mill. Quadratkilometer kann auf eigenem Boden seine Bevölkerungszahl nahezu verdoppeln, denn es ist in den Methoden des Landbaues noch stark rückständig. Die Vereinigten Staaten von Nordamerika besitzen in den 9s Mill. Quadratklm. ihres Landes fast alle Rohstoffe, dazu, wie Rußland, eine Menge Bodenschätze. Trotz einer relativen Uebervölkerung im Osten ließe sich bei voller Ausnützung der Nährfläche die Bevölkerung vervierfachen. Für unsere Gegner im Weltkrieg war es somit sicher kein Kampf um Lebensraum, denn diesen besaßen sie in innenbedingter oder außen⸗ bedingter Tragfähigkeit in reichlichem Maße. Das Deutsche Reich dagegen war im Verhältnis zu seiner Volkszahl damit am schwächsten ausgestattet. Das Versailler Diktat zeigte erst ganz ihr wahres Gesicht. Man nahm Deutschland einen großen Teil seiner wirtschaftlichen Subsistenzmittel. Mit am schwerwiegendsten in diesem Zusammenhang war der gesamte Verlust unserer Guthaben im Auslande und unserer Kolonien und die Wegnahme aller neuen Gewinne durch die Reparationen. Damit fehlten die Mittel zu Auslandseinkäufen, die Industrie war künstlich gedrosselt, und da wir mit einem Drittel unseres Volkes auf den Außenhandel angewiesen sind, blieben die Folgen nicht aus. Sie zeigten sich im Verfall der Währung, in Arbeits- losigkeit und Geburtenrückgang. Der Geburtenüberschuß betrug schließlich nur noch ein Viertel des Vorkriegswertes. Es schien fast so, als würden unsere Gegner ihr Ziel einer ständigen Abnahme unserer Volkskraft er⸗ reichen, ganz abgesehen davon, daß auch ein kommunistisches System, das sich in Deutschland anbahnte, ihren Wünschen entgegenzukommen schien. Zwar soll nicht verheimlicht werden, daß durch die widersinnigen und rigo— rosen Maßnahmen gegen das Deutsche Reich das so empfindliche Gebäude des Welthandels, das in jeder seiner Beziehungen rückbezüglich ist, stark ins Wanken gekommen war, nachdem man das Deutsche Reich in mannigfacher Beziehung daraus ausgeschaltet hatte. Aber die Siegernationen konnten diese Krisen doch eher ausgleichen, da ihnen finanzielle Reserven, Rohstoff⸗ reserven, Landreserven und dergleichen mehr zur Verfügung standen. An den Folgen des Versailler Diktats sieht man, welche Bedeutung für einen Industriestaat die Wegnahme des Außenlebensraumes hat, worunter Kolo⸗ nien, Guthaben, Nahrungsmittel, Rohstoffe, Märkte usw., kurz alles zu⸗ sammengefaßt sein soll, was der Wirtschaft unseres Landes dient und nicht in ihm selbst verankert ist. Durch diese außenbedingte Zufuhr in Verbindung mit unserer geographischen Lage war ja überhaupt nur eine Blockade mög⸗
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Schriften der Ludwigs-Universität zu Gießen
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