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heiten Mannschaft und Ersatz erhalten, ist mit einiger Wahrscheinlichkeit zu sagen, wie sie erscheinen werden in der Verteidigung oder im Angriff. Die Wissenschaft kann sich erstrecken bis auf den Mann, der die Waffe führt und im Felde etwas wert ist. Wie man ihm dann die Stirn bietet und den Mut abkauft, das weiß der deutsche Soldat selber am besten!
Doch wäre in diesem Zusammenhang der britischen Heereslei⸗ tung zu gedenken, die ihre Anordnungen im Sinne einer Verteidigung trifft. Sie hat den Kleinkrieg organisiert mit der Absicht, den eindringenden Gegner zu erschöpfen, ihn zu ermüden und seine Versorgung zu stören. Sie will auch versuchen, die Geschwindigkeit seines Vorgehens zu verlangsamen, um einen Blitzkrieg zu verhindern, und dafür sorgen, daß die militärische Ent⸗ scheidung verschleppt oder verzögert werde. Denn ihr ist daran gelegen, Zeit zu gewinnen, eine Frist für das Eingreifen anderer Mächte, in der Erwar— tung, daß so eine Wendung der Dinge herbeigeführt werde. Sie handelt nach der englischen Losung:„all is not lost that is delayed“, oder:„durch Aufschub ward noch nichts verloren, sondern alles ge— wonnen“. Sie stellt das Wunder in Rechnung, lehnt sich an Präzedenz—⸗ fälle an und braucht Analogien, um sich danach zu richten. Es fehlt die Erfindungsgabe. Ihr Trost ist Cannae, wo eine Vernichtungs⸗ schlacht verloren und der Krieg gewonnen wurde durch das Ver— halten des römischen Konsuls Fabius, der den Beinamen Cunctator erhalten hat, der Zauderer und Verzögerer. Es ist ein Ehrentitel und sein Träger ihr Ideal als Staatsmann und Feldherr, ein Beweisbeispiel dafür, daß jenes geschickte Hinhalteverfahren Erfolge hat und zum Endsieg führen kann. Bekanntlich wollte er immer den entscheidenden Schlag vermeiden, aber Hannibals Heer in Italien schwächen und zermürben durch dauernde Beun⸗ ruhigung, Geplänkel und Scharmützel. Er schnitt ihm Zufuhren ab, lockte Abteilungen in Hinterhalte, um sie zu vernichten, lenkte seine Reiterei mit List in gebirgiges Gelände, wo sie keine Möglichkeit hatte, sich zu entfalten. So wurde er Herr der Gefahr, und ein Krieg, der 17 Jahre gedauert, fand sein glückliches Ende. i
Mit besonderer Vorliebe redet man in England von„Fabian tactics“ und verspricht sich alles davon. Sie wird erläutert als„masterly inacti⸗ vity“, und„meisternde Untätigkeit“ ist das Kennwort oder der Schlüssel britischer Strategie. Mit großer Genugtuung verzeichnet man die„masterly inactivity“, ein„geniales Geschehenlassen“, als das Geheimnis englischer Staatskunst und den Stern ihrer Erfolge. Sie ist der Weisheit letzter
Schluß und soll das Allheilmittel sein: in verzweifelter Lage eine rettende
Formel, die vor dem Niederschlag bewahrt! Ihr Glaube daran ist ein Aberglaube, eine Fehlrechnung, aufgestellt ohne Rücksicht auf die deutsche Wehrmacht und eine Kriegskunst, die weder an Präzedenzfällen zu messen, noch durch Redensarten oder Formeln zu beschwören ist.
7.
Je weniger Gepränge auf militärischem Gebiet zu machen ist und mit soldatischen Leistungen, um so mehr Prunk wird entfaltet mit dem Blendwerk vom englischen Staatsmann, an dessen Überlegenheit die Welt noch
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