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Schriften der Ludwigs-Universität zu Gießen
 
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ung ein Rest von Wahrscheinlichkeit verbleibe, zu gewinnen. Wer aber in England noch soldatisch denkt, der beklagt von vornherein jede Gelegenheit zu einer Kampfhandlung, die den Gegner im Nachteil fände, nun versäumt werden muß und nicht wiederkehrt. Zur Defensive verurteilt sein, dauernd auf Wacht und in Furcht davor verharren, was der andere unternimmt, wann er kommt und wo, das ermüdet und erstickt den Kampfgeist, fesselt und lähmt den Schwung, der die Truppe fortreißt zum Sieg. Der Verzicht auf den Offensivgedanken zum Schaden der Wehrerziehung versteht sich aus der Zwangslage, in die England geraten ist durch bare Geschäftspolitik. Das Ran an den Feind ist wie immer so heute ausschließlich ein Vorrecht der Deutschen. Zwar gibt es Briten, die in ehrlichem Schmerz den Umschwung der Verhältnisse beklagen, gemessen an dem Wortlaut des Trafalgar-Memo⸗ randums ihres Seehelden Nelson:Im Zweifelsfalle handelt ein Befehls⸗ haber richtig, wenn er sein Fahrzeug entschlossen an den Gegner heranführt. Aber sie sind von Churchill mundtot gemacht und müssen voll Entsagung dem Lauf der Geschicke zusehen.

5.

Seit die deutsche Wehrmacht in Bereitschaft steht vom Nordkap bis zur Biskaya und die Reiter der Lüfte erscheinen, ist ihnen dunkel zu Mute, oder apokalyptisch wie am jüngsten Tag, d. h. mit jedem Schlag gehen neue, sie bestürzende Erkenntnisse auf, und im Zwielicht dämmert ihnen die neue Weltordnung. Das sichere Nest ist zur Falle geworden. Genau vor zwei⸗ hundert Jahren 1740 wurde dasRule Britannia gedichtet von Dr. Arne. Heute beten sie:God save Britain. Denn die Herrscherin der Wogen ist die Gefangene des Meeres, ihm auf Gnade oder Ungnade aus⸗ geliefert.

Nun läßt sich nachweisen, daß auch die Seetüchtigkeit viel Blend⸗ werk enthalten, lediglich anerzogen war, und das Befahren der Meere für sie ein Gewerbe geworden ist, das der wirklichen Natur nicht entsprochen hat. Ungern und widerwillig hatten sie sich dazu bequemt, seit dem 17. Jahrhundert, wo ihnen zum Bewußtsein kam, daß Beute winkt und Unternehmungen im Ausland sehr gewinnbringend sind. In der Tat emp⸗ fand die Mehrzahl der Briten das Seefahren wie eine Mühe und Last, unum⸗ gänglich, aber eine Plage, die in Kauf zu nehmen ist. Sie sind auch heute nur mit halbem Herzen dabei und empfinden wenig Lust. Die Ganzen, Unentwegten, aus echtem Wikingergeist gezeugt, stammen aus Norwegen, Jütland, Holstein und von der Niederelbe. Daher kamehrliche Seefahrt so selten zu Wege, meist nur ein Zerrbild davon, jenes Piratentum der Flibustier, nun ver⸗ körpert im ersten Lord von der Seeräuberei. Wann wäre ihnen auch ein Landungsmanöver vom Meere her einwandfrei gelungen, etwa bei Gallipoli oder in Namsos, Andalsnes, Dakar? Sie treiben den Krieg zur See ebensowenig nach Fehderecht wie Kampfhandlungen auf dem Lande im Sinne einer Waffenehre. Sie sind unfähig dazu. Einer der ihren, der es wissen muß, dessen Urteil Gewicht hat, weil er zuständig war, Lord Fisher, Admiral und Organisator der britischen Flotte(b 1920), warf die Frage auf, ob Eng⸗ länder geborene Seefahrer seien, und verneinte sie. Er hielt seine Landsleute. für lässig, gleichgültig und ohne Schneid, unter keinen Umständen dem