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Schriften der Ludwigs-Universität zu Gießen
 
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glauben soll. Sei er doch nie gebunden an starre Systeme oder Programme auf weite Sicht. Statt dessen vermöge er geschickt aus dem Stegreif zu handeln, immer das Nächste zu veranlassen nach der Weise: tu, was vor⸗ liegt und warte ab, was wird. Er sei stets imstande gewesen, jede Ver änderung der Gesamtlage beizeiten zu erkennen, dann richtig zu handeln in ihrem Rahmen. Viel Wesens wird auch gemacht um die Vorzüge natürlicher Begabung und Eignung.

Unsere englischen Gegner sprechen sich damit selber ein Lob zu, das einst dem Themistokles gegolten hat, jene Geschicklichkeit zu rascher Erfindung nötiger Maßnahmen in jedem vorkommenden Falle, das gοτνοοντννοννντ⏑ιe» n. Allen Ernstes spielen sie mit diesem Zeugnis, als gehöre ihnen die Note und der Preis, den der große griechische Geschichts schreiber Thukydides(I. 138) dem noch größeren Staatsmann von Athen zu⸗ erkannte:mit angeborenem Verstande und ohne viel Lernens sei er fähig gewesen, bei plötzlichen Vorfällen nach kürzester Überlegung durch treffliche Entschlüsse Herr der Lage zu werden. Auch durch die Hülle der Zukunft habe er geschaut, den Lauf der Geschehnisse vorausgesehen, beizeiten erkannt, was zweckdienlich oder nachteilig sei.

Nur halbwegs aufmerksam braucht man diese Zeilen zu lesen, um fest⸗ zustellen, wie rechtswidrig ihre Aneignung durch unsere Feinde ist. Sie träumen und schmücken sich mit fremden Federn, täuschen ein Trugbild ihrer Staatskunst vor, das Wahngebilde einer Erbweisheit ohne Gleichen in der Welt. Denn wer ist denn seit Jahrzehnten mit Blindheit geschlagen? Wo herrscht Ratlosigkeit bis zur Verzweiflung? Das Geschehen rollt ganz anders ab, als sie sich eingebildet haben. Wer hinkt hinter den Ereignissen her und wer wurde überrascht durch eine neue Weise der Kriegsführung? Wie steht es mit der Gabe, aus dem Stegreif zu handeln und den Augenblick zu meistern? Es sind Wunschträume der Selbsttäuschung. Wer gebietet denn in Wirklichkeit dem Lauf der Dinge? Wo waltet eine Staatskunst, die ohne Beispiel ist? Wem neigt sich die Palme des Sieges zu? Wo aber zerflattert ein Trugbild nach dem andern?

Da brechen wir ab, hören auf, ohne am Ende zu sein. Nur der An⸗ fang einer Kritik von Mythen wurde gemacht, die um England geistern. Solche Betrachtungen erleichtern die Schlußabrechnung mit dem Feind. Sie verscheuchen Gespenster, räumen auf mit Blendwerk und Aberglauben. Denn wir haben nicht bloß mit Fleisch und Blut zu kämpfen, auch mit Mächten, die in der Luft herrschen, mit Geistern unter dem Himmel. Die deutsche Wehrmacht zwar läßt sich kein X für ein U vormachen. Auch der deutsche Sol⸗ dat sieht nicht so aus, als könne man ihm an den Wimpern klimpern mit Unding und Humbug. Er kann, trotz blauen Dunstes doch ins Schwarze treffen. Gleich ihm aber sei klare Sicht in den Kern der Dinge auch denen beschert, die gelehrte Arbeit tun im Kampf mit Trugbildern englischer An⸗ maßung. Denn es gilt einen Gegner zu erkennen, der anders ist, als er sich gibt. Solange er sich selbst im Spiegel gefällt, mags geschehen. Sobald er uns blenden will, reißen wir die Maske herunter.

Lange hat man sie als herbe Wirklichkeitsmenschen angesehen, die sich halten an Tatsachen und nichts geben auf Gefühle, Vermutungen, Träume.