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Schriften der Ludwigs-Universität zu Gießen
 
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übernahmen und umbildͤeten, ihrem eigenen Wesen gemäß, so weit als es möglich war. Es ist eigentümlich zu sehen, wie solche urtümlichen Vor stellungen gerade in dieser Zeit und besonders in Athen bedͤeutungs⸗ voll verwandelt werden: ohne Zweifel ist die Vorstellung von den ver⸗ krüppelten Füßen des hinkenden Hephaist eine vorgriechische, aber ebenso wollen wir nicht übersehen, daß diese klassische Zeit die Vor⸗ stellung des Gottes wohl beibehält, aber die des Verkrüppelten aufgibt, weil Anschönes im Amkreise der Götter keinen Raum hat; und so sehen wir ihn auf einem attischen Biloͤe als einen schönen Jüngling dahinreiten.

Von solchen urtümlichen, sicherlich ursprünglich nichtgriechischen vorstellungen finoͤen wir an der Göttin noch eine Fülle- im reichen Schmuck des Helmes, in der geflügelten Sphinx, welche den Helmbusch trägt, den Greifenköpfen, den Flügelpferden und den Hundeleibern. Wir wissen, daß die Sphinx von den Griechen überwunden wurde, d. h. daß in oͤiesem eigentümlichen Mischwesen eine Vorstellung verkörpert war, die die Griechen überwanden, an deren Stelle sie eine andere setz⸗ ten, und oͤann nahmen sie Wesen und Begriff in ihr eigenes geistiges und religiößses Keich an untergeoroͤneter Stelle wieder auf. Das ist es, was hierin zum Ausdruck kommt.

Aus all diesen Einzelheiten lernen wir die Fülle der Pracht ken nen, die uns fast wie Aberladͤung erscheinen will. Aber es gab noch viel mehr: So ist die Außenseite des Schildes geschmückt mit oem Relief einer Schlacht, in der Athen unter Theseus einen glänzenden Sieg über die Amazonen erringt, im Innern des Schildes sah man die olympischen Götter die Giganten besiegen, an den Rändern der Sandalen endlich ein Kelief mit den Kämpfen der Lapithen gegen die rosseleibigen Ken⸗ tauren.

Aber die Beobachtung der schmückenden Fülle ist nicht das einzige, was wir solchem Beiwerk entnehmen: es ist bekannt, wie gerade diese Zeit der klassischen Kunst, und ganz besonders die phidiasische, in solch mythischem Geschehen Ereignisse der Gegenwart oder der jüngsten Ver⸗ gangenheit sich widerspiegeln sah; man sah im Siege der Götter über die Giganten den Sieg des Hellenischen über die Barbarei, in diesen wie in den anderen Kämpfen also nicht weniger als den eigenen eben errungenen Sieg über die Perser. Der Grieche kennt keine historischen Schlachtenbilder; wie ihm die Geschichte selbst zum Mythos wird, so gestaltet er zeitereignisse im Bilde in der Form der mythischen Sicht.