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bekämpft wurde. Auch gelangte Liebig mehr und mehr zu der Meinung, die Stickstoffverbindungen der Atmosphäre als Stickstoffquelle für die Pflan⸗ zen zu betrachten, indem er glaubte, daß die in der Luft vorhandenen Am⸗ moniumverbindungen für die Pflanzenernährung ausreichten. Nach Liebig ergibt die Aschenanalyse ein Bild über die von jedem Bestandteil benötigte Menge an Nährstoffen. Bekanntlich versagte der von Liebig eingeführte Patentdünger, was seine Gegner als willkommenen Anlaß benutzten, über⸗ haupt seine Theorien anzugreifen. Die Ursache war aber nur die durch Vermischung mit Kalk und Caleiumphosphaten bewirkte Schwerlöslichkeit dieses Düngers, um das Auswaschen der Phosphate durch die Drainage⸗ wässer zu verhindern. Im Jahre 1850 bewies Way(23), daß der Boden die löslichen Phosphate zur Ausfüllung bringt, wodurch Liebig den richtigen Tatbestand erkannte. In der Stickstoffrage verteidigte Liebig gegen La wes und Gilbert auch weiterhin seinen Standpunkt. Durch Vegetationsversuche in Rothamsted wurde aber bewiesen, daß mit Ausnahme der Leguminosen alle Kulturpflanzen eine Zufuhr von Stickstoff benötigen.
Eine der wichtigsten Lehren Liebigs war seine Aufstellung des Gesetzes vom Minimum, wonach die Höhe der Ernte von dem im Minimum vor⸗ handenen Nährstoff abhängt. Dieses Gesetz wurde bekanntlich in der Folge⸗ zeit durch verschiedene Forscher, insbesondere Mitscherlich(24), exakt mathematisch formuliert und weiter ausgebaut. Ferner zeigte Liebig, daß der vorhandene Humus zur Ernährung der Pflanzen auf die Dauer nicht ausreicht und in seiner ursprünglichen Form von den Pflanzen überhaupt nicht aufgenommen wird. Betreffs der Atmung der Pflanzen ging er in seinem Eifer zu weit, denn er bestritt sie und betrachtete sie deshalb als etwas Widersinniges, weil dabei Kohlensäure auftritt.
Durch die meisterhafte Darstellung, den glänzenden Stil und die Fülle der Anregungen fanden die Schriften Liebigs in den weitesten Kreisen Ver⸗ breitung und erregten besonders in der praktischen Landwirtschaft ungeheures Aufsehen; die Folge war natürlich, daß sie einen lebhaften Meinungsstreit hervorriefen. Auch Botaniker, wie Schleiden und Mohl(25), traten in diese Diskussion ein und bekämpften Liebig mit schonungsloser Kritik. Zum Verteidiger der Humustheorie gegenüber Liebig warf sich Saussure (20) auf, der behauptete, daß Ammoniak bzw. Nitrate nicht selbst Nah⸗ rungsmittel für die Pflanzen seien, sondern nur zur Humusauflösung dien⸗ ten. Eine wichtige Erkenntnis Liebigs war auch die, daß er die Adsorptions⸗ vorgänge im Boden in ihrer Wichtigkeit für die Pflanzenernährung erkannte.
Liebigs Bedeutung als Gründer der modernen Agrikulturchemie kann am besten durch seine eigenen Worte ausgedrückt werden, daß„er ein Licht in ein dunkles Zimmer stellte, in welchem schon zuvor anwesende Gegen— stände nun auf einmal deutlich wurden“(27).
Bedeutsam für die weitere Entwicklung der Agrikulturchemie war die große Zahl von Männern, die aus Liebigs Schule hervorgingen.
Wir wissen heute, daß Liebig mit seiner restlosen Ablehnung der Auf⸗ gaben des Humus zu weit gegangen ist. Für die eigentliche Ernährung der Pflanzen sind allerdings organische Stoffe nicht nötig, da die höhere Pflanze Chlorophyll enthält und mittels dieses Farbstoffes befähigt ist, die orga⸗


