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Wie oft hat er in diesen Jahren zu den brennenoͤsten Fragen das Wort ergriffen und sein Volk durch die weithin berühmte Gewalt seiner Rede in seine Bahn gerissen.
Es ist kein Zufall, daß genau im gleichen Jahre 448, da die ge— niale Konzeption des Staatsmannes Wirklichkeit zu werden schien, die den Staat verkörpernde künstlerisch-religiöse Konzeption des Phidias in die Erscheinung tritt: die göttliche Macht, dargestellt in der geistigen Macht des Kunstwerkes, beides verschmolzen zu einem überwältigen⸗ den Ausdruck der politischen Macht des attischen Staates, der sich an— schickte, den Partikularismus, die Vereinzelung der Bündner, zu über⸗ winden mit dem Ziele eines großen, alles Griechische umfassenden Reiches, als einer dauernden Frucht der einmaligen Verwirklichung im Siege über die Perser.
Es mag alles dieses, was ich hier ausgeführt habe, manchen wohl wie eine verstandesmäßige Konstruktion erscheinen, wie eine Allegorie. Aber das ist es nicht, denn die Göttin lebt und ihr Bild ist-das möchte ich klar gezeigt haben für jeden Griechen mehr als ein Bild, ist leib⸗ haftes Wesen selbst.
Perikles war ein Förderer der Kunst, das sahen wir schon an der beispielhaften Erscheinung der Athena Parthenos. Aber er war es nicht im Sinne eines mit großen Mitteln arbeitenden Mäzenatentums, sein Verhältnis zur Kunst hatte gar nichts Genießerisches. Denn wie er als ein überragender Staatsmann, als ein Neuerer der inneren Oroͤ⸗ nung, als ein Gründer des Staates erschien, so war er gleichzeitig ein Gestalter im Reiche der Kunst, gewissermaßen naturnotwendig. Es ist wahrlich kein Zufall, daß eine solche über die allgemeine Norm hinaus⸗ ragende Gestalt zusammenfällt mit der Blütezeit der Kunst: denn beide bedingen ja einander, sind nicht etwa verschiedene Zweige des gleichen Gewächses.
Einer der Lehrer des Perikles war Damon; von ihm ist das sehr bezeichnende Wort überliefert, daß ein Wandel in der Musik überall verbunden sei mit der Anderung der Grunoͤgesetze des Staates. Damit ist auch gleichzeitig gesagt: daß bei einer so grundlegenden Anderung der staatlichen Grundͤgesetze, wie wir sie hier nur ganz flüchtig andeu⸗ ten konnten, und bei einem Manne, dem die Bedeutung der Kunst im Aufbau des Staates klar bewußt ist- daß damit eine grunoͤlegende Verwandlung auch der Kunst Wirklichkeit geworden sein mußte.


