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Schriften der Ludwigs-Universität zu Gießen
 
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zu den Agrarstaaten, besonders in England, Frankreich, Preußen. Unter den Kolonialländern wuchs die Bevölkerung im Osten der Vereinigten Staaten durch Industrialisierung Ende des 19. Jahrhunderts stark an, während sie in den übrigen Gebieten Nord- und Südamerikas nur langsam anstieg, ebenso in Australien. Aber auch China, Indien vermehrten unter den Ein⸗ flüssen des Welthandels und einer Intensivierung des Ackerbaues ihre Be völkerungszahl noch wesentlich. In Java stieg unter der Leitung hollän discher Kolonisation die Bevölkerung von 1800, wo sie 3 Mill. betrug, heute bis auf 42 Mill.

Da die Verhältnisse des Bodens und des Klimas in dem betrachteten historischen Zeitraum als gleichbleibend angesehen werden können, spielen sie bei den Aenderungen der Bevölkerungsdichte gar keine Rolle. In Aegypten z. B. betrug die Bevölkerung nach Mommsen?) im ersten Jahrhundert zur Zeit Vespasians(69 70) 8 Mill. Sie ging bei der gleichen Ackerfläche und der gleichbleibenden Bewässerungsmöglichkeit bis 1800 auf 2, Mill. zurück und stieg Mitte des 19. Jahrhunderts auf s Mill., um bei der letzten Zählung rund 16 Mill. auszumachen, nachdem die Bewässerungsan⸗ lagen vergrößert worden waren. Man spricht in Fällen des Rückgangs von einem Verfall der Kultur. Ganz wesentlich sind aber meines Erachtens jeweils Verfallserscheinungen im Volkskörper die letzte Ursache, die natür⸗ lich neben anderen auch politische Ursachen haben können. Der Welthandel mit großen Mengen Nahrungsmittel- und Rohstoffumsatz beginnt erst mit der Industrialisierung zu Mitte des vorigen Jahrhunderts, und erst damit steigen die Bevölkerungen einzelner Staaten über den eigenen Nahrungs⸗ spielraum ihres Landes wesentlich hinaus. Auch vorher gibt es Beispiele einer zusätzlichen Nahrungseinfuhr, wie die Getreideeinfuhr für die Stadt Rom oder die Einfuhr von Stockfischen von Skandinavien nach Portugal, die seit dem 14. Jahrhundert im Gang ist. Aber trotzdem sich diese Beispiele ver mehren lassen, muß man doch feststellen, daß ein prozentual großer Teil der Bevölkerung eines Landes in früheren Jahrhunderten nicht außenbürtig ernährt werden konnte. Dafür fehlte es am Ueberschuß in der Erzeugung, an Transportmitteln, an Austauschgütern und ähnlichem. Erst der Weltver⸗ kehr, die Dampfkraft, die Industrie brachten hier den Wandel, der die Be völkerung in den Industrieländern steigen ließ, aber auch in den Rohstoff ländern, die in den Handel einbezogen wurden.

Bis zur Zeit der Industrialisierung spielte sich der vorher aufgezeigte Wechsel in der Bevölkerungsdichte auf jeweils gleicher Nährfläche ab. Er war also kein agrarisches Problem, sondern der rein zahlenmäßige Nieder- gang von Völkern hatte innere Ursachen, die wir kurz als Verfallserschei⸗ nungen bezeichnen können, Verfallserscheinungen im Volkskörper und da⸗ mit im Staat und in der Kultur jeder Art.

Wir haben vorhin festgestellt, daß heute zwei Drittel der Menschheit auf einem Fünftel der anbaufähigen Fläche der Erde wohnen und daß diese Dichtezentren in Industriestaaten einerseits ohne volle Autarkie und in Agrarstaaten mit annähernder Autarkie zerfallen. Sind die Industriestaaten rein von der Ernährung her betrachtet übervölkert, d. h. können sie ihre Bevölkerung aus dem eigenen Staatsraum nicht ganz ernähren, so sind die