Die Köpfe der Spermien sind aber weiter nichts als umgewandelte Zellkerne. Zu diesen alten und nur an den genannten drei Objek- ten anwendbaren Methoden kommt neuerdings die allgemeine Me- thode von M. Behrens hinzu, mit der es gelingt, auch aus Or- ganen und Geweben Zellkerne darzustellen(1). Hierbei werden die Organe zuerst scharf getrocknet und dann so fein gemahlen, daß kerne und Protoplasma als völlig getrennte Partikel vorliegen. Die eigentliche Trennung von Kernen und Protoplasma in diesem Organstaub geschieht mit Hilfe ihres verschiedenen spezifischen Gewichtes durch Absitzenlassen in wasserfreien organischen Flüs- sigkeiten von geeignetem spez. Gewicht(Mischungen von Ather und Chloroform).
Man hatte schon frühzeitig gefunden, daß in den bisher isolier- ten Zellkernen neben Eiweiß und anderen Stoffen eine eigentüm- liche phosphorhaltige Substanz von Säurecharakter vorkommt, die Thy monucleinsäure genannt wurde. Zwar hat man ähnliche Körper auch aus(wenn auch nicht sehr zahlreichen) Organen des Tier- und Pflanzenreiches erhalten, doch fehlte in allen diesen Fällen der Beweis, daß sie hier auch wirklich in den Zellkernen vorkommen, und lediglich die chemische Ahnlich- keit der aus den Geweben dargestellten Nucleinstoffe mit den aus isolierten Kernen gewonnenen hat zu dieser Anschauung geführt. Der Beweis ist also ein Analogieschluß. Ein solcher mag solange hingenommen werden, als die aus den Geweben gewonne- nen Nucleinsäuren mit jener aus isolierten Kernen dargestellten Nucleinsäure identisch sind. Diese Voraussetzung fehlt aber Zz. B. bei der pflanzlichen Nucleinsäure. Hier liegen die Verhältnisse ganz besonders schwierig, da es niemals gelungen war, pflanz- liche Zellkerne zu isolieren. Die aus Pflanzen dargestellte Nuclein- säure ist die Hefenucleinsäure, die man sowohl aus nie- deren Pflanzen(Hefe) als auch aus höheren(Weizenkeimen) dar- gestellt hat. Die Hefenucleinsäure ist aber von der Thymonuclein- säure verschieden. Trotzdem hat man den Schluß gezogen, daß die Hefenucleinsäure in den pflanzlichen Kernen vorkomme. Man hat sie auch als„pflanzliche“ Nucleinsäure bezeichnet und damit in einen biologischen Gegensatz zur„tierischen“ Thymonuclein— säure gesetzt. Diese Vorstellungen bilden die Grundlagen unserer Kenntnisse über das Vorkommen der Nucleinsäuren; sie können aber, wie gezeigt werden wird, nicht aufrecht erhalten werden.


