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Schriften der Ludwigs-Universität zu Gießen
 
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sichtbaren Kulturäußerungen umgewandelt wurde, auch den deutschen Men⸗ schen in vielseitiger Weise mittel- und unmittelbar beeinflußt. Schon der Mitteleuropa eigene klimatische Ablauf der Jahreszeiten hat nicht nur auf die natürliche Pflanzenwelt seinen bestimmenden Einfluß, sondern er lenkte auch die Tätigkeit des deutschen Menschen, zwang ihn zu all' den Vorkeh rungen gegen die Auswirkungen des Klimas, wie Kleidung, Wohnung, Heizung, Beleuchtung usw., veranlaßte ihn zu den hundertfältigen Ar⸗ beiten, Versuchen und Erfindungen, um den Ertrag der Kulturpflanzen zu steigern und diese unserem Klima anzupassen, und zu jener Vervollkomm⸗ nung des Verkehrs, welche die Entfernungen im Raum in immer kürzerer Zeit überwindet. Dadurch wurde unser räumlich gebundenes Dasein in immer stärkerem Maße vom Naturzwang befreit. Diese so unendlich viel seitigen Leistungen zur Überwindung des Schicksals unserer geographischen Lage werden uns schnell so alltäglich, daß wir sie als selbstverständlich hin nehmen und daß uns die Gesamtheit dieser Kulturleistungen oft erst in fremden Gebieten zum Bewußtsein kommt, wo sie mehr oder weniger fehlen. Ist somit unser gesamtes Leben an diesen Raum gebunden, ist Staat und Volk, jede Außerung der Wirtschaft, besonders der Landwirtschaft in steter Abhängigkeit zu diesem Raum, so sind umgekehrt die ganzen Leistungen des Volkes jeweils auf die Beherrschung dieses Raumes und seiner natürlichen Bedingungen gerichtet gewesen, und nur dadurch war das Anwachsen der Volkszahl wie der Kulturhöhe zu dem vorhandenen Ausmaß möglich. An⸗ dererseits ist auch die rassenmäßige, geistig-seelische Veranlagung der Deutschen in diesem Raum zu ihrer eigenen Entwicklung gekommen und vom Raum bedingte Kräfte jeder Art haben dabei fördernd und hemmend mitgewirkt, seien es solche Kräfte, die unmittelbar auf Gemüt und Seele wirkten, oder solche, die erst mittelbar durch die Lebensbedingungen Einfluß auf den Menschen als Einzelwesen oder im Gemeinwesen erhielten. Das Gleiche gilt vom Ostraum Europas. Besteht er auch aus verschiedenen Teilräumen mit sehr unterschiedlichen Bedingungen nach Natur und Volkstum, so kann man ihn doch als verschieden von Mitteleuropa diesem gegenüberstellen.

Unter dem Ostraum sind hier folgende Staaten zusammengefaßt, die östlich des Altreichs liegen, von denen wir die nähergelegenen noch zu Mittel- europa rechnen: Finnland, die baltischen Staaten, Polen, Tschechoslowakei, Ungarn, Jugoslawien, Albanien, Rumänien, Bulgarien, Griechenland, die Sowjetunion diesseits des Ural und die Türkei.

Aus Gründen der Statistik mußten auch die Staaten einbegriffen wer⸗ den, deren staatliche Form sich inzwischen durch den Krieg gewandelt hat, oder solche, deren territorialer Bestand inzwischen Aenderungen erfahren hat. War diese Betrachtung zu Anfang des Krieges angestellt, um festzustellen, was der Ostraum Europas uns liefern könne, soweit er uns nach der Nieder⸗ werfung Polens auf dem Landweg offen stand, so scheint mir auch die Betrachtung noch jetzt von Wert, da auch während und nach dem Kriege die wirtschaftlichen und politischen Bindungen bleiben, ja sogar wohl noch weiter ausgebaut werden. Für diese Betrachtung ist es wichtig, die Kräfte zu kennen, die der Ostraum birgt, sowohl die lebendigen Kräfte wie die noch schlummernden.