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Nun lassen Sie mich noch ein Letztes ganz kurz streifen: es ist zu allen Zeiten die Baukunst der eindeutigste Ausdruck für den Geist der Zeit, wenn man diesen Ausdruck zu empfinden vermag. And welche Zeit hätte für diese Tatsache ein besseres verstänoͤnis als die unfrige, welche für Malerei, Plastik und Kunstgewerbe wohl noch tastend nach einem neuen, eigenen, wesensgemäßen Ausdruck für die neuen, ge⸗ gebenen Inhalte sucht, welche aber auf dem Gebiete der Baukunst den eigenen Stil, der schon heute über die Grenzen des Reiches wirkt, ge⸗ funden hat? And wir alle wissen auch warum!- Bauten vertreten er⸗ schöpfend alles, was man im besten Sinne des Wortes den Zeitgeist nennen kann: sie enthalten die Bedͤürfnisse, das Wollen, die Ziele, sind Gefäße des Glaubens, genau wie der staatliche Organismus selbst, dem sie letzten Endes ihre Entstehung verdanken, auch wenn die priwate Initiative der Anreger gewesen ist.
Perikles fand, was die Bauten anbelangt, in Athen eine einmalige Aufgabe vor: die Burg war durch die Perser zerstört, das nationale Heiligtum vernichtet, gleichzeitig mit der Errichtung der Parthenos be⸗ gann auch der Wiederaufbau dieses Heiligtums. An der Stelle des al— ten Hauses für die Gottheit erstand ein neues; das Erechtheion, diese vereinigung vieler, vor allem der ältesten Kultmale wurde vollkommen neu gebaut, und als Abschluß und Krone des Ganzen ließ er das große Festtor, die Propyläen am Aufgange oer Akropolis errichten. In diesem Bau ist sein ganzes ziel der neuen Oroͤnung gleich⸗ sam in Stein verkörpert. 8
Wie der Mann in seinen Ideen gebrochen hat mit der Vereinzelung in Stämme und Stadtstaaten, so verläßt der Bau der Propuläen zum ersten Male in der griechischen Kunst das bis dahin geltende Prinzip der Eigenbedeutung der Einzelbauten innerhalb eines heiligen Bezir⸗ kes. Er faßt den Bezirk jetzt nicht nur als geistige oder religibse Ein⸗ heit, sondern auch als architektonische, als räumliche l Es ist eine Raum⸗ oroͤnung ganz neuartiger Prägung, die uns hier entgegentritt. In die⸗ sem Sinne dürfen wir in den Proppläen der Akropolis die Geburt der europäischen Baukunst erkennen. Aber auch noch in einem an⸗ deren Sinne.
Der Bau besteht aus einem großen und tiefen, alles andere über⸗ ragenden Mittelteil, der eigentlichen Torhalle, und kleineren unter georoͤneten Flügelbauten an den Seiten mit verschiedener Zweckbe⸗ stimmung. Wir haben damit zum ersten Male eine Baugruppe vor uns,
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