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Die Infektionswahrscheinlichkeit ist eine Frage der Infektionsgelegen⸗ heit und verschieden je nach Infektionsquelle und Weg und damit den Beziehungen, die das menschliche Leben mit seiner umwelt ver— knüpfen. Infektion ist jedoch nicht gleichbedeutend mit Krankheits⸗ geschehen. Entscheidend ist der jeweilige Grad der Empfänglichkeit, das im Tierversuch quantitativ faßbare Kräftespiel zwischen Organis⸗ mus und eingedrungenem Krankheitserreger. Demnach muß der Werdegang einer Epidemie auch eine Funktion jener Widerstands⸗ kräfte sein, die wir als natürliche Resistenz und Immunität bezeichnen.
Wie nun die Geschichte lehrt, haben Seucheneinbrüche in bisher verschonte oder selten heimgesuchte Gebiete eine ungeheure Ver— breitung erreicht, alle Altersklassen ziemlich gleichmäßig betroffen und weit mehr Todesopfer gefordert als bei öfterer Wiederkehr. Mit dem Abergang in die endemische Seuche tritt eine Beruhigung und ein grundlegender Wandel ein. Die Erkrankungshäufigkeit nimmt ab, die durchschnittliche Empfänglichkeit wird also geringer, um so mehr, je weniger ansteckend die Seuche ist. Gleichzeitig weist die Morbiditäts⸗ statistik einen erheblich geringeren Befall der älteren Jahrgänge auf. Auf den Faröern, wo der Keuchhusten nur in großen Intervallen aufzutreten pflegte, forderte er sehr viele Opfer. In Städten mit regel⸗ mäßiger Epidemienfolge nimmt er heute meist keinen größeren Um⸗ fang an. 1873 waren die Faröer sicher 57 Jahre von Scharlach ver— schont gewesen. Bei seiner Einschleppung erkrankten 38 00 der Be⸗ völkerung, bei einem Maserneinbruch unter gleichen Bedingungen 99%. Während bei den ersten Pockeneinbrüchen alle Altersklassen gleichmäßig befallen waren, entfielen im 19. und 18. Jahrhundert ca. 90% der Fälle auf das Lebensalter unter 10 Jahren. Dieser Aber⸗ gang einer Seuche zur Kinderkrankheit ist bezeichnend für das Seß— haftwerden als Endemie. Auch bei der ansässigen Bevölkerung in Malariagebieten sind vor allem die Kinder und unter diesen die klein⸗ sten am schwersten erkrankt.
Die hohe Todesquote der ersten Seucheneinbrüche beruht auf einer Ausmerze der Widerstandslosen, die spätere Altersverschiebung der Morbidität zunächst auf einer größeren Kontakt- und Infektions- häufigkeit, also einer erhöhten Exposition. Diese praktische Abiquität der Erreger schafft zugleich die Möglichkeit einer wiederholten Keim⸗ aufnahme, die, z. B. bei Diphtherie, zu unterschwelligen Infektionen und im Laufe der Zeit zur stillen Feiung führt. Je stärker die Be⸗ siedlungsdichte, desto häufiger ist die Kontaktgelegenheit, die eine lückenlosere Immunisierung mit fortschreitendem Alter, aber auch


