Trotz der vorausgesetzten Kenntnis von Werken der klassischen Kunst in weiteren Kreisen, ist es heute besonders schwierig, die Menschen, vor allem die Jugend, für die ebenmäßigen Fügungen der klassischen Kunst zu erwärmen, denn es scheint, daß heute mehr die gespannte Strenge archaischer Prägungen die Herzen gewinnt als die scheinbar leiden⸗ schaftslose Ruhe der„schlichten Einfalt und stillen Größe“ dieser Werke, weil man heute andere Sensationen sucht als die der Erhabenheit, eines durch Maß und Oroͤnung gebändigten Pathos. Alles dies aber sind Wesenszüge der klassischen Kunst des 5. Jahrhunderts, die sich von der strengen, geschlossenen Anmittelbarkeit archaischer Bildwerke ebenso ab⸗ heben wie von der schönen, fast etwas müden Weichheit, der schmieg⸗ samen Linie des vierten, ooͤer von der leidenschaftlichen Erregtheit hel lenistischer Werke, wie enoͤlich von oer unerbittlichen Wiedergabe eines menschlichen Vorbild es im römischen Porträt. Aber schon mehren sich die Anzeichen oͤafür, daß gerade die lebenoͤige Gegenwart ein beson⸗ deres Verstänoͤnis erschlossen hat für die Norm, für die Gesetzmäßig⸗ keit eines polykletischen Leibes, für die geistige Ausdruckskraft des Leiblichen überhaupt, für die Verschmelzung der angeblich trennbaren Begriffe von Inhalt und Form zu einer Einheit, zu einer Ganzheit im Kunstwerk, seit die jahrtausenoͤlange Gültigkeit der Vorstellung einer Trennung, einer Gegensätzlichkeit von Leib und Geist beseitigt ist.
Aber damit sind wir schon mitten oͤrin-in der Aussprache über die Wesenszüge dieser klassischen Kunst; denn der Mangel oͤer Anschauung zwingt unsere Erörterung notwendig zu einer grunoͤsätzlichen Be⸗ schränkung- ooͤer Ausweitung, je nach oͤem Stanoͤpunkt, den wir ein⸗ nehmen, zwingt uns, durch die Tat eine Haltung genauer zu präzi⸗ zieren, welche an die Betrachtung von Werken der bildenden Kunst mit der Aberzeugung herantritt, oͤaß der Wesenskern eines Werkes mit der bloßen Analyse der Formensprache allein niemals erschöpfend erfaßt werden kann, so unerläßlich diese als Voraussetzung ist, auf unser be⸗ sonoeres Gebiet angewendet: daß oͤie Klassik mehr bietet als nur Form— probleme!
Es ist noch ein weiterer Grunoͤsatz, dessen Richtigkeit die Erfahrung lehrt, den wir an den Anfang stellen müssen: von einem bedeutenden, vollkommen schönen und überragenden Kunstwerk, von oͤem wir viel⸗ leicht auch wissen, oͤaß es zu seiner Zeit zu den berühmtesten zählte, müssen wir fordern, daß es die hauptsächlichsten Wesenszüge seiner Epoche in sich trägt, enthält. Denn ein bedeutendes Werk gestaltet ja diese Epoche. Das ist zu allen Zeiten so gewesen. And in der Tat gilt


