Das Werk stellte eine in Athen und auch sonst in Griechenland noch nie gesehene Prachtentfaltung dar: es war ein Koloß von über zwölf Meter Höhe. Die Göttin steht- Sie alle kennen ja dieses Werk- ein⸗ fach und ruhig da, das behelmte Haupt nur wenig zur Seite gewendet, die Lippen umspielt ein zartes Lächeln; das Gewand bestand aus Gold, die nackten Teile des Gesichtes, der Arme und Füße aus Elfenbein. An Waffen hat sie den Helm auf oͤem Haupte und die Lanze, den Schild und die Aegis bei sich, aber sie schwingt nicht den Speer im Angriff, hat nicht den Schild zum Schutze erhoben, so wie sie in archaischer Zeit ge⸗ sehen wuroͤe, als ein ragendes Vorbild den Kämpfern, die Kriegerische, die Schlachtenfrohe, die Promaches, sonoͤern der Schild lehnt an ihrer Seite, sie hält ihn mit den Fingern der linken Hand, und die Lanze lehnt an ihrer Schulter. Das ist, wie alles an oͤiesem Werk, jeder kleinste Zug, eine sehr bezeichnende Einzelheit: sie besitzt ie Waffen; aber durch die Art, wie sie gezeigt werden, zusammen mit oͤer ruhigen Re⸗ präsentation des einfachen Stehens, ist diese Göttin, in klarem Gegen⸗ satz zu der bewegten, tätigen, kämpfenden im 6. Jahrhundert- mehr als eine nur kriegerische; sie verkörpert mehr als nur Kampf und Sieg: von dieser Formulierung beginnt die Geschichte dieser Gestalt, die bis in die Gegenwart reicht, in der dͤiese Göttin selbst noch auf den Insignien unserer Aniversität die doppelte Bereitschaft ͤer Waffen und der Wis⸗ senschaft symbolisiert.
Das oͤritte Waffenstück ist die Aegis. Aber hier ist sie nicht mehr die Schreckliche, die Klirrende, die Aegis mit dem versteinernden Blick der Gorgo in der Mitte, die Schrecken und Furcht für die Feinoͤe, Kraft und Sieg für die Freunde verbreitet-alle Einzelheiten einer früheren geit sind vorhanden, aber gemildert; rein äußerlich ist die Aegis hier nur mehr ein Halskragen, ein Kleidungsstück, wenn auch gesäumt mit kleinen Schlangen, zusammengehalten mit einer elfenbeinernen Schließe, dem kleinen Gorgoneion.
Also auch hier sehen wir das gleiche: die im alten Glauben ver— körperten Möglichkeiten sind vorhanden, aber nicht einseitig und aus⸗ schließlich, gewissermaßen in den Voroͤergrund gerückt, sonoͤern abge— mildert, verwandelt, mit anderen zügen in Abereinstimmung gebracht.
Im Winkel zwischen dem linken Bein und dem an dieses Bein ge⸗ lehnten großen Schild lugt spähenden Auges eine Schlange hervor: es ist die alte Burgschlange, ein Rest uralten, sicherlich vorgriechischen Glaubens, den die Griechen bei der Besitznahme des Landes vorfanden,


