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Schriften der Ludwigs-Universität zu Gießen
 
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nischen Substanzen restlos aus dem Kohlendioxyd der Luft und aus Wasser auf Grund der photochemischen Synthese des Kohlensäure-Assimilationspro⸗ zesses aufzubauen. Unter den Verhältnissen der praktischen Landwirtschaft kommt es aber darauf an, den Boden als Standort und Nährstoffträger der Kulturpflanzen in den Zustand der höchsten Fruchtbarkeit zu bringen und zu erhalten. Die Schaffung optimaler Wärme- und Wasserverhältnisse im Boden, eines gesunden Bakterienlebens und einer richtigen Bodenstruktur, kurzum dessen, was man in der Praxis mit dem AusdruckBodengare bezeichnet, ist aber nur möglich, wenn der Boden über entsprechende Mengen von Humussubstanzen verfügt, die einerseits durch ihr mehr oder minder leichtes Zersetzungsvermögen den Boden entsprechend lockern(Nährhumus) und andererseits ihn an organischen Adsorptionskompleren anreichern(Dauer⸗ humus). Dem Boden müssen daher genügend organische Massen in Form der Wirtschaftsdünger zugeführt werden, wobei es nötig ist, daß sich auch die Reaktions⸗ und Kalkverhältnisse des Bodens in Ordnung befinden. Auf diese Weise wird die Vorbedingung für eine lebhafte Tätigkeit der Mikro⸗ organismen im Boden gegeben. Leichte Böden werden durch die Zufuhr der Wirtschaftsdüngemittel mit organischen Stoffen angereichert und ihre Bin⸗ digkeit steigt, schwere Böden erhalten dadurch die nötige Lockerung. Der dem Boden einverleibte Kalk hat nicht nur die Aufgabe, neutralisierend auf sauren Humus durch Bildung des sogenannten milden Humus zu wirken, sondern die zweiwertigen Kalzium⸗Jonen haben auch für eine Aus⸗ flockung der meist negativ geladenen Bodenkolloide zu sorgen und damit die Vorbedingung für eine richtige Krümelung des Bodens zu schaffen.

Wir haben somit dank der Ergebnisse von hundert Jahren agrikultur⸗ chemischer Forschung erkannt, daß auch die Humustheorie von Thaer, obwohl er von falschen theoretischen Voraussetzungen ausging, ihren richtigen Kern hatte. Unsere moderne Düngung vermeidet bewußt die Einseitigkeit der Thaer'schen Humus⸗ und der Lie big'schen Mineraltheorie; wir wissen, daß zur Erhaltung und Hebung der Bodenfruchtbarkeit die Humusstoffe im Stall⸗ mist und den übrigen Wirtschaftsdüngern von unerläßlicher Wichtigkeit sind, daß wir aber mit den verhältnismäßig geringen Mengen von Nährstoffen, die darin enthalten sind, nicht imstande wären, den enormen Bedarf unserer landwirtschaftlichen und gärtnerischen Kulturpflanzen im Rahmen unserer heutigen, auf höchste Intensivierung eingestellten Landwirtschaft zu decken, wenn wir nicht durch Anwendung der Handelsdünger die fehlenden Nähr⸗ stoffe dem Boden zuführen.

Trotz der gewaltigen Irrtümer, die Liebig begangen hat, wird es immer eines seiner größten Verdienste bleiben, daß er den Anstoß für die Anwendung der Mineraldüngung in der Praxis unserer Landwirtschaft gab. Damit hat er sie und unsere gesamte Ernährungslage von Grund aus um⸗ gestaltet. Nur mit Hilfe einer richtig durchgeführten Mineraldüngung, d. h. einer solchen, die zur Grundlage eine entsprechende Anwendung der Wirt⸗ schaftsdünger als Vorbedingung einer optimalen Ausnutzung der Handels⸗ dünger⸗Nährstoffe hat, ist es möglich, die heutigen gewaltigen Ernteerträg⸗ nisse zu erzielen und uns trotz der großen Bevölkerungsdichte im wesent⸗ lichen auf eigener Wirtschaftsgrundlage ernähren zu können. Die stets stei⸗ genden Ansprüche hinsichtlich Menge und Güte unserer Ernten man