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Schriften der Ludwigs-Universität zu Gießen
 
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mehr Krankheitsfälle der noch nicht genügend Immunisierten bedingt. Die Folge ist eine Verschiebung des Erkrankungsalters, eine Alters⸗ präzession, die durch die Statistik bestätigt wird. Nach schwedischen und amerikanischen Berichten tritt die Kinderlähmung in der Stadt vorwiegend bei Kindern auf, auf dem Lande werden Kinder und Jugendliche ungefähr gleich stark befallen. Die Altersklassenmorbidi⸗ tät der endemischen Diphtherie, nach Stadt und Land getrennt, weist ein gleichsinniges Verhalten auf. Eine Analyse des Altersklassen⸗ befalls und der Letalität in ihrer Abhängigkeit von sozialer Lage und Kinderzahl führt zu analogen Ergebnissen. In den kinderreichen är⸗ meren Familien verdichtet sich wegen erhöhter Exposition die Mor⸗ bidität der Masern auf die früheren Altersklassen. Da die Masern⸗ letalität der ersten Jahrgänge größer ist, muß die Alterspräzession zur Ursache einer höheren Todesziffer im Vergleich zu den wohlhaben⸗ deren Familien werden.

Diese für die Verbreitung und Auswirkung endemischer Seuchen bedeutsamen Folgerungen erhalten eine wesentliche Stütze durch die immunbiologischen Feststellungen der kausalen Forschung, die Er hebungen über Immunkörpertiter und Verbreitung der Antigene und die analogen Erfahrungen mit der aktiven Immunisierung. So weisen gerade jene Menschen einen hohen Antitoxintiter auf, für die nach⸗ weislich, wie bei Personen auf Diphtheriestationen, eine kontinuier⸗ liche Möglichkeit der Keimaufnahme besteht. Die Häufigkeitskurve des negativen Schicktestes als Ausdruck der Diphtherieempfänglichkeit steigt mit zunehmenden Lebensjahren bis zum Erwachsenenalter an. Ihre Aufgliederung zeigt wieder jenen Einfluß milieubedingter Fak⸗ toren. die auch die Immunitätslage auf Grund der stillen Feiung variieren. Die gesteigerte Exposition mit zunehmender Bevölkerungs⸗ dichte und die damit einhergehende erhöhte Möglichkeit der Antigen⸗ aufnahme ist durch zahlreiche Massenuntersuchungen bestätigt worden. Werden die Bazillenbefunde von 10% und eine durchschnittliche Ba zillenbeherbergung von 10 Tagen der Berechnung zugrunde gelegt, so ergibt sich für Großstädte, daß rund ein Drittel der Schulkinder im Laufe eines Jahres zu Bazillenträgern werden. Nur diese wieder holten unterschwelligen Infektionen führen zu dauerhafter Spontan⸗ immunität. Nach neueren Erfahrungen ist offenbar auch die Nach haltigkeit der aktiven Schutzimpfung in diesem Sinne milieugebunden. Reykjavik, eine Stadt von der Größe Gießens, die lange Jahre frei von Diphtherie gewesen ist, wurde 1935 von schwerer Diphtherie heim⸗ gesucht. Von rund 2200 Kindern waren nur 10,6% schicknegativ. Nach